Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Juden in Rußland und Polen. 353 was der Dienst in dem Heere Nikolaus mit seiner karten Manneszucht und seiner unmenschlichen Dauer (nämlich ein volles Vierteljahrhundert) für den streng orthodoxen und völlig für sich lebenden Juden Rußlands bedeutete. Was die Juden fürchteten, nämlich den ״entjudenden“ Einfluß einer so lange dauernden Militärzeit in christlicher Umgebung, das grade lockte Nikolaus, und die Einstellung von Juden in das Heer wurde schleunigst beschlossen. Aber damit begnügte er sich nicht. Der hoch entwickelte Stand der jüdischen Erziehung hatte die geistig^ Reife der jüdischen Jugend beschleunigt, so daß sie in dem jungen Alter von achtzehn Jahren, dem Gestellungsalter, bereits gegen Bekehrungseinflüsse gefeit war. Daher mußte sich die eiserne Faust des Zaren auf den Juden in zartester Jugend legen. Die Juden sollten in das Heer nicht im Alter von achtzehn Jahren wie die christliche Bevölkerung, sondern im Alter von zwölf Jahren eingereiht werden, obgleich die fünfundzwanzig Dienstjahre erst vom achtzehnten Lebensjahre an gerechnet werden sollten. Diese sechs Jahre der heranreifenden, Eindrücken leicht zugänglichen Jugend sollten diese jüdischen Kinder weit entfernt vom Ansiedelungsgebiete in militärischen Anstalten zubringen, die Kantinen oder Kantone hießen, — daher ist die Bezeichnung ..Kantonisten“ für diese jüdischen Knaben üblich geworden, — in denen sie für das Heer und — dies natürlich wurde nicht offen gesagt aber offenbar bezweckt — für die Kirche vorbereitet werden sollten. Jede jüdische Gemeinde sollte in ihrer Gesamtheit für die Lieferung eines bestimmten Prozentsatzes jüdischer Rekruten verantwortlieh gemacht werden. Bezeichnend für den Geist der ganzen Maßregel sind die Einzelheiten, die für die Abnahme des Fahneneides dieser Rekruten vorgeschrieben waren. Diese feierliche Handlung sollte in der Synagoge vor der geöffneten heiligen Lade vor sich gehen und sollte aus einer langen und grausigen Formel bestehen, die vor brennenden Kerzen und unter Schopharblasen vorgesprochen werden mußte, während der Rekrut in Tallis 24