Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 339 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine rabbinische Residenz und ihr letzter Fürst. 339 von ihnen geliebt worden. Man konnte sich leicht auf einen bestimmten Kandidaten einigen, und so geschah es denn auch. Nun trat aber ein rein persönlicher Kampf hinzu, der häßliche Formen annahm und mit unpassenden Mitteln geführt wurde. Und wiederum spielte politische Kabale eine traurige Rolle. Die Moralisten, die ursprünglich für das Thora-Prinzip gewesen waren, unterstützten jetzt den gewählten Kandidaten, mit der Begründung: es sei ein Unrecht, einen unschuldigen, hochwürdigen, orthodoxen Raw zu bekämpfen, nur um seiner weltlichen Bildung willen. Nach vielen Kämpfen war in der Kownoer Gemeinde eine Einigung zustande gekommen, und der neugewählte Raw, Rabbiner A. B. Schapiro, scheute keine Mühe, dem Kownoer Rabbinatssitz wieder das alte Ansehen zu erringen. Da brach der Krieg aus, und der Rabbiner mit seiner Gemeinde, mit dem Kolel und der Jeschiwah zog in die Verbannung. Die neue Gestaltung der politischen Verhältnisse wird zu einer neuen Orientierung in Bezug auf verschiedene Fragen im Ostjudentum führen. Die Rabbinerfrage wird sicherlich eine Regelung erfahren. Ein guter Kenner der ostjüdischen Verhältnisse, Dr. J. Wohlgemuth, hat auf einen alten Fehler der Rabbiner hingewiesen: sie waren aus Mangel an profaner Bildung nicht imstande, ihre Sache in ihre eigene Hand zu nehmen. Das ist leider eine traurige Wahrheit. Eins will ich aber bemerken: Die alten Rabbiner waren Persönlichkeiten, die nicht nur dem Volke seine Leiden erleichterten, sondern in ihm auch den Willen zum Leiden erweckten, ihm Kraft zum Leiden verliehen. Sie waren nach außen scheinbar unbeholfen, aber dem Volke selbst — waren sie alles. Zuletzt ist doch unser Judentum für uns keine Organisation, die nur geschickte Advokaten und geübte Buchführer für ihre Leitung braucht, sondern eine Kultur, die Pflichten auferlegt und eine gewisse Seelenstimmung fordert. Wir bedürfen starker Persönlichkeiten, die nicht nur für unser alltägliches Brot sorgen, sondern auch den hungernden Geist mit ihrem Lebenssaft sättigen und mit