Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
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482 Rasehis Tiefblicke in die Religionsgeschichte. Raschis Tiefblicke in die Religionsgeschichte. Von Rabb. Dx. S. Funk, Wien. I. *In Raschis Zeiten hat ein Tropfen Tinte ein Goldstück gekostet*^ lautet ein bekanntes Sprichwort. An die innere Wahrheit dieses- Volksspruches erinnerte mich die interessante Auseinandersetzung ProL Sulzbachs im zweiten Hefte dieser gesch. Monatsschrift über das schroffe Vorgehen des Patriarchen R. Gamaliel gegen seinen großen Zeitgenossen R. Josua. Weil es der letztere gewagt hatte, die Richtigkeit einer Zeugenaussage zu bestreiten, auf welche hin R. Gamaliel den Neujahrstag festgesetzt hatte, befahl der Patriarch dem R. Josua in Reisekleidem mit dem Wanderstabe und mit Geld im Beutel vor ihm zu erscheinen an dem Tage, auf welchen nach dessen Berechnung der Versöhnungstag fallen würde (Rosch haschana. H, 8. 9). Mit Recht bemerkt Prof. Sulzbach (S. 77): ״Aber eines ist zu bedenken: die Anzweiflung der Glaub- Würdigkeit ging doch gar nicht von R. Josua, sondern von dem alten R. Dosa aus, dem R. Josua alsdann zustimmte! Warum wendet sich dann der Zorn des Patriarchen nur gegen diesen?״ Diese Frage, die auch durch den Hinweis auf das hohe Alter R. Dosas nicht an Schwere verliert, da ja auch R. Josua — *mein Lehrer an Weisheit!“ ruft» ihm der Patriarch zu — im hohen Alter stand, beschäftigte auch Raschi und Raschi gibt die einzig richtige Lösung, indem er zu den Worten R. Josuas רדאר אני את דבריך die drei Worte hinzufügt: לעבר את דזחדם. Höchst überflüssig scheinende Worte, da es sich ja doch um gar nichts anderes handeln kann?! Raschi macht aber den vom Talmud so oft betonten Unterschied zwischen 5ד!לכד und כלעשדג. Theoretisch durfte man jeden und in jeder Sache bekämpfen. Kein Patriarch stand so hoch, als daß er nicht bekämpft worden wäre. Unfehlbarkeit wurde keinem Lehrer und keinem Führer zuerkannt. R. Gamaliel hatte darum keinen Anlaß, gegen R. Dosa einzuschreiten. R. Dosa bekämpfte ihn theoretisch und das war sein gutes Recht. R. Josua aber wollte die Konsequenzen ziehen; wollte die Theorie R. Dosas in die Praxis umsetzen. Darum sagt Raschi "רואה אכי“. Ich finde, daß du Recht hast, der Monat soll ein Schaltmonat sein; R. Josua, wollte — wie später sein Neffe R. Chananja in Babylonien (vgl. Ber. 68 a jer. Ned. VT, 8) — die Bestimmung des Kalenders selbständig, nach der Ansicht R. Dosas modifizieren, und da mußte der Patriarch eingreifen. mußte mit aller Energie auftreten, wie das sein Nachfolger auch R. Chananja gegenüber tat. Aber natürlich nur R. Josua gegenüber. Daß Raschi das Richtige getroffen, liegt auf der Hand und wir können nur den Worten des großen Raschiforschers, Prof. Berliners זצ״ל zustimmen, der an irgendeiner Stelle von Raschi sagt: ״Mit offenem Blicke durchdringt er den oft dunkelen Gang im