Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jescgurun 1. Jahrgang. Siwan 5674 Die Halacha und die Herzenspflichten. Von Dr. J. Wohlgemuth, Berlin. Im Talmud Jeruschalmi Chagiga I, 1 heißt es: אין למדים לא מן ההלכות ולא מן האגדות ולא מן התוספתות אלא מן התלמוד. Diesen Satz, der an sich ein methodologisches Prinzip abgibt für die Feststellung der Halacha, möchten wir in übertragenem Sinne so anwenden, daß wir auf den Geist, der in den Talmudweisen lebte, die allgemeine Gesinnung, die sie beherrschte, die Frömmigkeit, die ihr ganzes Wirken durchzog, nicht so sehr aus theoretischen Sätzen schließen können, die sie in der Halacha aufstellten und in der Hagada aussprachen, sondern aus תלמוד, aus der talmudischen Diskussion in ihrer Gesamtheit. In der Halacha waren sie an die hermeneutischen Regeln gebunden, folgten unbedingt der Tradition und Autorität; da war schlechterdings kein Raum für eine Befürwortung oder eine Ablehnung aus persönlichem Empfinden. Man kann daher aus einem halachischen Ausspruch nicht nur nicht auf den Charakter dessen schließen, der ihn vertritt1), man darf auch x) Bekannt ist, daß Gräz diesen Versuch gemacht hat. Weniger bekannt und verbreitet scheint die vernichtende Kritik zn sein, die S. B. Hirsch an diesem Versuch in seinen Abhandlungen betitelt ,,Geschichte der Juden vom Untergang des jüdischen Staats bis zum Abschluß des Talmuds von Br. H. Grätz.“ Gesammelte Schriften Band V S. 318—494 geübt hat. Es ist bedauerlich, daß M. Lazarus in seiner ״Ethik des Judentums“ Band I S. 56—59 und 382 — 84 die Phantasien Gräz* von dem starren System des B. Elieser ben Hyrkanos und Babbi Josua, dem Mann der goldenen Mitte einfach hinübernimmt, ohne den Leser darüber zu 12