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Jeschurun · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März 1917) · page 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
4 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März 1917)
Date
1917-03-01
Page
– (sequence 46)
Language
German
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*74 Die Juden in Rußland und Polen. Zersetzung der parlamentarischen Herrschaft in Polen einerseits und der Geschichte der polnischen Juden andererseits ist, aber ich bin so kühn zu behaupten, daß der Zusammenhang ein eminent wesentlicher ist. Wir werden später erfahren, bis zu welchem Grade dieser soziale Prozeß die allgemeine Entwickelung der polnischen Judenheit berührte, aber eine Tatsache mag schon an dieser Stelle vorweggenommen werden. Wenn irgend etwas für die polnische Judenheit in ihren früheren Stadien charakteristisch ist, so ist es ihre außerordentliche praktische Geschicklichkeit und ihr Sinn für Disziplin. Die ersterer befähigte die polnischen Juden, ihre wirtschaftlichen Kämpfe gegen übermächtige Feinde auszufechten. Der letztere machte es ihnen möglich, eine innere jüdische Organisation zu schaffen, die manche ähnlichen- Versuche in den Schatten stellt, die Juden in neueren Zeiten in diesem Lande oder in anderen Ländern gemacht haben. Aber der polnische Jude lebte einige Jahrhunderte hindurch in enger Berührung mit der Schlachta. Er konnte nicht umhin, auf den Pan als den einzigen Wächter der Autorität und den einzigen Repräsentanten der Regierung hinzublicken* und wenn man dem polnischen Juden von heute Eigenschaften gerade der entgegengesetzten Art zuschreibt, wenn, um ״Brandes* Charakterisierung der Polen noch einmal anzüführen, diese sich starrköpfig, rauflustig und streitsüchstig zeigen, die kein höheres Gesetz als ihren eigenen Willen anerkennen, wenn Redekunst die Stelle von Tatkraft emzunehmen scheint, wenn sogar die Formen parlamentarischer Verhandlungen sich in einen formlosen Kampf verwandeln, wenn der Mangel an Selbstbeherrschung, mit einem Worte der Geist des ״nie pozwalam“ noch heute in den Beratungen polnischer Juden einherstolziert, so haben wir kein Recht, diese Fehler als charakteristisch-jüdische oder auch charaktenstiseh-polnisch-jüdische anzusehen, sondern wir haben sie als einen der vielen Auswüchse unseres Goluss-Lebens zu be*־ trachten, die zu kurieren sicherlich unsere Pflicht ist, aber, die wir nicht mit Plumpheit und Heftigkeit kurieren wollen, sondern mit Geduld und liebevoller Hand.

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