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Jeschurun · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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202 Der heilige Egoismus und das gottgesegnete Volk. unterordnen. Und angenommen, es sei innerhalb eines Volkes gelungen, den Willen zum Frieden zur Herrschaft zu bringen, so genügt es, daß ein einziges mächtiges Volk diese Stufe noch nicht errungen, um den Weltfrieden zu gefährden. Die einzige Möglichkeit eines dauernden Friedens böte nur ein Zustand, in dem in jedem größeren Staats wesen die Majorität — die zugleich die Macht in ihren Händen haben müßte — den Frieden um jeden Preis zu wahren entschlossen wäre, selbst unter Aufgabe eigener Interessen. Ein Zustand, der natürlich nur dann zu erwarten ist, wenn die größte Zahl der auf Erden lebenden Menschen sich zur Verwirklichung des Ideals der allgemeinen Menschenliebe durchgerungen1). Solange das Verhalten der Menschen untereinander innerhalb eines und desselben Staatengebildes noch so unendlich weit von der Vollkommenheit, welche das Ideal als Forderung enthält, entfernt ist. halten wir es für unangebracht, den anderen Völkern Moral zu predigen. Ein jeder kehre da, um uns vulgär auszudrücken, vor seiner eigenen Tür. Das wird uns während dieses Weltkrieges sehr schwer. Denn wir sind mit unserem Vaterland in der Zeit dieser Not so eins geworden, daß jeder einzelne von uns sich mit seinem Lande völlig identifiziert, daß wir Partei sind und blind auch für das relative Maß des Rechts, das auf der Seite der anderen Völker ist. Wer aber den Versuch macht, sich einmal auf eine höhere Warte zu stellen, der wird erkennen, daß ein jedes der beteiligten Völker aus dem Zwang seiner vermeintliehen Interessen heraus und seiner Naturanlage gehandelt hat und vor allem während des Krieges handelt. Daß wir an dem Ausbruch des Weltkrieges schuldlos sind, ist unsere subjektive Überzeugung und wird, daran zweifeln wir nicht, auch von der Geschichte als objektive "Wahrheit festgestellt werden. Dies Verdienst aber unserer höheren Moral zuzuschreiben, das wäre unberechtigtes Selbstl) Über die Idee des ewigen Friedens, seine Bedeutung für die religiöse Weltanschauung und die Möglichkeit seiner Verwirklichung stuf Erden soll später eimal in. einem besonderen Artikel gehandelt werden.

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