Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionismus, Nationaljudentum und gesetzestreues Judentum. 27 entfalten — Israel kann bei alle dem untergeben. Denn eine vollständige Assimilierung der Juden ist möglich. Ja, sie ist sogar unvermeidlich. Es kann einer großen Persönlichkeit gelingen, sich den Einflüssen des Milieus zu entziehen. Das Volksganze unterliegt den Gesetzen der Zahl und Menge. Die zwei Jahrtausende des vergangenen Golus beweisen nichts. Wir hatten unseren Staat, aber nicht unsere Staats Verfassung verloren. Unsere Geistlichen waren nicht Seelsorger, sie waren mit Machtmitteln einer musterhaften Organisation ausgestattet. Eine starke Mauer, von uns selbst errichtet, sonderte uns vom Landvolke ab, und hinter den Mauern lebte ein jüdischer Staat in Miniatur. Das Gesetz war eine Verkörperung des Judentums. Das Joch des Gesetzes hat freilich der Religiosität Abbruch getan. Um so vorteilhafter war es für die nationale Enge eines exterritorialen und damit universalen Volkes, für die nationale Gebundenheit, die sich in Formzwang bewährte. Die Halacha war daher für die nationale Erhaltung des Judentums von größerer Bedeutung als die Hagada. Aber auch dies starre System war nicht etwa Fesselung des Geistes. Es gab ein Entstehen und Vergehen innerhalb dieses Systems. Der Rabbinismus hatte also eine doppelte Funktion: er war Erhalter und Fortbildner des Judentums. Die Formkraft und die politische Verfassung des jüdischen Gesetzeskodex haben uns im Exil ein einzigartiges Reich als Staat im Staate erhalten. Auch das Judentum der Gegenwart zehrt noch von dieser Kraft unserer Staatsreligion, in deren Formen noch ein beträchtlicher Teil des Volkes lebt. Dieser Teil ist der Nähr- und Wehrstand der jüdischen Nation. Unbewußt wird auch das moderne Judentum von ihm gespeist und geschützt. Hat der Schulchan-Aruch keine Geltung mehr, so haben wir inmitten der Nationen keine Scheidewände mehr und teilen das Los der Vermischung. Die Judenheit im Westen beweist nicht das Gegenteil, sie besteht nur noch als Abglanz des Ostjudentums, das in seiner Auswirkung ihr Schutz gewährt und sie der Leiden des Volkes teilhaftig werden läßt. Auch Amerika beweist nicht die Existenzmöglichkeit eines modernen Juden-