Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 407 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Jude. 407 Gedanken waren es, die die Herausgeber der neuen Zeitschrift leiteten• Aber noch manches kam hinzu. Kaum je stand das Judentum an einer Schicksalswende wie jetzt. Das jüdische Volk tritt vor die Schranken der Geschichte in den Blickpunkt der politischen Gedankenwelt. Deutschland hat es kennen gelernt — nicht den gebrochenen Juden westeuropäischer Kultur — das jüdische Volk, und es muß mit ihm rechnen. Der Orientierung, Aufklärung soll diese neue Zeitschrift dienen, ein ״unabhängiges Organ für Erkenntnis und Förderung des lebendigen Judentums“. Der Gedanke wäre wohl zu begrüßen, und anerkennen wollen wir auch gerne, was er an Gutem und Neuem bringt. Denn bevor wir uns mit der Tendenz dieser Blätter auseinandersetzen, — es braucht kaum gesagt zu werden, radikaler Nationalismus führt das Wort — sei es zugestanden, man merkt nichts von parteipolitischer Einseitigkeit. Buhige, sachliche Darlegung, ernstes Bingen mit dem Problem, das ist der Geist, der aus dem Ganzen spricht. — Auch Nichtjuden und Gegner erhalten das Wort. Kräftige, markige Worte gibt Alfons Paquet ״zum jetzigen Problem“, einen sehr beachtenswerten Artikel schreibt Hermann Cohen über den polnischen Juden. — Überhaupt steht der polnische Jude im Mittelpunkte des Interesses, und dankenswert erscheint uns da, was an sachlichem geboten wird über Fragen des ostjüdischen Wirtschafts- und Geisteslebens. Ich nenne u. a. die Aufsätze von Leszczynski und B. Salman. Klar und anregend schreibt Moses Calvary über ״Jiddisch“ und auch die ״jüdischen Volkslieder“. übersetzt von Arno Nadel nehmen sich ganz gut aus. — Weit wichtiger ist alles, was sich mit der geistigen Entwickelung und Zukunft der Ostjuden beschäftigt. Oft gibt hier gerade der Abstand der Autoren ihrem Urteil Bedeutung. Max Brod, der uns vor Kurzem den prächtigen Roman ״Tvcho Brahes Weg zu Gott“ gegeben hat. — der ja auch in dieser Zeitschrift seine Würdigung fand1) —teilt persönliche Erfahrungen mit, die er an der von Prof. Engels gegründeten und geleiteten Notschule für jüdische Flüchtlinge in Prag gemacht. Wie warm weiß er da über die seelische und sittliche Kraft der galizischen Jugend zu berichten: bezaubernde Naivität und Frische geht von den Mädchen aus. Und dennoch sind sie durchaus geistig . . . alle aber bis ins Innerste rechte Jüdinnen, in jüdischem Milieu, in alter Sitte und Sittlichkeit erzogen, durchpulst von jüdischem Wissen und von der alten ungebrochenen durch die Religion eingepftanzten Sehnsucht nach Vergeistigung- Und aus einem Briefe an eine Schülerin in Galizien: ״— — Neulich fiel mir ein: Der Vorzug der galizischen Mädchen besteht viel- ‘) Jeschurun III S. 210—217.