Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 196 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Die Juden in Rußland und Polen. Beweis unserer Sorge für ihre Wohlfahrt zu liefern,“ ersuchte der Zar die jüdischen Gemeinden oder Kalials um ihre Meinungsäußerung über den gangbarsten Weg, die Bestimmungen der Verordnung in die Wirklichkeit zu übertragen. Die jüdischen Gemeinden verfehlten nicht, dieser Aufforderung zu entsprechen. Natürlich wiesen sie alle übereinstimmend auf das Verhängnisvolle der beabsichtigten Vertreibung hin und setzten die Bedenklichkeit der in Aussicht genommenen Kulturreformen des jüdischen Lebens auseinander. In dem Zeitpunkt jedoch, in dem die jüdischen Antworten die Hauptstadt erreichten, hatte die politische Lage einen radikalen Wechsel erfahren. Der Tilsiter Friede war unterzeichnet worden, und Alexander unterlag dem Zauber der großen Persönlichkeit des Korsen. Politische Verwickelungen waren nicht mehr zu befürchten, und am 19. Oktober 1807 erließ der Zar einen Ukas, in dem er — und dabei vergaß er ganz seine Sorge für die Wohlfahrt seiner jüdischen Untertanen — auf das entschiedenste die Austreibung der Juden ״ohne die geringste Verzögerung und Milderung״ anbefahl. Die Vertreibung begann. Tausende von Juden wurden aus ihren Wohnsitzen in den Dörfern ausgewiesen und unter militärischer Bewachung in die Städte getrieben, wo sie auf offener Straße liegen gelassen wurden. Die Katastrophe nahm einen so erschreckenden Umfang an, daß die Gouverneure selbst die maßgebenden I\ ־ ilichkeiten in St. Petersburg mit Bittgesuchen bestürmten, die weitere Ausführung der barbarischen Maßregel einzustellen. Der Zar war gezwungen nachzugeben, und es wurde den Juden erlaubt, bis auf weitere Bekanntmachung an ihren früheren Wohnsitzen zu bleiben. Eine neue Kommission wurde ernannt, die Mittel und Wege finden sollte, um die Juden von dem Branntweinhandel auf dem Lande zu mehr produktiven Arbeitsformen überzuleiten. Nach dreijähriger Arbeit legte die Kommission im Mai 1812 einen Bericht vor, in dem Wahrheit und gesunder Menschenverstand zum letzten Male ihre Stimme erhoben. Einige Be־ Schlüsse dieser Kommission sind schon am Anfang dieses