Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 11 (November 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Der gesetzestrene Jude ־and der Krieg. fassung vom Wöhle des Staates als verfehmt galten, warum sollten die Juden, gegen die noch dazu ererbte, alteingewurzelte Vorurteile sprachen, von einem solchen Haß verschont bleiben? Man hört die Meinung, daß mit diesem Kriege sich alles, alles wenden wird. Wir teilen sie nicht. Das freilich ist keine Frage: Ein so ungeheueres Erlebnis, wie es der Weltkrieg ist, kann nicht spurlos an dem inneren Wesen unseres Volkes vorübergehen. Aber der Erfolg wird voraussichtlich der gleiche sein wie bei dem Schicksal, das der Einzelne erfährt. Der tief veranlagte gediegene Charakter wird für sein ganzes Leben bestimmt, für ihn beginnt eine völlig neue Periode, er wird innerlich ein anderer. Der Durchschnittsmensch aber steht nur eine Weile unter dem Eindruck des Erlebten, bald verblaßt die Erinnerung und er denkt, fühlt und handelt dann so. als wäre die Schickung nie gewesen. Auf das Volk angewandt: die edlen und hervorragenden Geister werden die Lehren, die ihnen der Krieg gegeben, beherzigen und für immer im Gedächtnis bewahren. Die Masse aber wird wohl eine Peihe von Jahren des Großen und Erhabenen gedenken, das der Krieg ihrem besseren Selbst geboten, dann aber den Vorurteilen und den Leidenschaften wieder verfaUen, die sie früher beherrscht. Es ist müßig, jetzt darüber Betrachtungen anzustellen, welche Lehren die einzelnen Volksgruppen aus dem Kriege ziehen werden. Eine endgültige Neuorientierung in dem oben erwähnten Verhalten gegen die Sozialdemokratie ist wahrscheinlich. Die Mitwirkung eines so gewaltigen Volksteiles an den Errungenschaften, die wir bei einem glücklichen Ausgang des Krieges erwarten, kann nicht ohne entscheidenden Einfluß bleiben. Anders steht es mit den Juden, die nur einen sehr geringen Prozentsatz der Bevölkerung ausmachen und demgemäß auch später als politischer Faktor vernachlässigt werden können. Eine innerliche Wandlung in der Stellungnahme zu ihnen, und diese ist die Voraussetzung einer völligen Durchführung der Gleichberechtigung, müßte auf den Gefühlen des interesselosen Wohlgefallens, der Dankbarkeit gegründet sein, Gefühlen, die den meisten Menschen an sich, vor allem aber,