Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 198 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Die Juden in Rußland und Polen. Bevölkerung, die stets das Aschenbrödel des Staates gewesen war, findet in verschiedenen Umständen seine Erklärung. Die Aufhebung der Austreibung aus den Dörfern, die drei Jahre zuvor angeordnet worden war, wurde, wie es scheint, von den Juden als ein glückverheißendes Vorzeichen für die künftigen wohlwollenden Pläne der Regierung angesehen. Dazu befürchteten die jüdischen Massen Rußlands, die mit aller Zähigkeit an ihren Besonderheiten in der Lebensweise festhielten, und dieser Befürchtung wurde von einem berühmten zeitgenössischen Rabbiner Ausdruck verliehen, — und, wenn ich recht unterrichtet bin, ist sie auch für die Haltung vieler russischen Juden im Weltkriege bestimmend gewesen, — daß der Sieg Napoleons, obwohl vom materiellen Gesichtspunkte aus für die Juden vorteilhaft, doch in seinem Gefolge die Keime religiöser Zersetzung mit sich führen könnte, die man damals in Deutschland wahrnehmen konnte. In jedem Falle stand die treue Anhänglichkeit der Juden in einem seltsamen Gegensatz zu der Haltung der sogenannten eingeborenen Bevölkerung der Polen, die un 7erkennbar mit dem Eroberer sympathisierten, obwohl, wie es scheint, die Juden im Gegensatz zu den modernen Polen noch nicht diplomatisch genug oder noch nicht zivilisiert genug waren, um als Ankläger gegen ihre Landsleute aufzutreten. Diese patriotische Haltung der Juden rief die Überraschung und Bewunderung der russischen Machthaber hervor. In Grodno, woselbst die polnischen Behörden im Verdacht verräterischer Gesinnung standen, wurde die Polizeiverwaltung i* die Hände des jüdischen Kahal gelegt. Selbst der kaiserliche Judenhetzer Nikolaus, der als Großfürst kurz nach dem Kriege die Provinzen bereiste, die Kriegsgebiet gewesen waren, konnte nicht umhin, den uneigennützigen und oft heroischen Leistungen der Juden seine Anerkennung zu zollen, obwohl er im gleichen Atemzuge sich nicht enthalten konnte, sie als Blutegel zu bezeichnen, die das Blut des Landes aussaugen. Zar Alexander wußte von dem Patriotismus seiner jüdischen Untertanen, erwähnte ihn oft mit warmer Anerkennung und versprach bei verschiedenen Gelegenheiten, ihr Los zu erleichtern.