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Central-Verein-Zeitung · 1935-11-14 · 46 (14.11.1935) · page 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
46 (14.11.1935)
Date
1935-11-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 46 * 5. Beiblatt 14? November 1935 1 Jüdisches Leben und jüdischer Geist Aus den Vortragssälen Bruno Kisch: Gottesglaube und Naturwissenschaft - 3m: überfüllten Saal der Leisingloge in Breslau. sprach Universitatsprofesior Dr. tned/ Bruno M-sch (Köln) auf- Einladung des Jn'disclpkoiiser--- vativen Gemeindevereins über das Thema: „GotteSglaube und Naturwissenschaft". Ter Redner führte zunächst aus, hif? Glauben und Wissen und ihre Beziehungen zueinander im menschlichen Bewußtsein verankert sind, von dessen Schwächen das Verhältnis des Menschen zu Glauben , und Wissen naturgemäß beeinflußt wird. Tie Stellung der Naturwissenschaften und der Thora zueinander hat mehrere Wandlungen durchgemacht. Ursprünglich wurde die.Naturwissenschaft aus der Thora abgeleitet, später wird entgegengesetzt der Gottesglaube durch die Natur bewiesen. Tie Aufklärung hat die Tora ans Grund der Naturwissenschaften kritische betrachtet, und an dieser Betrachtung wurde dann wiederum Kritik geübt. Tie beiden . Begriffe des Glaubens - Und des Wissens, die dem modernen Menschen vielfach als .Gegensätze erscheinen, enthalten tatsächlich nur einen graduellen Unterschied. Tie Natur erscheint nur in der Abtönung größerer experimenteller Beweisbarkeit. An Hand interessanter Beispiele zeigte der Vortragende in diesem Zusammenhang, wie oft naturwissenschaftliche. Erkenntnisse, die früheren Generationen als unantastbar erschienen, nach wenigen Jahrzehnten widerlegt worden sind. Gegenüber der sich ständig wandelnden Wissen- Öben:Jeschiwa, Gemälde von Hirssenberg. Nebenstehend: Ein Hörsaal der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Beide Foton : Herbert Sonnenfeld . (Berlin) selbst i't die biblische Lehre un-verändert beständig -geblieben. Keine naturwlsscnschaflllche Er- - kenntnis'kann-für-den gläubigen Juden das jüdischeJ l^esetz-ausheben. - -Tie- Thora -ist,; da von .Gott selbst stammend,, won. Divuscheir^nichtaushebbar und fleht in dieser Hinsicht im Gegensatz zu allen. vo'n Menschenhand geschaffenen Gesetzen. Das. Bekenntnis zu der Unverruckbarkeit dieser Lehre ist ein Gruiiddogma des Judentums.-von . dem wir modernen Inden uns zu unserem Schaden weit entfernt haben. So bedeutet die echte Teschuwa, wie sie der Redner am Schluß seiner. Ausführungen for» derte. die Rückkehr zu dem Stand, ort. von dem wir Juden ausgegangen sind, zum alten gläubigeii Judentum. 8ebv. hehrhaus Köln Tie .Vereinigung Jüdisches Lehrhaus Köln hat Bütte Oktober - ihr neues Semester mit' einem Vortrag „Neues- Leben" durch Rabbiner Tr. .Ignatz Maybäum. Frankfurt a. d. Oder, eröffnet. N'ach einleitenden Worten von Rechtsanwalt Jonas namens des Gemeindevorstandes und des 1. Vorsitzenden des Lehrhau'es. Gemeinderabbiner Tr. Kober. zeigte der Redner als Ziel seiner Tarlegungen ein varleideireites Jiideiunni. da-x- Tbeologifierung, ->?inoriuerung und .Politisierung gleichermaßen verwirft. unddas .zNenes Lernen' un ur- .- jüdischeil. - nicht, im älade.mischen ..Sinne, zu . e.rürebeii' habe.. Tnrch die' .eigene Prägzing . von Ge-dgnkeir unüüvroft:pie11; Tarleg'>mge!i i>>nerbalb 'des„!lBrtr>igesV iesieike^ der: Redni rEdieSHörer^ in. . beiondereiu- Ntaße. Als ziveile größere Beranual-, tnng nolgt.nunmehr-.- am 2i>. d. Nt. eni -Vortrag, von Oberrabbiner ' Sr..' E a r l e l> a c!> - Altona: „lieber - den . eNinchen 'Gehhll des- Talmud" im Saal de? Gemeind> iuii.te llelu'rlie Gc B r a n ii . Tr. E ach. Tirektorein.de. Sihl Bonn. T ging. Philosophie Lneralnr und Pphibbiner Tr. 0 G ii ii t'<e mein tun' r i n i i v n > l it n g e v-.-’ HRablnn-ei . Siegimkiib S t e chanses. Eäcilien.straße Arbeit■>genieintcha'teil ■ und Elhis. .Sprache, aläüi.nakiinde eiNnom- . a r-lebach. ißabbine-r a n l,.Seminariindien- . ibbiiier Tr Nober, ... -Uonrektpr-.P. L o"e b .. - o,i e n t h a l Kalman - Tr. Setag-ohai- Jugeiidveraiistaltimgen werben durchgesuhrt durch Dr. I. Herz« selb, Dr. H. J a c o b i und Ilse Loewonthal, die über FraiieiigestaUeu der Bibel ab Januar eine Arbeitsgemeinschaft halten wird, liine Reihe engl« sscher und spanischer Sprachkurshält Stiid.-Refereud.-J. I o s ep h, die sehr stark besucht sind. Bon auswärtigen Rednern ist außer Rabbiner Dr. Selig so Hw. der eine Arbeitsgemeinsclwft über „Geschichte und Gegenwart des jüdischen Nationalstaates" ver» an haltet, nocl, T r. Fritz B a m « b e r ger - Berlin vorgesehen, der. am 6. Januar 19-!«» aus Anlaß des I 5,0. Todestages M v s e s.M e n d e l s s v h ii s »der . „M e n d e l s so h n s j ü d i sch e . Leistung. Il, re Idee und i h r S ch i ck s.a l" sprechen wird. — Aiisküiiste Leo. Grünbaum, Köln, Lotharstraße;t-t.-:-;- Heinrich Finkeistein Geheimrat Professor Dr. Heinrich Finkelstein beging seinen 70. Geburtstag. Dieser große Forscher und Arzt wurde in Leipzig als Sohn des Fot. Dr. Faul Mtyer-Mannheim damaligen Borstehers der jüdischen Gemeinde geboren und ist sein Leben lang ein aufrechter Jude geblieben. Finkelstein studierte zunächst Geologie und wandte sich erst nach Abschluß dieses Studiums als reifer Mann der Medizin zu. Nach seiner Approbation wurde, er 'Schüler des ausgezeichneten Internisten A.. Frankel, und dann viele Jahre Assistent bei dem größten Kinderarzt seiner Zeit. O. Heubner. zuerst in Leipzig und daraus in Berlin. In der Schule Heubners erwarb er sich die Grundlagen für seine spätere Meisterschaft in der klinischen Beobachtung des Kranken, und blieb mit fernem Lehrer bis zu denen Tod im Jahre 1926 in herzlicher Freundschaft verbunden. Noch wahrend seiner Assistentenzeit habilitierte sich Finkelstein an. der Berliner Universität für Kinderheilkünde, seine Meisterjahre begannen 1901 mit der Uebernahme. der ärztlichen Leitung des Waisenhauses und Kindergsyls der Stadt Berlin. IN Jahre war er an dieser von ihm eingerichteten Anstalt tätig, dann wurde er als Nachfolger A. Baginskhs ärztlicher Direktor des Kaiser- und Kaiserin.Friedrich-Kinderkrankenhauses der. Stadt Berlin, bis er im März 1903 in den Ruhestand trat. So kurz in diesen wenigen Zeilen der Lebensgang dieses großen Arztes gezeichnet werden kann, so lang müßte der Bericht über den Inhalt seiner 35jährigen Lebensarbeit ausfallen, wenn er der Bedeutung von Mann und Werk gerecht werden sollte. Finkelsteins Werk ist so grundlegend, daß viele feiner Gedanken heute zumselbstverständlichen-namenlosen Besitz der Kinderheilkunde geworden sind, Finkelstein gehört feinem Wesen nach zu dem - Typus des Gelehrten, nach einer Definition Sprangers zuin Typdes theoretischen Menschen, dem der höchste Lebeuswert durch geistige Arbeit, . durch Vertiefung des Wissens und der Erkenntnisse dargestellt wird.. Viele Jahre hindurch war er von der Arbeit geradezu dämonisch besessen. Hatte ihn ein Problem erfaßt, so ließ es ihn nicht' mehr-los, bis eine Lösung der Fragestellung ge-, funden war. Mit. der Liebe zur Wissenschaft verbindet Finkelstein wahre ärztliche Kunst. Arzt sein heißt für ihn heilen und Vorbeugen; erst dann gewinnt eine wissenschaftliche Frage Macht über ihn. wenn ihre Beantwortung therapeutische Ausblicke eröffnet. Nicht im Laboratorium sind seine Arbeiten entstanden, sondern sie gingen von der Beobachtung des kranken Kindes aus und haben gerade deshalb in der ganzen-Welt so bahnbrechend gewirkt. „ Die Probleme, die er bearbeitet hat, können än dieser Stelle nur angedeutet werden, jeder Kinderarzt verfolgt in der "Praxis des Alltags bi-s- Lehrey, die seiner geistigen Arbeit zu verdanken sind. So ist »Finkelstein nicht nur der Lehrer seiner Assistenten, sondern der Gesamtheit der Aerzte geworden. Um einen-Begriff von Finkelsteins Lebensarbeit zu geben, feien einige seiner Hauptarbeitsgebiete genannt. An erster Stelle steht die svzialyygienische Leistung. Als der junge -Privatdozent Im Jahre NNO von der Stadt Berlin zur Leitung des nenerrichteten Kinderasyls be° riiseil wurde, galt es. nach maiiiiigfachen N!ißerfvlgen früherer Jahre, eine Pflcgestätte für Säuglinge zu schassen, die zugleich zur ivirllicheu Heilstätte iverden sollte. Fiukelsteius Einrichtung und seine Fül,nmg des .lliuderasyls wurde für Jahrzehnte ein Vorbild für ähnliche Anstalten des Ju- und Auslandes. Durch die Einschaltung der stativuüren Behandlniig wurde die bis dahin .außerordentlich hohe Sterblichkeit unehelicher Säuglinge (in Berlin fast 00 Prozent) bald, vermindert, und sie ist dank der ebenfalls,unter seinerärztlichen Beratung eingerichteten Säugliugsfürsvrgeitellen Berlins zugleich mit der Sterbtichkeit der eheticheu Säuglinge seitdem Jahr für Jai,r iveiter znrückgegaugeu. Wenn um die Jahrhuudertioende die Säugtiiigssterbtichleit noch 20 Prozent der Geborenen betrug und sie heule kaum 6 Prozent, erreicht, so ist dieser geivattige Fortschritt zu einem nicht geringen Teil auf seine . wissenschaitliche Arbeit zurückzusühIen. Er beschrieb die dem Säugling so gefährlichen Eruahruiigsstöruiigeu, ausgehend von-feinster klinüchec .Beobachtung, und kam. dadurch zu einer klaren ' Ueberncht über dieses bis dahin so schwer zu ordnende Gebiet. Sein klinisch fundiertes Ein- - teiknngssmlem hat sich bewährt und ivird heule in allen Teilen der'Welt verivandt. Vlbct nicht nur zum Erkennen der "Ernährungsstörung.niliescrte er das Rü'tzeug.-sondern auch zur Heilung, indem er den Einsluß der Nahrung auf Entstehung-und Verlauf der Ernährungsstörung erkannte. Wenn bis dahin die Bakterien als Ursache der Ernährnngsstörnngen im Vordergrund stunden. so zeigte Finkelstein den kraukmachendeu. in der richtigen Auswahl der, Nährstoffe aber auch geiundmachenden Einfluß der Nahrung. Bei diesen —Studien -en-tfee-efteer das alimentäre Fieber, das beim Säugling unter bestimmten Voraussetzungen. durch gewisse Nahruugsstvsse ausgelöst wird, eine Entdeckung, die eine überaus fruchtbare Aussprache der -giliderärzte anregte und auch heute. noch nach 25 Jahren im Mittelpunkt des wissenschastlichen Interesses steht. Als praktische Frucht dieser -Forschiing ist die Eiweißmilch als Heiluayrung für Turchfälle bekannt. Ein besonderes, Jal,rzehnte hindurch ungebrvihei.n's Interesse braclste Finkelilein dem kiiidlictien Ekzem, entgegen. J,n Jahre!9i>7 nerufrenN Iiii)te et seine erste Arbeit über die Beliandlnng dieser verbreiteten Haiiterkrnnknng de-- Kindes, lind im letzten Halbjahr er'iliien .tin 'pßnindler- Schloßinaniisiheii Handbnch die Jnsainineniassiing seiner 27jährigen-Erfahrung über das Ekzem. Sie ist eiii Nieisteriverk schlechthin. Als Tireltvr des großen Kiiiderkrankenhalises hol sich Finkelslejii mit seiiien Schillern vorunegend niit den Erlrankiingen des alleren Kindes - hcscliästigt. Ueber die schwere T iphll>erie/ die Alittelolirerlranfiing, die Erkr-anfiiinzen des Blutes, die Tnberkutosesind in dieser J,eit oiele i»erlvo!le Arbeiten erschienen. .Auch die. Galle, zu lel,ren, - ist Fiiikelsleiu in seltener ülleite. zu eigen. Seine- Lelirbücher. 'ovr. allem sein berühmtes -Let,rbwl, der SnngEngs« kraukheiten und feine Beiträge zii Lelirlnieliecn. sind dest>alb foivohl für Lernende als autfj fiic Eriahrene L.nellen der illelel>rnng und des -Ge. - linises. In rastloser Arbeit, auch die iinil>evölle Kleinarbeit des. Li.ter-atiirsiüdiuiiisnie iciienend. iiii Drang di-s Foricheys bis znm Grniide und in; l-fhriiirchi vor der ^llipenschast. scl,reibt Finlelitein. lieber den .Ziihalt vergißt er nie da- .Zerm: ider poetischen Begabung, -die dein nf'rrMiirljtiiifcn Beschauer verborgen lileibt, entspringt der kiinslseriü'ije Ausbau und Stil seiner Arbeiten. Trotz der großen'Leistniig und der ihr svlgenden Weltgeltnng —- Finkelstein fit Elireiimitglied der Tentschen lßesellscl,ast für Kinderl,cilknnde. der Berliner Geiellschait ritt Kinderl,eiltnndc und vieler ausländischer ärztlicher Lrganiiativnen — liegt ihm die große Geile so mancher bernhmter Aerzte nicht: sein stilles Arbeitszimmer ist sein L!ebl-LUGsplatz, vor der hinle» An'-.eiiioelt halt er sich scheu zurück. Außer zur LiKsseiiichast hat -mir eine große Liebe, die Freude an der Nch'eßät der Berge, die ihm stets die Erholung gewährt hat. deren er für seine, große Arbeit bedurfte. L.F.M.

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