Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- – (sequence 99)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Rußland und Polen. die jüdischen Gemeinden als Gesamtheit gezwungen wurden, eine bestimmte Anzahl Rekruten zu stellen, so mußten sie zu Gewaltmaßregeln ihre Zuflucht nehmen, um die ge־ forderte Zahl zusaramenzubringen. Sie stellten besondere Mittelspersonen an. ״Häscher“ oder im Jüdischen .,Chappers“ genannt, die buchstäblich auf Kinderraub ausgingen, um diese Kinder zu jüdischen Rekruten zu pressen. Die Chappers waren nicht allzu gewissenhaft und konnten es vielleicht auch nicht sein. Um die Zahl zu vervollständigen, raubten sie oft Kinder unter dem vorgeschriebenen Alter von zwölf Jahren, griffen bisweilen kleine Knaben von acht Jahren auf und gaben, wenn sie sie der Obrigkeit ablieferten, ein höheres Alter an. Sie nahmen sie oft aus den Armen ihrer Mütter weg, ja ganz buchstäblich rissen sie sie ihnen weg und ließen hinter sich weinendes oder sprachloses Elend. Diese furchtbare Rekrutenaushebung übte einen höchst demoralisierenden Einfluß auf das ganze öffentliche Leben der jüdischen Gemeinde aus. Es brachte außer andern Schäden das Gift der Angeberei oder ״Mesiroh“ hervor, das für lange Zeit wie ein Krebsschaden am Lebensmark der russischen Juden heit zehrte. Was die Opfer selbst betrifft, so vermag keine Einbildungskraft, auch nicht die eines Juden, der mit der Leidensgeschichte seines Volkes in der Vergangenheit vertraut ist, auch nur annähernd die Schrecken sich auszumalen, die die sogenannten Kantonisten erwarteten. Unmittelbar nachdem die Rekruten eingezogen oder richtiger geraubt waren, wurden sie in einen Kerker gesperrt, wo sie bis zur offiziellen Musterung bleiben mußten. Darauf wurden sie wie Schafe auf einen Waggon verladen und nach ihren Bestimmungsorten, meistensteils in die entlegensten Provinzen des Reiches versandt, wo sie dreißig, ja bisweilen vierzig Jahre zubringen mußten. Die meisten unter den jüngeren, aber auch viele ältere starben unterwegs. Diejenigen, die an ihren Bestimmungsorten anlangten, wurden in die Kantinen untergebracht und sofort bearbeitet, um sie der Taufe zuzuführen. Keine Grausamkeit war grausam genug zur Erreichung dieses 24*