Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 323 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine rabbinische Residenz und ihr letzter Fürst. 323 wohl von Interesse sein, ein Bild des Kulturlebens in der jüdischen Residenzstadt Kowno zu entrollen: Kowno, eine junge Gemeinde*), hat sich dank ihrer günstigen politisch-geographischen Lage und Nachbarschaft, sowie Handelsbeziehungen im Verkehr mit Deutschland schnell wirtschaftlich und kulturell emporgearbeitet. Im Verlauf einer verhältnismäßig kurzen Zeit ist sie zu einer reichen, blühenden Gemeinde geworden, ausgestattet mit allen gut organisierten und gut geleiteten Wohltätigkeits- und Erziehungsinstitutionen. Wie einer, der durch eine Verschwägerung seine untergeordnete Abstammung vergessen lassen will, so hat auch Kowno nach jüdischer Art durch Berufung berühmter jüdischer Rabbiner sein Ansehen zu heben gestrebt. Rabbiner wie R. Jizchak Awigdor, später Rabbiner in Sklow, der große R. Josua Leib Diskin, später bekannt unter dem Namen ״Brisker Raw“, R. Lob Schapira* 2) haben Kowno einen Weltruf verliehen. Um Rabbi Jisroel Salanter3) sammelte sich eine große Schar von Thorajüngern. Auf seine Empfehlung hin wurde der *•) Als Gemeinde wurde K. im Jahre 1783 konstituiert, als der damalige polnische König Poniatowski den Juden wieder das Wohnrecht verlieh. In den Jahren 1753 und 1761 waren sie ausgewiesen worden. 2) Rab. L. Schapira war zuerst in der kleinen Gemeinde Kalwaira (Gouvern. Suwalki) als Rabbiner tätig. Charakteristisch für den schnellen Aufschwung des Toralebens in K. ist folgende Anekdote: Als R. L. Sch. gefragt wurde, wie er mit seinem neuen Rabbinate zufrieden sei, antwortete er: materiell wohl, doch nicht geistig. In Kalw. brauchte ich, wenn mir Tosaphot schwer war, nur das Fenster zu öffnen. Jeder, der vorüberging, hätte mit mir beraten und disputieren können; hier mußte ich eine Versammlung berufen, um solche Kenner zu finden. s) Daß R. Jissr. Salant die junge Gemeinde Kowno zur Stätte seiner Wirksamkeit wählte, wird im allgemeinen dahin interpretiert, daß er die wirtschaftliche Kraft des auf blühenden reichen Gemeinwesens benutzen wollte, um die Lage des Bachurin zu verbessern. Auf Grund meiner persönlichen Eindrücke glaube ich mich zu der Ansicht berechtigt, daß er in Kowno ein Bollwerk gegen den zersetzenden Geist westeuropäischer Kultur aufrichten wollte. Seine spätere Tätigkeit in Memel und Königsbersr bestätigt meine Vermutung.