Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionismus, Nationaljudentum und gesetzestrenes Judentum. 143 ten hinweg zu interpretieren. ״Mein Volk״ ״dein Volk“, hunderte von Malen kehrt das Wort wieder, begleitet von den innigsten, schmerzlichen und seligen Empfindungen. Aber hinzutritt ein unfaßbares, wenn man das Wirken der Propheten als ein in landläufigem Sinne nationales nimmt: dies Volk kann und wird ihrer Meinung nach zugrunde gehen. Wir sprachen oben davon, daß die Propheten der Überzeugung sind, daß Israel unzerstörbar ist. Aber diese Überzeugung erwächst nicht aus ihrem Innern, sondern ist recht eigentlich eine Offenbarung. Es gibt keine ergreifendere Darstellung dafür als das fassungslose Staunen des Propheten Jirmijahu, da er, nachdem er den Untergang des Staates durch die Chaldäer so oft verkündet, nun in einem prophetischen Traum den Befehl erhält, sich ein Feld im Lande für die Zukunft zu sichern (Cap. 32), jenes erschütternde Gebet, in dem er Gott fragt, ob denn sein ganzes Wirken ohne Sinn gewesen. Er ist der Überzeugung, daß sein Volk dem Untergang geweiht, und er wird nur durch die göttliche Offenbarung eines Besseren belehrt. Nie und nimmer gibt ein nationaler Vorkämpfer sein Volk auf. Und ebenso ist ihm das Volksganze lieb und teuer, und niemals wird er aus nationalen Beweggründen das ganze Volk preisgegeben sehen wollen um einiger Erwählter willen. Schrumpft doch bei Jesajah, wenn auch nur im Bilde, dieser Best zu einer Einzelperson zusammen, zum ״Knechte Gottes“. Und auch darauf darf hingewiesen werden, daß die ״Politik“ der Propheten verzweifelt wenig Verwandtschaft mit einer ״nationalen״ hat, daß sie im landläufigen Sinne oft landesverräterisch genannt werden darf. An Jirmijahu wagen sich die zionistischen Schriftsteller, die die Schale ihres Zornes über R. Joehanan ben Sakkai entleeren, nur nicht heran. Aber in ihrem Sinne müßte er viel schuldiger erscheinen. Alle Propheten verwarfen die Politik der Bündnisse, die doch für die Erhaltung der ״nationalen Existenz“ die einzig gegebene war. Sie muten dem winzigen Völkchen inmitten der Weltreiche zu, allein zu stehen, sie versprechen ihm Rettung vor der gewaltigsten Übermacht. Es gibt schlechterdings nichts, was unpolitischer wäre als der Rat