Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 219 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Die alte Zeit. 219 ich antworten: Herr der "Welt! Du hast mich geschaffen. Du hast mich nicht mit der Fähigkeit ausgestattet, die Thora zu verstehen. Es ist Dir bekannt, wie sehr ich mich gemüht habe, bis es mir gelang, einen Abschnitt aus der Mischna zu lernen und zu erfassen. Wer ist schuld daran? Wird man jemand sagen: „Geh und kauf“, wenn man ihm kein Geld gibt? . . . Aber ich liebte die Thora. Ich kannte kein größeres Vergnügen als den Thoraworten zu lauschen. Auch die Thoragelehrten liebte ich. Ich war bereit, durch Feuer und Wasser für sie zu gehen. Ich tat eben, was in meinen Kräften stand. „Und Gottesdienst, Perez, ich meine das Gebet?“ Ja, es ist richtig, mein Gebet war stets hastig, ich stand auch nicht dabei immer an derselben Stelle im Gotteshaus, wie es sich gehört. Wie oft habe ich die Zeit des „Schemalesens“ versäumt . . . Ich weiß, ich weiß das alles und meine Sünde steht mir stets vor Augen. Aber auch daran bin ich nicht schuld. Ein Beth-Hamidraseh- Schameß ist eben nicht wie alle anderen Menschen. Er muß alle bedienen und während des Gebetes kann er nicht an einem Orte stehen und beten. Er ist eben ein Schameß. Wohl las ich Psalmen während meiner freien Zeit, um die Lücken meines Gebetes auszufüllen. Mehr als dies konnte ich nicht tun. Bleibt also die „Ausübung von Wohltaten“ übrig. Aber von einem armen Menschen kann Gott nicht verlangen, daß er Liebeswerke ausübe. Und ich war doch mein ganzes Leben lang arm. Wohl gab ich dem Bettler eine kleine Geldmünze oder ein Stückchen Brot. Auch habe ich dem obdachlosen Armen mein Haus nicht verschlossen. Dies ist alles, was ich tun konnte. Ich trete also mit ruhigem Gewissen vor den Richter. Der im Himmel thront, kennt die Herzen und das Urteil wird gerecht sein. Aber vielleicht habe ich noch Sünden, deren ich mir nicht bewußt bin, doch auch dann fürchte ich mich nicht. Dort