Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ostjudenfrage. nie wird es sich sammeln, wenn sein Blick sich träumerisch in die Unendlichkeit verliert, wenn sein Ideal die räumliche Ausdehnung bleibt, und der Sinn für die Notwendigkeit des innerlichen Wachstums eines begrenzten Organismus auch der herrschenden Klasse abgeht. Liegt es so im eigensten Interesse Rußlands, daß es räumlich beschränkt wird, so ist damit auch die sittliche Berechtigung für uns als Juden und als Deutsche gegeben, diesen Zustand verwirklicht zu wünschen. Deutschland hat aber noch ein ganz besonderes politisches Interesse an der Begrenzung Rußlands, vor allem daran, daß ein Teil russischen Bodens deutscher Kulturarbeit zufällt. Da hierüber die Meinungen geteilt sind, so müssen wir dabei ein wenig verweilen. Die Kriegsziele zu erörtern, ist verboten. Für den Besonnenen verbietet sich dergleichen von selbst, solange die Entscheidung im Kriege noch nicht gefallen ist. Davon zu unterscheiden ist das Bestreben, rein theoretisch unter der Voraussetzung, daß Deutschland in der Lage sein wird, einen Siegespreis zu fordern, festzustellen, ob eine Gebietserweiterung und nach welcher R i c h t u n g hin eine Gebietserweiterung wünschenswert ist. Man kann wohl sagen, daß im Großen und Ganzen sich darüber jetzt eine herrschende Meinung gebildet hat. Es schien zuerst, als ob unter dem Einfluß von rein gefühlsmäßigen Strömungen, wirtschaftlichen Interessen und innerpolitischen Anschauungen die Geister sich für den Westen oder Osten entscheiden wollten. Als überwiegende Anschauung kann wohl jetzt die folgende gelten: Gegen Frankreich eine größere Sicherung der Grenzen von strategischem Gesichtspunkt, gegen England die Durchsetzung der Gleichberechtigung auf dem Meere, gegen Rußland die Verlegung seiner westlichen Grenzen um ein beträchtliches nach Osten und die Angliederung irgend eines Teiles an das Deutsche Reich. Unter allen Büchern, die uns zu Gesicht gekommen, erscheint uns keines überzeugender als das von Carl Jentsch. Es ist um so wertvoller, als es nicht unter dem Eindruck und auf Grund der Erfahrungen des Weltkrieges geschrieben ist, 1*