Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 153 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gustav Meyrinks Roman ״Der Golem״. *53 ob nicht Handlung und Sprache bisweilen von der somnambulischen Höhe herabsinkt und ins Allzugrobsinnfällige, fast Kolportagenhafte verfällt. Wir wollen hier nur mit dem Schriftsteller über die Wahrheit und Berechtigung dieser Grundidee streiten, ob nicht gerade diese Isolierung vor zersetzenden äußeren Einflüssen, der ausgesprochene Geschäftssinn und Spekulationsgeist, ihr ausgeprägtes Innenleben, ihre Anpassung und ihr Zusammengehörigkeitssinn der einzige Halt der Ghettojuden gewesen und sie vor dem Untergang im zermalmenden Strome der Jahrhunderte bewahrt hat. Wir zweifeln wirklich, ob wir von einer Stagnation der geistigen Energien im mittelalterlichen und neueren Ghetto gut sprechen können, wenn wir all seiner Geistesheroen gedenken von Maimonides bis Mendelssohn. Wohl leidet das jüdische Volk zweifellos von jeher an der tragischen Einseitigkeit der Alleinherrschaft von Geist und Geld, dies wollen wir nicht beschönigen. Bei keinem Volke finden wir so leicht die Ehrfurcht vor Geld- und Geistesbesitz so gegensätzlich hart beieinander als beim jüdischen. Aber diese Schwäche ist gerade arterhaltend für uns geworden, dieses Weben und Leben im Geistigen hat uns erst zum Volk des Buches, der Bibel gemacht inmitten all des Elends und Ghettojammers. Und die Geldliebe? Sind dafür nicht eher die nichtjüdischen Machthaber anzuklagen, und können wir hier von wahrer Schuld sprechen? Und doch sollte einem Dichter und gar erst einem solch sphärisch verzückten Werke alle Tendenzschilderei und Parteinähme fernliegen. Schafft der Dichter jenseits aller Sittlichkeitsforderungen, sollte er auch jenseits aller Tagesinteressen nur der ewigen Wahrheit Stimme verleihen. Daß aber dieses Werk fernab von jeder Tendenz Gerechten und Ungerechten seine Sonne zuteilt, daß Meyrink jede einseitige Tendenz scheut, das wird er selbst nicht behaupten. Wir gehen noch weiter. Wir behaupten, daß Meyrinks Buch sich durch seine Darstellung einseitiger Parteilichkeit־, wir nehmen an unbewußt, schuldig macht, die geeignet ist, in jüdischen Kreisen den stärksten Widerspruch, in nichtjüdischen Kreisen höchstes