Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zur Charakteristik der Weisen des Talmud.!3! dessen finden, in dem man sich in seinen Forschungen erfreut, dieselbe Genugtuung auch finden, wenn man sich sagen muß: Alles umsonst! In dieser Beziehung wird es der Genossen Simeons nur wenige geben. Aber diesen erfüllte es mit Genugtuung, sein ganzes System umzuwerfen, nicht sich auf Ausnahmen zu berufen, die die Hegel bestätigen, sondern frei und ofien vor seinen Schülern zu bekennen: Ich habe mich geirrt. Und was war hier die Genugtuung? Er hatte der Wahrheit die Ehre gegeben. Und so trug die ganze Lebensführung der Weisen des Talmud das Gepräge der Wahrheit im Denken, im Lehren im sozialen Verkehr. Doch nicht nur das gesprochene Wort sollte wahr sein, auch das gedachte sollte sich als Wahrheit erweisen: ודובר אמת בלבבו, wie es R. Safra geübt, der als vorbildliches Beispiel aufgestellt wird. R. Safra stand im Gebete vertieft, als jemand in sein Zimmer trat und ihm ein Preisangebot für einen Verkaufsgegenstand machte. Wohl streiften die ”Worte das Ohr des Betenden, aber er ließ sich nicht stören und reagierte in keiner WTeise auf sie. Der Käufer meinte, dem R. Safra sei der Preis zu niedrig und darum habe er seinem Angebote nicht einmal durch das Feigen des Kopfes seine Zustimmung gegeben, und er bot einen höheren Preis. Ais R. Safra sein Gebet beendigt und den Gegenstand dem Käufer übergab, lehnte er es aber ab, das höhere Angebot sich zahlen zu lassen, da er im Herzen mit dem ersten zufrieden war. So bewährte er sich als ein דובר אמת בלבבו (B. Bathra 88a. Vgl. Raschi zu Maekoth 24 a s. v. והעמידו). Wenn die wenigen Beispiele, die wir hier angeführt haben, uns einen Blick in die Psyche unserer alten Weisen gestatten, so werden wir wohl erkennen, wie töricht diejenigen, welche vielleicht einmal einen oberflächlichen Blick oder auch nicht einmal einen solchen in den Talmud geworfen haben, urteilen, wenn sie von Haarspaltereien der Weisen des Talmud sprechen. Diese ..Haarspaltereien״ dienten nicht dem Ehrgeiz oder der Rechthaberei, sie dienten der Erforschung der lautersten Wahrheit, die nur durch allseitige Beleuchtung des in Frage stehenden