Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 229 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292992--03522-2296800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. 229 Menschenlos teilt, den dunklen Mächten die in das Weltgetriebe nach unerforschliehem Ratschluß eingreifen, seinen Tribut zu zollen, er selbst hat sich die Grube gegraben, in die er fällt. Nach dem, was der Prozeß gegen Suchomlinow ergeben hat. kann kein Zweifel darüber herrschen, daß die Mobilisierung der russischen Armee, die zwangsläufig den Weltkrieg einleitete, von den Kreisen erzwungen wurde, die in ihm ein Mittel sahen, sich am Ruder zu erhalten. Die Gährung im Innern, hervorgerufen durch eine vom Blut der Besten besudelte tyrannische Unterdrückung aller ״Fremdvölker44 und aller Bestrebungen, der politischen Freiheit eine Bahn zu brechen, sollte nach altem Muster wieder einmal durch einen Krieg abgelenkt werden. Einen Krieg, der diesmal ja doppelten Erfolg versprach, dem Panslavismus, zu dem auch die Revolutionäre schwören, zum Siege zu verhelfen und den Freiheitsstürmern im eigenen Lande durch den Hinweis auf das Bündnis mit den Demokratien des Westens ein lockendes Ziel vor Augen zu stellen. Den Wechsel auf die Zukunft einzulösen, würde man, gestützt auf die Disziplin des siegreich zurückkehrenden Heeres schon zu vermeiden wissen. Und eben dieser Krieg ist es gewesen, der die revolutionären Ideen, die stets auf die dünne Schicht d«r Intelligenz beschränkt waren, bis in die Köpfe der zähen und jeder politischen Beeinflussung unzugänglichen Masse der Muschiks hat dringen lassen. Die Klugen lächelten über die Wichtigkeit, die man den Nadelstichen zuschrieb, mit denen die Nihilisten den gewaltigen Koloß bedachten; die, denen die Menschenwürde heilig war, ihnen blutete das Herz über die scheinbar sinnlosen Opfer, die die Märtyrer der Befreiung brachten; und die kalten Rechner spotteten über die Handvoll Juden, die dem Zaren eine Konstitution abtrotzen wollten. Aber wir alle wußten, daß das Denken und Fühlen des russischen Volkes einem Islam gleicht, daß es, wie von außen durch seine räumliche Ausdehnung, so im Inneren allein durch seine ungeheuere Masse, Gott und dem Zaren auf Leben und Tod ergeben, unangreifbar und nicht bis ins Herz zu treffen ist. Für Jahrhunderte glaubten *wir die alten Zustände