Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 221 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die alte Zeit. 221 0, meine Lieben, glaubt Ihr etwa, daß nur die Ehre der Thora im Sinken begriffen sei und sonst nichts? Nein, sage ich euch, auch die Herzen erstarren und auch die Welt wandelt sich in das alte Chaos. Ich schaue mir die modernen Juden, selbst die besten, an und ich merke nichts von dem Gottesgeist, von der Heiligkeit, die das Angesicht der alten Generationen verklärte. Wen findet man heute in den ersten Reihen der Synagoge? Unwissende Emporkömmlinge, einer sogar den Bart rasiert, und die übrigen? — „halbe Juden“. War das so in meiner Zeit? Seht doch einmal, jetzt gilt selbst der Schuster Mendel als vornehmer Mann, dessen Ansicht in der Gemeinde ernst genommen wird .... Und wie wird jetzt gebetet! Man kommt in die Synagoge, hüllt sich in den Taliß, als wäre man dazu gezwungen, und betet in Hast und Eile, um sich so schnell wie möglich der Pflicht zu entziehen. Ist das etwa ein Gebet? Was soll ich viel reden, alles alles geht abwärts, alles geht zugrunde. Die Sabbate und Festtage, die Thora und der Gottesdienst — das ganze Judentum Am Tischobeab wird nicht geweint, am Simchath-Thora freut man sich nicht. Es kann nicht anders sein, als daß die Tage des Messias nahe sein müssen. Wenns nicht so wäre, was sollte denn aus der Thora werden? Kann denn die Welt so bestehen?! Seht nur: Dort am Fenster der Südwand steht ein wackliger Tisch, das war der bestimmte Platz der „Drei“, die der Stolz und die Herrlichkeit der Stadt waren. Tagtäglich pflegten die „Drei“ ins Beth-Hamidrasch zu kommen, des mittags wenn wenig Besucher da waren, damit sie ungestört sich dem Thorastudium hingeben könnten. Ich liebte es, diese „Drei“ immer von fern zu betrachten, es war ein herrlicher Anblick, da zog zunächst ein jeder sein Rüstzeug hervor: Dicke in Leder gebundene Folianten. Zunächst