Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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Mathematik und Apologie. 51° giösen Glauben auszubeuten strebt, dürfte die Mathematik wohl schwerlich gehören. Zeichnet sie sich doch bekanntermaßen aus durch eine nirgends sonst erreichte Unantastbarkeit ihrer Lehren, denen man beipflichten muß, sofern man überhaupt die Fähigkeit der Begriffsbildung und des logischen Schließens und Urteilens sich bewahrt hat. Eine in dieser Schmiede bereitete Waffe gegen Glaubenssätze könnte allerdings eine viel gefährlichere Wirkung haben als die von irgendeinem anderen der zahlreichen Wissenszweige hergeholte, die ja alle dem subjektiven Ermessen einen weiten Spielraum gewähren, so daß in ihnen häufig Meinung gegen Meinung steht. In den heiligen Hallen der Mathematik aber kennt man den Zwiespalt nicht, da gibt es nur eine einzige unbestrittene und unbestreitbare Wahrheit. Wie nun, wenn sie dem Glauben entgegenstünde, sie, die keinen Widerspruch duldet? Das wäre freilich für den gläubigen Juden ein höchst bedenklicher Umstand, der manchen zu Falle bringen könnte. Die moderne Schulverfassung, die dem Lehrplan auch der höheren Mädchenschulen ein gehöriges Maß von Mathematik ein verleibt hat, wird leicht auch unter der weiblichen Jugend in manchem Kopfe den betörenden Wahn erzeugen, als vertrage sich religiöse Überzeugung nicht mit den ünbezweifelbaren Forschungsergebnissen der höheren Mathematik. Dies mag zur Rechtfertigung der folgenden Zeilen genügen. Das gefährliche Zauberwort heißt hier Funktion, worunter man jede veränderliche Größe versteht, deren Wert sich nach demjenigen einer oder mehrerer anderen Größen richtet. Ein einfaches Beispiel bietet der freie Fall. Mit jedem anderen Wert der Zeit des Fallens ändert sich auch die Größe des durchfallenen Raumes. Alle Größen, von denen unsere sogenannten Naturgesetze handeln, sind von dieser Beschaffenheit, denn sie stehen ja mit irgendwelchen anderen in einer solchen Beziehung, daß die Änderung der einen eine solche der anderen nach sich zieht. Aufgabe des Mathematikers ist es, diesen Zusammenhang dadurch zu einem gesetzmäßigen zu gestalten, daß er ihn in eine Gleichung faßt, die für jeden