Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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336 Ein Feldpostbrief. Segens, sondern des Fluches wieder über der Menschheit lastet, daß Gott wieder straft, nicht beglückt? Fühlen sie das alles gar nicht, daß sie das so ruhig beten? Und der Chasen betet מי שברך . . . הוא יברך את כל הקהל הקדוש הזה. O Gott! betete ich, segne sie, sie bedürfen ja alle Deines Segens mehr, tausendmal mehr denn je, da sie ihre Brüder und Väter und Kinder dem Vaterlande hingegeben haben: ויסיר מהם כל מחלה וירפא לבל 0 גופם ויסלח לבל עונם ובו'! wie ich da bete mit zerknirschter Seele und weiß, daß Gott keine Erhörung hat für mein Flehen, daß das Morden weiter gehen wird, daß auch jetzt gerade, da wir hier so ruhig beten, draußen Tausender Blut und vieler Mütter und Kinder Tränen die Erde netzen. Da klingt der Jubelgesang der Gemeinde, die die Thora in die heilige Lade hineintragen, und nun Singen und Jubeln über Gottes Macht, Herrlichkeit und Heiligkeit. Mir aber traten die Tränen in die Augen, als ich alle so fröhlich Gott loben hörte, und ich mußte mein Gesicht verbergen. Ach, Gott straft uns so, und sie können Ihm noch lobsingen, wo Millionen Wunden brennen und bluten. So erlebte ich da eine schwere Stunde, bis mir die Worte Trost gaben: כי לקה טוב נתתי לבם תורתי אל תעזבו עץ חיים היא למחזיקים בה und ich mich wieder erinnerte, daß die Religion nicht das Menschenelend verschwinden lassen, daß sie aber den einzelnen in seiner sittlichen Empfindung größer und reiner machen kann und daß wir die große Zeit der Prüfung still ertragen und unsere Seele läutern sollen von allem Niederen des tagliehen Lebens. Das gab mir Trost, daß ich die Synagoge ruhig verlassen konnte. — Sehen Sie, das ist auch die Stimmung, die mich oft überkommt, wenn ich die Schönheit der Natur anschaue, dann gerade, ich weiß nicht, wie es kommt, packt mich der ganze Jammer der Menschheit am stärksten. — Sie sehen, sehr verehrter Herr Dr., daß auch hinter der Front die großen Gedanken der Zeit Gewalt über uns haben. Aber das sind doch gewiß Empfindungen, wie sie auch jeder in der Heimat einmal empfinden muß und darum, lieber Herr Dr.!, bin ich nicht berufen, darüber öffentlich zu