Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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188 Der Eid der Juden. werden, wie sie sind und nicht in entstellter oder gefälschter Form, wie es von antisemitischer Seite so oft geschehe. Dem Judentum sei nichts so heilig wie der Eid, nichts gelte dem Juden so sehr als schwere Sünde wie der Meineid, jedes Versprechen sei verbindlich und gar jedes als Eid abgegebene Versprechen. Das jüdische Gesetz stelle für den Eid auch keine Formvorschriften auf, durch deren Verletzung es die Gelegenheit zur Leistung eines Falscheides gebe. Alle die Formen, die Hellwig als jüdische Bestimmungen erschienen, seien dem jüdischen Gesetze in "Wirklichkeit fremd, sie seien von der Gesetzgebung der christlichen Staaten des Mittelalters und in einzelnen Fällen auch der Neuzeit als Waffen gegen die Juden festgesetzt worden. Einem Meineid suche das rabbinische Gesetz mit der größten Energie vorzubeugen. Bei der Eides- Vorbereitung sei es in dieser Beziehung noch viel sorgfältiger als das deutsche Gesetz. In Berücksichtigung der Neigung vieler Menschen, den Eid nach ihren Wünschen sich zurechtzulegen, habe der jüdische Dichter den Schwurpflichtigen vor der Vereidigung dahin ermahnen müssen: ״Wisse, dein Eid wird so ausgelegt, wie wir ihn verstehen, nicht aber so, wie du ihn auffassest״, während heute der schwörende Zeuge nur gemahnt werde, nichts zu verschweigen. Wenn Hellwig meine, daß bei den Juden nicht infolge des Gesetzes, sondern entgegen dem Gesetz Meineidsaberglaube sich eingeschlichen habe und da sein Wesen treibe, so sei für die Existenz solchen Aberglaubens ein Beweis nicht erbracht. Die Bestimmungen über den Eid in den jüdischen Quellen seien so klar, und die Verpflichtung zur Wahrheit werde gerade beim Eide so dringend eingeschärft, daß einem Mißverständnis aufs möglichste vorgebeugt sei. Habe das Wort des Apostels Paulus (Römer 3,7) ״denn so die Wahrheit Gottes durch meine Lüge herrlicher werde zu seinem Preis, warum sollte ich dann noch als Sünder gerichtet werden“, wohl jemals Hellwig oder Schütze auf den Gedanken gebracht, dem Eide eines Christen mit Vorurteil entgegenzutreten? In seinem Zusammenhang habe der Satz von Paulus seinen guten