Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Date
- 1918-07-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Der G־ott der Rache. Nicht aus Racheinstinkten, sondern aus dem sie überwindenden RechtsbewuJßtsein ist der jüdische Begriff des אל נקמות, des Gottes der Sühne, geboren. Die Bibel verweist den schwer Geschädigten an das Gericht, damit nicht nur sein Anspruch Befriedigung finde, sondern damit das Unrecht gesühnt werde. Richter und Geriehtsschreiber soll es an allen Toren geben; auch wo kein Kläger ist (bei heimlichem Mord), soll ein Richter sein. Daher ist das Recht kein Notbehelf, sondern eine heilige Sache. Gott richtet inmitten der Richter, beginnt der 82. Psalm, der übrigens nicht nur (vielleicht überhaupt nicht) von jüdischen, sondern jedenfalls von heidnischen Richtern redet. Wenn also vom Richterthron ״Rechtsbruch statt Rechtssprach“ (Jes. 5, 7) ausgeht, so ist nicht nur ein Privatinteresse gefährdet, sondern das göttliche Recht selbst und der Anspruch der Gesamtheit auf seine Durchführung. Nicht persönliche Kränkung macht die Propheten zu Kritikern der ungerechten Richter, wie den oft und nicht ohne Grund mit ihnen verglichenen griechischen Dichter Hesiod; aber auch nicht wesentlieh Mitleid mit dem persönlichen Schicksal eines Naboth, einer Witwe, eines Waisenkindes, eines Fremdlings. Sie streiten für das Recht, das jeden wahrhaft Frommen zum Annehmer hat. Beim Unrecht kann es nicht bleiben, weder innerhalb des eigenen Staates noch im Zusammenleben der Völker. Dafür sorgt ihr Gott: der Gott der Gerechtigkeit. Spricht er nicht durch Richtermund: herbeiführen wird er die Sühne, trotz der Richter und — über die Richter! Das ist ihr Glaube. Wie aber, wenn die sicher erwartete Sühne ausbleibt? Wenn das Gottesgericht an den Justizmördern, das der Glaube fordert, sich — soweit Menschenauge reicht — nicht zu vollziehen scheint? Dann steht weit mehr in Frage als Privatinteresse, ja, mehr als das Recht: dann wankt der Bau der religiösen Weltanschauung. Ist es nicht, als ob der höchste Richter die Sühne des Unrechts verabsäume? Und wie wäre das möglich? ״Der Richter der ganzen Erde —