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Jeschurun · 1916-06-01 · Heft 6 (Juni 1916) · p. Seite 341

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 6 (Juni 1916)
Date
1916-06-01
Page
Seite 341 (sequence 59)
Language
German
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Eine Zuschrift. 341 Eine Frage aber sei gestattet. Wird es nicht eng und drückend sein im neuen Cheder, zumal wenn das elektrische Licht die alte Poesie verscheucht, wenn mit dem historischen Staub auch ein Stück historischer Kraft der Jeschiwah geschwunden? Wer einmal den Zauber des Waldes gespürt, dem bleibt die Sehnsucht im Herzen. Wird das neue Cheder die Herzen der Jugend erfüllen, die über die Mauer des Ghetto hinausgeblickt, kann es starke und aufrechte Menschen erziehen, verbürgt es gleiches Recht, für Körper, Seele und Geist? In Nr. 20 des ״Israelit“ schreibt Oskar Wolfsberg einen Aufsatz, der Aufmerksamkeit verdient, mit dem Titel ״Jüdische Kultur“: .. . Hier soll die Kenntnis der jüdisch-modernen Literatur die Brücke werden vom alten zum neuen Thorajuden. ... Eins ist klar: Der Ghettojude wird Intellektualist, Gehirnmensch, ihm wird der Talmud, der Pilpul seine Welt, und die ist nichts als jüdisch. Wem diese Welt zu trocken, der greift zur Mystik, Kabbala. Der moderne Jude, auch der Ostjude, wird im Leben stehen, Herz und Gemüt nicht vom Verstand überwuchert. Hier muh die ganze neue Welt erst jüdisch werden, soll unser Judentum nicht stark darunter leiden. Westjudentum — auch orthodoxes — ist mehr oder minder Konfession, füllt nur einen kleinen Bruchteil unseres Ichs. Drüben ist man mit jeder Faser Jude, mit der Mutterbrust wird der Thorageist gereicht. So soll es bleiben. Der Wegweiserauf diesem Pfad trägt die Aufschrift ״jüdische Kultur“. Selbstverständlich zunächst — wir können dem Ostjuden nicht russische, polnische, deutsche Kultur, wir müssen ihm jüdische Kultur geben. Aber mehr — auch eine gute Dosis von dem Geist, den wir nationalistisch nennen, der den Körper gestählt, das Rückgrat gestärkt hat. Ich gebrauche das Wort national nicht gern, ich gebe ihm ein gut Teil Schuld an diesem Krieg. Oft ist es nur ein Deckmantel für menschliche Beschränktheit. Jede wahre Kultur wurzelt stark im heimatlichen Boden, aber ihr Blick ist auf die ganze Menschheit gerichtet.

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