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Jeschurun · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1919) · p. Seite 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 253 (sequence 31)
Language
German
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Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. 253 irrenden Sittenlehren, die andere Beligipnen und philosophische Systeme verkünden. Die Untersuchungen innerhalb der jüdischen Sittenlehre nahmen manchmal eine kasuistische Form an und sie lassen sich nicht mit dem Pathos vergleichen, das uns hei ihren Gegnern begegnet, wenn sie von Feindesliebe und von der Selbstopferung reden. Aber sie ruhen auf einer gesunden Grundlage, auf der Grundlage der Wahrheit. Und darum sind sie in Wahrheit gerecht, und im höchsten Sinne sittlich. Ein Beispiel: Es kann einer nur sein eigenes Leben retten, wenn er auf Befehl einen anderen tötet. Und es wird entschieden: Du darfst nicht töten, um dich zu retten; denn die Frage könnte sich doch nur erheben auf Grund der religiösen Vorschrift, daß jedes menschliche und göttliche Gebot zurücktritt, wenn es nur auf Kosten des Lebens erfüllt werden kann. Da aber hier in jedem Falle ein Leben vernichtet wird, so ist die Frage: ״Woran kannst du denn erkennen, daß dein Blut röter ist, vielleicht ist das Blut des anderen röter“ d. h. wer sagt dir, daß das Leben des anderen, das du um deiner Bettung willen vernichten willst, weniger wertvoll ist als das deine. Aber ebenso gilt auch das zweite: Es gehen zwei auf dem Wege und der eine hat einen Krug mit Wasser. Wenn beide davon trinken, müssen sie beide sterben, da das Wasser nicht für beide reicht; wenn aber nur einer davon trinkt, dann kann er noch rechtzeitig in eine bewohnte Gegend gelangen. Ben Patura lehrte: Besser ists, daß beide sterben und der eine nicht Zeuge werde des Todes seines Nächsten. Bis Babbi Akiba (derselbe B. Akiba, der es aussprach:, ״Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst״ das ist ein Grundprinzip der Thora) — kam und lehrte; ״Dein Bruder soll mit dir leben“ d. h. Dein Leben geht dem deines Nächsten vor. Denn auch hier muß ein Leben geopfert werden, und du bist ebenso berechtigt die Frage zu stellen: Woran erkennst, du, daß das Blut deines Nächsten röter ist als das deine? Das klingt nicht so pathetisch, wie das, was wir von der anderen Seite von Nächstenliebe hören. Aber es ist gesund

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