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Jeschurun · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1918) · p. Seite 77

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 77 (sequence 77)
Language
German
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Rabbiner Josef Nobel ז£״ל. 77 % Seit etwa anderthalb Jahrzehnten hatte ich selbst das Glück, mich Josef Nobels Schüler nennen zu dürfen und vermag somit aus eigener Anschauung von der Kunst seines Lernens und Lehrens zu erzählen. Wenn er ein ספר aufschlug, war es חומש oder תהילים oder ein anderes der ספרי קדש und einen פסוק gelesen hatte, so konnte er ihn so schnell nicht wieder verlassen: war ihm doch ganz ש״ס ein einheitliches, gewaltiges Bauwerk, in dem jeder Stein und jedes Steinchen gleich wichtig waren, alle gemeinsam Träger des Gottesgedankens, der in ihnen seinen heiligen Ausdruck gefunden hatte. So waren seine Schiurim Stunden köstlicher Anregung; sie verließen den Rahmen ihres jeweiligen Gegenstandes, um von der weit״ schauenden Warte tiefer Einsicht und gereifter Erfahrung die Ewigkeit der Aussprüche in den ספרי קדש darzutun und ihre Wahrheiten in der Geschichte Israels wie in der Geschichte der Menschheit aufzusuchen. Wenn aber unsere Weisen lehren, daß לא המדרש עיקר אלא המעשה so ging die Tat Josef Nobels noch über sein Wort hinaus; sein בטחון und sein יראת ה׳ war so groß, daß man es nur staunend bewundern konnte. Das nicht leichte Gesetz בשם שמברכין על הטובה כך מברבין על הרעה hat er buchstäblich erfüllt: ich war Zeuge, wie an einem Freitag-Nachmittag in die Friedensstätte seines Zimmers die böse Botschaft hereinbrach, daß sein jüngster Sohn in Rußland schwer verwundet sei. In tiefer Erschütterung saß er an der Seite seiner Gattin vor dem Lerntisch, auf dem die ספרים ungeöffnet lagen; von seinen zitternden Lippen kamen halblaut Tehillim-Worte. So verrann eine Stunde; da fuhr er auf. ״Es wird Schabbos“ ’sagte er, und — es — stehen — noch — keine — Blumen auf dem Tisch.“ — Einige Monate später überfiel ihn an einem Freitag- Abend bei dem Gesang der זמירות ein schweres Lungenbluten; entsetzt sah er plötzlich das Blut aus seinem Munde rinnen, — dann sagte er, wie mir seine älteste Tochter ע״ה, die noch vor ihm die Erde verlassen hat, weinend erzählte: השם יתברך״ gedankt für das הסד!“ — Was aber das Rührendste an dieser Vollkommenheit höchster jüdischer Eigenschaften gewesen ist

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