Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2292969-2292973--02034-2295298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Juden in Rußland und Polen. *71 Wohl des Landes in ihren Händen zu vereinigen, während der Rest der Schlachta, der Kleinadel, auf den Rang der verachteten Bauern oder chlops sanken. Da es ihnen gesetzlich verboten war, das Gewerbe eines Bürgers oder Bauern zu betreiben — in beiden Fällen ging er seines Adeisranges ver1lustig, hatte der polnische Junker keine andere Wahl, als in den Dienst des vornehmen Herrn oder des Pan einzutreten und so sein Gefolge zu vermehren. Infolgedessen fiel Polen in die Hände einiger weniger Familien, wie der Potockis, Zamoyskis, Radziwills, Sapiehas, ״e tutti quanti“, — alles Namen, bei deren Erwähnung dem polnischen Juden die Gespenster der Vergangenheit auf tauchen — die über ganze Provinzen herrschten, und von tausenden von Junkern umgeben, unendlich viel glücklicher und unendlich viel mächtiger als der König waren» Zwar blieb Freiheit noch immer das Losungswort der Schlachta, aber es war nicht, um noch einmal Heine zu zitieren, ״die göttliche, die Washington’sche Freiheit; nur ein geringer Teil, nur Männer wie Kosciusko haben letztere begriffen und zu verbreiten gesucht.“ [Freiheit] ״war nur der Wahlspruch des Adels, der dem König soviel Rechte als möglich abzuzwängen suchte, um seine eigene Macht zu vergrößern und auf solche Weise die Anarchie hervorzurufen.“ Die Freiheit des Pan artete in die schrecklichste Form der Zügellosigkeit aus. Sie herrschten über ihre Gebieter mit der unglaublichsten Tyrannei, indem sie die elementartarsten Rechte menschlichen Lebens und menschlicher Ehre mit Füßen traten, abgesehen davon, daß diese Tyrannei, *da sie nicht von irgend einem Prinzip oder von der Politik diktiert war, sondern eher die flüchtigen 'Launen eines ungezügelten Temperaments wiederspiegelte, ziellos und unberechenbar war, und gelegentlich ,durch Lichtblicke einer ebenso ziellosen und unberechenbaren Großmut gemildert wurde. Der Kleinadel blieb zwar äußerlich auf dem Fuße der Gleichheit und Brüderlichkeit mit dem Pan, er hatte genau das gleiche Stimmrecht in dem Sejm wie sein ällerdurchlauchtigster Brotherr, aber in Wirklichkeit war er nichts als