Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 490 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292994--03789-2297069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
490 Gesetzesfreude. sie fast überall die gleichen. Daher fühlt der Jude, in welches Land er auch komme, sich in der Synagoge heimisch. Ergreifend schildert Mosenthal in einem Gedicht ״Heimat in der Fremde“ die Geschichte eines nach Amerika ausgewanderten polnischen Juden, der dort ״sein Glück gemacht hat״, aber seiner Religion entfremdet wurde. Am Hafen von Neuyork fällt er dem alten Nathan auf, der ihn kaum wieder erkennt. Er will zuerst nichts von dem neuen Ankömmling wissen, doch dann besinnt er sich und fragt nach seiner alten Mutter. Der Alte berichtet von ihrem Tode und führt den durch die Nachricht Ergriffenen zum Kaddischsagen nach Schul. Durch enge Straßen wandeln stumm die Zwei Und treten schweigend in des Tempels Pforten. Da murmelts leise von Gebetesworten, Da summts in altbekannter Melodei; Da füllen sich um Benjamin die Räume Mit Bildern halbvergeßner Jugendträume. Er lauscht der Sprache, die dem Kind geklungen In der, wenn er die Sabbatnacht begrüßt, Sein frommer Vater Psalmen einst gesungen, In der die Mutter segnend ihn geküßt. Und wie er hintritt zu dem heilgen Schrein, Um der Verklärten an des Altars Stufen Den letzten Gruß der Liebe nachzurufen, Und tönend stimmet die Gemeinde ein; Da überkommts ihn wie in frühem Tagen, Er sieht die Mutter festlich weiß geschmückt, Er sieht sie gegen Osten fromm gebückt, Omen, jehe schme rabbo sagen, Und tränenvoll hebt sich sein Aug’ empor, Und wieder hat sein Herz, was es verlor. Es ist übrigens ein weitverbreiteter Irrtum, zu glauben, daß unsere ״jüdischen Melodien“ jüdisches Gemeingut seien. Im Orient kennt man sie nicht. Auch andere Melodien, die diesen Namen verdienten, wenig. Der Gottesdienst ist dort daher sehr eintönig. Als ich in Algier einmal — es war auch an einem Simchas Thora — zur Thora aufgerufen, die Broche im getragenen Simchas-Thora-Niegen meiner Heimat sagte, war die Gemeinde hocherfreut. ״Warum haben wir nun