Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 237 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kulturhöhe und FalL einer Weltmacht. 237 im Kriege dadurch zu stärken meinen. Glauben und Treue verschwinden aus dem Völkerleben1), eine vollkommene Verwischung der Grenzen von Hecht und Unrecht droht in großen Teilen der "Welt Platz zu greifen, nachdem Lug und Trug, Hoheit und Grausamkeit sich mit hoher Kultur vereinbar gezeigt haben. Aber solche Erfahrungen waren nicht erst der Neuzeit Vorbehalten. Auch bei kulturstolzen Völkern des Altertums mußte der Satz: ״Hecht oder Unrecht — mein Vaterland“ manche Gewalttaten und unedle Handlungen beschönigen. Die Spartaner scheuten sich während der Eriedenspause im Peloponnesischen Kriege nicht, unter dem Scheine der Neutralität Athens Gegner Syrakus aufs nachdrücklichste zu unterstützen, und es gelang ihnen, dadurch einen vernichtenden Schlag gegen die athenische Seemacht zu führen. Die sittenstrengen Hörner gewannen es bei Beginn des ersten punischen Krieges über sich, mit räuberischem Gesindel in Messina gemeinsame Sache zu machen, um dadurch festen Fuß auf Sizilien zu fassen, und der letzte Verzweiflungskampf der Karthager wurde durch ein diplomatisches Hänkespiel eröffnet, bei dem die Treulosigkeit und Herzenshärte der Hörner den unglücklichen Gegnern jede Möglichkeit einer friedlichen Lösung abschnitt. Ein besonders krasses Beispiel von Ungerechtigkeit und Gewissenlosigkeit im Verein mit Machtfülle und hoher Kultur bietet uns die Seemacht Tyrus, wie sie in der Bibel, besonders in den Strafreden unserer großen Propheten erscheint. Nicht wenige Züge in diesem Bilde lassen sich in dem Verhalten und dem Charakter einer modernen Seemacht ziemlich unverändert wiederfinden. Zu den Zeiten der Könige David und Salomo sehen wir Tyrus noch im Beginn seines Aufstieges. König Hiram sucht die Freundschaft des kriegsgewaltigen Königs David und bekommt dadurch Gelegenheit, ihm Holz für seine Bauten zu liefern. David erkennt — das ist charakteristisch —ל aus l) Ygl. die Schilderung des moralischen Niedergangs der überkultivierten Menschheit in Schillers ״Spaziergang“ (V. 149 ff.), 16*