Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292990--03295-2296571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 Alte Lösung netter Probleme. physische Problem ist früher öfters durch den Schmelztiegel der Kritik gegangen. Wenn es aber seit einer- Reihe von Jahren von der Tagesordnung der Religionsphilosophie abgesetzt wurde, so liegt der Grund ganz allein darin, daß selbst die Vertreter der radikalen Richtung der modernen kritischen Bibelforschung den übernatürlichen Charakter des prophetischen Fernblickes nicht zu bestreiten vermögen. Vereinzelte Extremradikale, die auch hier mit naturalistischen Prinzipien durchzudringen versuchen, können, trotzdem sie vor den ausschweifendsten Theorien keinesfalls zurückschrecken, zu keinem Ziel gelangen. In der Tat, wie will man die unzähligen, den unverwüstlichen Fortbestand Israels verbürgenden Äußerungen auch solcher Propheten, die in den Zeiten tiefster nationaler Erniedrigung und politischer Auflösung lebten, nach natürlichen Gesetzen erklären? Ich will hier nicht die betreffenden biblischen Stellen als Belege anführen. Sie sind wahrlich nach Hunderten zu zählen. Wem sind nicht Aussprüche wie כי כאשר השמים החדשים וגו׳ כן יעמוד זרעכם ושמכם geläufig? Und kann hier selbst die zügelloseste Hypothese, die solche Bibelstellen in die spätesten nachbiblischen Jahrhunderte verlegt, etwas für den Naturalismus gewinnen? Wie zahlreich sind doch die Momente in der jüdischen Diaspora, in denen ein Verschwinden des Judentums dem natürlichen Lauf der Religionsgeschichte entsprochen hätte! Gibt es irgendein historisches Gesetz oder auch nur eine Regel, die den Propheten Richtschnur bei der Beurteilung der fernen Zukunft ihres Volkes hätte abgeben können? Solche Zukunftsgedanken wären auch schon im Hinblick auf eine große Nation, die mit ihrem heimatlichen Boden, mit allen ihren nationalen Gütern unzertrennlich geblieben, lächerliche Phantasien —, nun erst bei einem winzigen Gemeinwesen, das seinen nationalen Inhalt völlig eingebüßt hatte. Ist denn auch nur eines jener außer jüdischen Völker, die Zeitgenossen «nserer Propheten waren, am Leben geblieben? Oder haben bereits die alten Propheten den ״Willen zum Judentum“ •der den ״Willen in der jüdischen Geschichte“ entdeckt?