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Central-Verein-Zeitung · 1935-12-24 · 52 (24.12.1935) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
52 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XIV. Jahrgang 7 Nr. 82 Berlin, 24. Dezember 1935 Preis 10 Pfennig ALLGENEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleltnng, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilang): Berlin W 15, Emser Strasse 49. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 80471. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die .Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2,30 RM, eingerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpk. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste .5 gültig. Die 12gcspaltenc Millimeter-Zeile 20 Rpf.. für. Stellengesuch» 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss:* Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bildung am Ende? Von Heinz Kellermann In und Vor der jüdischen Öffentlichkeit wird zurzeit Von sachkundiger Seite das Bildungsproblem der jüdischen Schule diskutiert. Welches ist das Bildungsideal, welches sind die Ziele und-Stosse der Erziehung des jüdischen Kindes. Die Vorschläge sind außerordentlich vielgestaltig. Indessen, es sind meistens Stoff- und Fachvorschläge, die große einheitliche Linie, das Bildungsideal, wird nicht deutlich. Die jüdischen Bünde haben versucht, sich mit einer Typenlehre zu behelfen, Sie wollen den „Soldaten" als den Typ der verkörperten Einheit von Heldentum und Gehorsam, sie haben dem humanistischen Ideal des „freien schöpferischen M e nsche n" die.Vorstufe des „arbeite nd e u M e n s ch e n" angegliedert, sie wollen den „Pionier" den „jüdischen Menf chen" usw. Das Tempo, mit dem die Bor- ' schlage einander folgen, verwirrte. Was aber wiederum als störend und hemmend empfunden werden muß, ist die Verquickung von praktischen Gesichtspunkten (zum Beispiel Auswanderung) mit ideellen Vorstellungen, von aktueller Rücksichtnahme mit objektiver Wertsetzung. Es entsteht hierdurch die Gefahr einer U t i l i t ä t s - bildung: Nur was nützlich ist, ist richtig, und was richtig ist, ist darum auch wertvoll. >,Die Betrachtungsweise, von der ich ausgehe, schließt es aus, Evziehungssragen unter dem Gesichtspunkt von Tagesfrägen zu erörtern. Vielmehr muß gerade in Zeiten leidenschaftlich erregten Suchens genau geprüft werden, wo die Grenze zwischen bloßen Temperamentsausbrüchen und echten neuen Geistesbewegungen liegt. Organisationen und Schulformen mögen schnell verändert werden, neue Bildungsgüter werden nicht über Nacht geschassen. Sie sind vielmehr die reifsten Produkte einer langsam ausbauenden, schöpferischen Auseinandersetzung mit dem Sinn und den Erfordernissen der Kultur.. Die Verantwortlichen unter den Pädagogen des jüdischen Bildungswerkes werden dieses Wort eines ihrer größten Kollegen zu beherzigen. haben, wenn nicht die Bildung der Gegenwart ein Verräter des Objektiven an den Geist der Nützlichkeit und an die politische Nervosität unserer Zeit werden soll. Die Geschichte der Pädagogik ist nichts anderes als die Lehre, von den Wandlungen der Bildungsinhalte. Indessen genügt diese Betrachtungsweise nicht. Sie läßt nämlich außer Betracht, daß das Bildungsproblem auch seine subjektive Diese Nummer umfasst 20 Seiten. Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Die Zeratreuung der Juden über die Erde. Don Dr. E. R—z 1. Beiblatt: Erinnerungareiche Fahrt. Don Dr. E. Fr—l, mit Zeichnungen von Max Untermayer — Rachel (1. Fortsetzung). Don Martin Cumpert 2. Beiblatt: Der Dichter der „Reiae Benjamins ///." Don Georg RoSenhaum — Bibliographie jüdischer Werke — Der Briefmarkensammler^ ( 3. Beiblatt: Die Judith-Gestalt in der., bildenden Kunst. Don Dr. Margarete Steinberg (Breslau) — Neue Wirtschaftsbücher 4. Beiblatt: Neu-Hebrüiseh. Don unserem Palästina-Korrespondenten —: Sportblatt — Wirtschaft der Woche Seite hat Es reicht nicht ans, zitzugeben, daß, der Prozeß der Wertänderung ein objektiv-historisches Ereignis ist, sofern man nicht sieht, daß jene Wertänderung zugleich, nein, zu allererst eine Sinn e s ä n d e r u ft g ist. Es läßt sich nicht leugnen, daß gewisse objektiv geschichtliche Vorgänge von einem unheimlichen psychologischen Einfluß ans den Menschen als Wert- und Bildungsempfänger sind, daß demnach geschichtliche Krisenzustände nicht nur die leibhaftige Existenz des Menschen zu erschüttern vermögensondern auch eine Störung des Bewußtseins Hervorrufen. Die totale Existenz des Menschen, die bisher unerschütterte Welt seiner Gefühls- und Denkordnung, wird von Grund auf in Frage gestellt. Somit enthüllt sich d i e Krise der Bildung als eine Krise der Existenz. Unsere Bilduntzsnot ist nicht zuerst der Mangel an Bildungsstofsen, sondern der Mangel an Bildungs Hunger und an Bildungssähigkeit. Alle Analysen und Vor» schlage aus ^der augenblicklichen Bttdungsdiskufsion kaffen die Feststellung vermissen, daß das Bildungsproblem auch diese subjektive Seite hat, daß vor die Frage der neuen objektiven Ordnung, vor die Frage des S y st e m s > die Frage des persönlichen Orientierungsvermögens und der Orientierungsbereitschast zu treten hat. Die Frage der Zeit lautet nicht: .".Wie und womit willst du gebildet werden?", sondern: „W i l l st du überhaupt gebildet werden?" Darin besteht die tiefste Not, d a ß s i e von den Meisten nicht einmal mehr als solch e cmpsunden wird. Eher wird das Gegenteil Maxime. „Mein Sohn braucht nicht Homer zu lesen. Die Hauptsache ist. er lernt heute e t w a s P r a k tisches." Der so spricht, ist.vielleicht Kaufmann, aber selbst wenn er Jnstizrat oder Sanitätsrat ist, hat er Homer nicht „gebraucht",- und doch wird ihm die Lektüre nicht geschadet haben. Es hat ihm bislang gefallen, daß er als ein „gebildeter" Mann galt, heute gefällt es ihm, daß sein Sohn ein ungebildeter wird. Ter Intellektuelle wird heute nicht geachtet. Gut. Aber daß die Intelligenz her achtet wird, ist ein Beweis unendlicher Kurzsichtigkeit. Obschon sie das Kriterium des deutschen. Bürgertums in seiner besten Zeit war, und obschon der Jude des vorigen Jahrhunderts dank ihrer Staatsbürger wurde — ist er mit dem Verlust der Emauzipation bereit, auch die Bildung zu verleugnen. Einstweilen sind die Gefahren noch nicht so sichtbar. Nach der letzten Schätzung sind 22 500 schulpflichtige jüdische Kinder auf allgemeinen Schuleni davon fast 500 auf höheren Schulen. Aber schon in den letzten Monaten haben sich diese. Zahlen stark verringert. Was geschieht, falls diese nach dem wahrscheinlich notwendigen Verlassen der Schulen nicht aus jüdische Schulen kommen? — Noch besteht das Lehrermaterial an den jüdischen Schulen und Seminaren größtenteils aus Pädagogen mit abgeschlossener Vorbildung, meist aus Akademikern. Noch hat die Mehrzahl der deutschen Rabbiner den -JD-e.- phil., ist oder war eingeschriebenes Mitglied einer Universität. Noch besteht die Jührerschicht der Bünde zum überwiegenden Teil aus Akademikern, Abiturienten oder „wenigstens" höheren Schülern. Von den 27 verantwortlichen Führern eines großen jüdischen Bundes haben z. B. alle 27 die höhere Schule besucht. Neue Verordnung zum Reichsbürger- Gesetz über jüdische Beamte, Notare, Aerzte Das Deutsche Nachrichtenbüro teilt mit: -Ter Reichsmiuistcr des Innern hat eine zweite Verordnung zum Reichsbürger-Gesetz erlassen. Sie stellt klar, welche jüdischen Personen als Beamte und als Träger eines öffentlichen Amtes im Sinne des s? 4 der ersten Verordnung zum Reichsbürgcr-Gesetz auzusehen sind. Die Verordnung bringt ferner für jüdische Beamte, die ohne Versorgung ausscheiden lind für gewisse Gruppen von jüdischen Trägern eines öffentlichen Amtes, wie z. B. die Notare, denen die Gebühren selbst zufließen, die Möglichkeit, bei Würdigkeit und Bedürftigkeit Unterhaltszuschüsse zu erhalten. Ebenso wird jüdischen Beamten ohne Versorgung und den genannten Notaren die Möglichkeit der Kündigung 'ihrer Wohnungen eröffnet, wie die? seinerzeit bei Durchführung des Berufsbeamtengesetzes geschehen ist. Die Verordnung bestimmt schließlich, daß Juden leitende Aerzte an öffentlichen Krankenanstalten sowie freien gemeinnützigen Krankenanstalten und Vertrauensärzte nicht sein können und mit dem 31. März 1936 aus ihren . Stellungen ausscheiden. Die Juden in der Rechtspflege Da nach dem Reichsbürgergesetz Iuvon kein öffentliches Amt mehr bekleiden dürfen, hat der Reichsjustizminister die Gerichte angewiesen, bei .Ansübung ihres richterlichen Ermessens zu beachten, daß es nicht im Sinne dieser Negelung liegen würde, Inden als Arinenanwälte, Pslicht- Verteidiger, Konkurs- Vergleichs- oder Zwangs- Verwalter zu bestellen oder mit der Wahrnehmung ähnlicher Aufgaben zu betrauen. .-Im—Zusammenhang mit dem Ansscheidett jüdischer Beamter am 31. Dezember 1035 haben der Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen, die Reichsnotarkammer und die Reichsrechtsanwaltskammer sich mit der Reichsfachscl)aft der Rechtsanwalts- und Notarangestellten der DAF zu gemeinsamen Bemühtmgen zusatumengeschlossen. um diejenigen Angestellten tmterzubriiigeit. die durch die Amtsenlassung jüdischer Notare brotlos werden. Der Reichsjlistiznünister hat gleichfalls in einem Erlast diese Angelegenheit geordnet. Pensionierung jüdischer Beamter Zu der Bestimimmg der ersten 'Verordnung zum Reichslnirgergesesi. wonach jüdische Beamte mit Ablauf de* 31. Dezember 1035 in den RtiHc» stand treten, hat der Reichsinneiintinister den Vaiidesregiermtgen Ausführtutgsanweisnugen übermittelt. ,; Darin wird festgesleltt, dast die Definition des Begriffs Jude im Sinne.der Bestimmungen sich aus dem § 5 der Verordnung deutlich ergibt. Die erforderlichen Ieststellnitgeit, ob die Voraus» setzttngen vorliegen, sind unverzüglich von der Vorgesetzten Behörde zu treffen, sie soll sich dabei auf deit Fragebogen beziehen, der nach dem Be» riissbeamtengesehatisziisüllen war, Ergeben sich Zweifel über die Frage der jüdischen Abstammiing. so ist ein Gutachten der Reichsstelle für Sippenforschung einztiholen. Rad) erfolgter Feststellung ist dem jüdischen Beamten ein Bescheid folgenden Inhalts zuzustellen: „Im Rainen des Reiches. Der P. P. tritt auf Grund des 8 3 desReichsbürgergesetzes in Verbindung mit 8 \ der ersten Verordnung dazu vom 14. November 1035 (Reichsgesctzblatt I, Seite 1333) mit Ablauf des 31. Dezember 1935 in den Ruhestand." Ferttrr ist dem betreffenden Beamten der Pensivnsk>escheid ziiztistellen. der sich für ihn unter Berücksichtigung der betreffenden Bestimmungen ergibt. Beide llrkiinden sind vvit der Oberste» Reichs- oder Landesbehörde oder von der nach der' aiigcordiieten Delegation für die Erneiuning »nd Entlassung von Beamten zuständige» Behörde zu erteilen. lieber die Zürrühesesiuiig der Beainten der Kemeinden, Keineindevrrbände »nd Körperschaften des öfsentlicheii Rechts entscheidet die »ach den Ijierfür niasigebenden Verfass,iiigsgcsesten allgemein zuständige Stelle, zinn Beispiel bei Geineiiidebeamten der Bürgermeister. Der Nachweis der Irontfäinpfereigeiischaft ist im I>veifelssalt vom Beamten zu erbringen. Drei Reden %a Chanukka Feierstunde des Central "Vereins Der -größte Saal im Logcnhaus Keiststraße. Alle Sitzplätze übersüllt. An allen Türen noch drängen sich die Menschen. In warmem Licht erstrahlen die Kerzen des Ehanukka-Lenchters. Aus.mehr als 600 Kehlen erklingt das Ehanukkalied: Moans Zur. Dann spricht der Vorsitzende des Eentral- Vereins, Jnstizrat Dr. Inlins Brodnitz. Und langer Beifall dankt dem Manne, der dem E.-V. nun scholl lange „Schirm und Schutz" ist. Nach ihm der Vorsitzende der Reichsvertretung Tr. Leo Ba eck. Auch diesem geistigen Führer des Judentums in Deutschland folgt das Publikum mit gespannter Aufmerksamkeit, und indem es ihm Beifall spendet, dankt es ihm für die aufopferungsvolle Hingabe an die Ausgabe, die ihm. die Zeit gestellt hat. Als letzter Redner Dr. Alfred Hirsch b erg. Syndikus de8 Eentral-Bereiits. Seine scharf pointierte Wertung der jüdischen Geschichte ist ein Ansruf .zur jüdischen Geschichte und findet Ber-. ständnis und Tank. Zwischen den Vorträgen singt Oberkantvr John Iakvbsohn, begleitet vvir Paul Lilienstern, ans Händels Messias „Tröstet, tröstet mein Volk", und biblische Lieder von Dvorak. Die'Btnsik macht die Stunde zur Andacht und weitet dip Herzen. Sv findet Lndivig Hardt trotz der vorgerückten Stunde ein anfnahtnewilliges Ptibliknm. für seinen hinreißenden Vortrag ans den' Memoiren des Herrn Schnabelewobki und für Heines Hymnus „Ich bin das Schwert". (Vortragsbericht .umstehend) * Aber wenn auch diese Tatsache für den betreffenden Bund ein ersrenliches Bild gibt, so stellt sie, davon abgescheit. ein absoliü'tutzuoerläsngcs und . unmaßgebliches für den augenblicklichen Bildungsstand der jüdischen Jugend, geschweige denn für die geistige Weiterentwicklung der jungen Generation dar. Das Hauptkontingent der Bünde stellt die Mittleren- und Iüngerenschast. Hier handelt es sich zum weitaus überwiegenden Teil um landtvjrtschastliche UmsMchtlec^cmspzionistischer Seite, ,um handwerkliche Lehrlinge aus zionistischer und nichtzionistischer Seite, um kaufmännische Lehrlinge namentlich 'aus nichtzionistischer Seite und um Bolksschüler. Das allein ist wichtig. Tenn die Frage der kulturellen Entwicklung und Behauptung" einer Gemeinschaft wird immer von der jungen Generation entschieden. Nur der gleichwertige Nachwuchs ist ein Garant für das kulturelle Renommee ' einer Gemeinschaft. Das Iudentulu iu Deutschland hat die größten Anstrengungeu gemacht, um auch in schlechten Zeiten seinen guten Namen zu wahren. Aber es wird kein Niveau gehalten, solange nur. Menschen der vergangenen Bildungsepoche die Bänke der Lehrhäuser und die Reihen der Klilturbünde füllen, und es läßt sich nichts über ben Bestand hitd oie Zukunft des Judentums in Deutschland sagen, so lange seine Repräsentanz in allen entscheidenden Gremien von den Bertretern einer sozialen und bildungsmäßigen Schicht gestellt wird, die keine Nachfolge mehr besitzt. Die ungeheure Gefahr einer Proletarisierung., einer Fellachifierung

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