Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 336 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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336 Eine rabbinische Residenz ־and ihr letzter Fürst. goldene Mitte mehr. Sein Streben nach Frieden verurteilte ihn zur Einsamkeit. Allmählich zog sich Rabbi Hirsch von jeder politischen Tätigkeit zurück. Er nahm auch nicht an der letzten Rabbinerversammlung zu Wilna teil. Wie mir jemand aus seiner nächsten Umgebung erklärte, war er der ganzen Politik, die in den letzten Jahren oft illoyale Formen annahm, überdrüssig geworden. In seinen letzten Jahren traf ihn ein großes Unglück: Sein jüngerer Bruder fiel durch die Hand eines Revolutionärs. Reb Hirsch brach bei dieser Nach־ rieht vollständig zusammen. An seinem Grabe sagte er: ״Für Dich, mein Bruder, war kein Platz mehr auf dieser sündigen Welt. Ich weiß, Benjamin, Du hast ein gutes, weiches Herz, des Vaters Herz. Du wirst Deinem Mörder verzeihen, für ihn zu Gott beten. Ich aber kann es nicht verzeihen, daß ein Mörder den Vater traf, indem er die Hand gegen sein Kind erhob. War denn der Vater ז״ל nicht auch Vater für alle, für alle?“ Nach diesem Unglück sank Rabbi Hirsch immer mehr noch in sich selbst zusammen. Des Vaters Sitz schien ihm zu wanken, da man den Sohn nicht mehr schonte. Er wandte seine ganzen Kräfte an, um wenigstens des Vaters ״Erbe“ sicherzustellen. Von den für den Kolel gesammelten Einnahmen sparte er jeden Groschen, um für denselben ein Grundkapital zu schaffen. Es kam so weit, daß man von seinem Schwager Hirsch Selzowsky, dem Leiter des Kolels, für die Geldanlagen Rechenschaft forderte. Dafür konnte Reb Hirsch aber kurz vor seinem Tode eine bedeutende Summe als Grundkapital für den Kolel dem Kommerzienrat Marx in Königsberg zur Verzinsung übergeben. Nun erst vermochten alle seine eiserne Geduld und seinen aufopfernden Idealismus zu bewundern. In den letzten Monaten vor seinem Tode schien Reb Hirsch sich geistig gekräftigt zu haben. Das war zu Ende des Jahres 1909. In Kowno wurde der berühmte jüdische Kongreß, veranstaltet von der jüdischen Fraktion (der sog. Volkgruppe) der allgemein russ. Partei K. D., zusammengerufen. Die Elite der Orthodoxie und der Intelligenz nahmen