Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 44 (31.10.1935)
- Date
- 1935-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XIV. Jahrgang / Nr. 44 Berlin, 31. Oktober 1935 P r I 0 P fennig entral ALLGEN EIN E ZEITUNG DES JUDENTUMS Avz.elssusuoahwe, Vertriejjsabteilung): .Berlin W 15, Emscr. Strasse 42. Fernsprecher: J 2 OliVa 8141-^-45..: TeleRratornndresse: Ccntral-Rlauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 80479. diirr h’ HpV PnctKn^ e”w k?* w®*lratllekam Donnerstag. Redaktionsschluss.: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und -die' Geschäftsstelle entgegen. - - Zustellung erfolgt durch dio Post, die die Gebühren auren aen iosthnt.cn erhebt. - Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2.30 RM, umgercchnet in die-Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpr. (Ausland 20 Rpf.). besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. —Anzeigengebühren: Preisliste 5 gultig. Die lSgcspaltenc. MiUimetcr-Zcilo ”20'ltpf.7 für .Stellengesuche ugen. 16 Kpf., weitere’ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur .gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. durch den Postboten erhebt. Im Falle höherer Gewalt bei. 10 Rpf., für Familienanzeigen Blick, in die Weite Tie Rekorde der Motoren und der elektrischen Wellen Hat die Fernen aller Erdteile; Mammengerückt. Bild-, Tonfilm, und wer weiß wie rasch FernseHvvrrichtungen, können nns nahebringen, was 10 000 Kilometer entfernt sich vollzieht. Aber jene fernen Weiten bleiben Fremde. Gegenstand interessierten oder neugierigen Betrachtens und wissenschaftlicher Forschung, solange nicht menschliche und persönliche Bindungen von uns zu ihnen hins ähren. ' Für nns Juden in Deutschland gibt es seit einigen Jahren wenige Orte in der Welt, auch außerhalb Europas, bei dem nicht, wenn er genannt wird, in dem einen oder anderen die Vorstellung aufzuckt: da ist doch der hingegangen, und dahin jene, wie leben sie, was ist aus ihnen geworden, wie kommen sie. weiter? Es ist neben den vielen Systemen der Geographie. die es bisher schon gab, eine neue, sehr persönliche, sehr, herzliche und sehr bewegende neue jüdische Art der (Geographie entstanden. Sie ist noch nicht in wissenschaftliche Form gegossen, sie wächst aus Briefen, aus Berichten wie Besuchen und vor allem aus den Aufsätzen der Zeitungen hervor. In folgendem bringen wir solche Berichte von , Mitarbeitern, die diese Ferne mit eigenen, sehenden Augen erblicken und sie "uns und unseren Lesern näherzurücken suchen. Immigrant, nicht Emigrant! Erste Eindrücke eines Einwanderers in den Vereinigten Staaten Vonunset e m Sondetb e rieh {erstatte. F. H. Rew-York, Mitte Oktober 1935. Noch sind nicht zwei Monate vergangen, seit die Statue der Liberttj den Einwanderer in New-Hort willkommen hieß. Der spätsommerliche Dunst, in dem man zunächst die -Umrisse der Wolkenkratzer nur unscharf erkennen konnte, ist inzwischen der herrlichen« Klarheit des amerikanischen Herbstes gewichen, — und auch dein Neuankömmling ist, seither schon manches klar geworden. Was er in diesen sieben oder acht Wochen gesehen und gelernt hat, will er hier zu Nutz und Frommen künftiger Amertka-Fahrer ganz schlicht berichten. Es gibt genug gute Bücher über Geschichte, Wirtschaft und Kultur der Vereinigten Staaten — wir denken etwa an die Werke M. I. Bonns, Arthur Feilers. Julius Hirschs, Friedrich Luckwaldts und Friedrich Schönemanns, — aber man wird selbstverständlich in ihnen nur allgemeine Belehrung und nicht die im Augenblick viel dringlicheren praktischen Winke für Einwanderer finden. Diesem Mangel sollen die folgenden Betrachtungen an ihrem bescheidenen Teil abhelsen. Künftige Aufsätze werden dann von dem Berufsproblem im einzelnen und von der sozialen Stellung des hiesiger^ Judentums im allgemeinen handeln. Das Affidavit Unser Reisebericht hat nicht am Pier in Bremen oder Hamburg oder Southampton zu begannen, sondern in Berlin W, Bellevuestraße. Dort, in der Immigration-Abteilung des amerikanischen Generalkonsulats (bzw. in ein paar Konsulaten im Reich), fällt die erste Entscheidung: der zuständige Konsul hat zu prüfen, ob er auf Grund ier sehr strengen Vorschriften ein Quota-Einwanderungsvisum erteilen kann. Es ist nicht mehr . Die vorliegende Nummer umfasst 20-Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Die drei Abhängigkeiten Palästina*. Dort unserem Palästina- Berichterstatter. V ' 1. Beiblatt: Der Barbier\von Sevilla. Zeichnungen v\>n Ernst Marbusc. — Die jüdische Winterhilfe. 2. Beiblatt: Die Falamchas in Abessinien. Von M. S. Ruest. — Henri Wieniavoski. Von Boris Schwarz. — Rembrandt- Forschung. Von Dr. Olga Bloch. — Saisonbeginn in London und Pari*. — Bibliographie jüdischer Werke. 3. Beiblatt: Das neue'Buch. 4. Beiblatt: Sportblatt. — Wirtschaft der Woche. — Juristische Wochenschaue — Vor der Ernte in Palästina.— Palästina-Literatur. wje einst, als Amerika izpch jugendsrisch ge- , nug wM^den beliebigen Mropäer "ohne viele Schwierigkeiten aufzunehmen. Aus, dein größten Einwanderungsland der Geschichte ist in den letzten Jahren ein Auswanderüngsland geworden; viele Zehntqusende haben enttäuscht die Neue Welt verlassen, als die goldenen Tage der Prosperity. vorüber waren. Die immer noch nicht beendete (wenn auch allmäh lick) sich mildernde) Wirtschaftskrise macht es begreiflich, daß die Vereinigten Staaten, die einst Millionen russischer Juden - eine Zuflucht bieten konnten, von der deutschen Emigration nur 6000 bis 7000 oder höchstens — nach Ernst Kahns Schätzung — 10 000 Menschen aufzunehmen vermochten. Immerhin hat die amerikanische: Regierung nicht das französische Beispiel nachgeahmt, sondern setzt.die Erteilung von Sichtvermerken unbeirrt fort: 2(100 bis 3000 deutsche Nichtarier je Jahr haben also die Chance, ein Visum zu erlangen. Erste Voraussetzung dafür ist vorzüglicher Gesundheitszustand. Schon über dies Hindernis ist mancher gestolpert, der sich für frisch und kräftig hielt; die medizinische Kontrolle ist außerordentlich genau. Die zweite Hürde: Ein einwandfreies Führungszeugnis wird der brave Bürger leichter nehmen. Wer aber irgendeine, noch so harmlos erscheinende Vorstrafe besitzt, sei gewarnt; amerikanische und deutsche Rechtsausfassung sind zu allen Zeiten sehr verschieden gewesen, und was einmal in Berlin eine läßliche Sündegewesen sein mag, ist für New- Porker Begriffe ein „crime". Zuletzt kommt der schwierigste Punkt: Tie Geldfrage. Kaum ein Reichsdeutscher wird.heute dem amerikanischen Konsul einen Betrag au frei verfügbaren Devisen Nachweisen können, der für den „Start" einer Laufbahn in USA ausreicht: also schätzungsweise-etwa 1000 bis 1500 Dollars. Damit nun der ohne Barmittel landende Einwanderer nicht den amerikanischen Behörden zur Last fällt, muß rechtzeitig von ihm Vorsorge getroffen werden: Er hat dem Konsul das Affidavit (Erklärung vor einem Notar) eines Bürgers der Vereinigten Staaten vorzuweisen, der sich darin in aller Form verpflichtet, für den Neuankömmling zu sorgen, bisher eine Existenz gefunden hat. Das Affidavit mutz durch genaue Angaben über die wirtschaftliche Lage des Bürgers _ erhärtet sein; mir wenn es von einem nähen-Berwandtcn oder engen Freund stammt, wird es der Konsul überhaupt gelten lassen. Aber auch dann muß man noch ein sehr gründliches Verhör gewärtigen, ehe man das Immigration- Visum erlangt. Selbst wenn inan sich dies kostbare Dokument erkämpft hat. ist man noch nicht gegen die Wech'elsälle des Schicksals gefeit. Die endgültige Entscheidung über die Zulassung fällt erst in dem amerikanischen Hasen, in dem man landet, das heißt meist in New-7)ork. Wenn die dortigen Einivanderuiigsbeliörden ernstliche Bedenken gegen die-betreffende Person haben. Hilst das'Berliner Visum nichts, und der Unglückliche muß sich wieder einschifsen. Das ist aber. Gott sei Tank, die Ausnahme und nicht die Regel. Die richtige Vorbereitung Das Ouota-Bisum ist vier Monate gültig; man braucht die Fahrt über den großen Teich daher nicht zu überstürzen. Vielmehr sollte inan die Zwischenzeit dazu benutzen, die Reise möglichst gründlich vor- . zubereiten. Dazu gehör! 'zunächst einmal, daß man. so viel Englisch lernt, um sich mühelos verständlich machen zu können: von dal bis zum vollendeten amerikanischen . Neve- und Schreibstil ist auch dann noch ein sehr, sehr weiter Weg. Sodann muß der Einwanderer wenigstens eine flüchtige Kenntnis der hiesigen Verhältnisse mitbringen; Freunde oder Verwandte, hie in den letzten Jahren.in den USA aeMt haben oder -stoch dort leben, sollst.dstmuglM bis zum Letzten aüsgefragt werden. Dadurch ersparter sich manche Umwege oder Torheiten. Nur ans Grund dieser'Landeskenntnis kann er ein ungefähres Bild von den Möglichkeiten gewinnen, die sich ihm gerade in seinem Berufskreise bieten werden. Hat er eine ausreichende Vorstellung davon erlangt, so sollte er sich von Persönlichkeiten, deren Name auch in Amerika etwas gilt. Einführungsschreiben mitgcben lassen, natürlich nicht an Krethi und Plethi. sondern nur an Dtänner und Frauen von Rang und Einfluß. Diese Itzttcrs ok intrnduetiou spielen in dem demokratischen Amerika eine viel größere Rolle. als man in Deutschland meist vermütct. Daß zur äußeren Vorbereitung auch die Auschafsuug einer möglichst ordentlichen Garderobe, einer Reiseschreibmaschine und ähnlicher nützlicher Gegenstände gehört, sei an dem Rande vermerkt. Weit wichtiger als die äußere Vorbereitung ist dtc i n n e r e; sie kann über Erfolg oder Mißerfolg des^ganzen Unternehmens-entscheiden. Es ist nämlich etwas ganz anderes, von Deutschland nach der Schweiz oder England zu übersicdeln. als nach Amerika anszüwandern. Obwohl in New-Pork dieselbe Sprache gesprochen-wird wie in London, befinden wir uns am Hudson eben in einer anderen Welt als an der Themse vder der Spree. Auch lste imponierende Geschwindigkeit, mit der die modernen Riesendampfer den Ozean durchqueren, kann an dieser Grtmdtatsache nichts ändern. In dieser Neuen Welt sind viele unserer alten Vorstellungen und Methoden wertlos. Wir müssen uns völlig umgewöhnen und uns mit der amerikanischen-Denkweise innerlich vertraut machen. Adolf Harnack hat einmal -die Eiferer mit feiner Ironie daoor gewarnt. die Vorzüge des Protestantismus mit den Nachteilen des Katholizismus zu vergleichen: da.' komme . man zu einem schiefen Urteil. Ebenso töricht wäre es. an alle amerikanischen Einrichtungen und Sitten den Maßstab Europas oder gar der eigenen Heimatprovinz anzulegen. Hüten wir uns vor ungerechten und oberflächlichen Parallelen! Folgen wir lieber dem Vorbild .des trefflichstenMannes. der je. von Deutschland nach den Vereinigten Staaten auswandcrte:- Earl Sch u r z, der einst den Boden der Union mit dem festen Entschluß betrat, alles von der günstigsten Seite zu betrachten und sich durch keine Enttäuschung ent- ■ mutigen zu lauen. Niemand verlangt von uns,- daß wir die Wahlheimat so lieben, wie wir das Land geliebt tsäben, in dem wir geboren wurden: aber es ist unsere selbstverständliche Pflicht, uns hier vorbehaltlos einzuordnon und allem Neuen eine herzlicye Aufgeschlossenheit enkgegenznbringen. Der Neuzugewanderle — kein „A u a I ander“ - Die Amerikaner sind um so.mehr berechtigt. dies loyale Verhalten zu erwarten, als sie selber den legal Eingewanderten als Gleichen unter Gleichen behandeln. Er hat mi- Jililliiliiilliimlliliiililliiiil-ii'iiliilii! eines jeden Juden r ist es. unsere Armen f zu schützen!^, j ' iPf'MSr FÜ« «!£•-" beschränkte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis; vor behördlichen Schwierigkeiten, die den Emigranten in fast allen europäischen Ländern bedrohen, ist er sicher. Schon einige Wochen nach der Landung kann^er. wenn er will, das „E r ft c B ü rge r p a p i e r" erlangen. Er muß dazu vor der zuständigen Behörde die "feierliche Erkiärung abgebcn, daß er amerikänischer Bürger zu werden wünscht: ihm wird -dann ein Dokument ausgehündigt. auf Grund dessen er nach fünf Jahren eingebürgert wer den kann. Jener Eid vor dein Nnturalisativnsbeamteii ' ist gewissermaßen der Schlußstrich, den der Einwanderer unter seine Ver- - gangenheit zu ziehen hat. Er tritt damit ein in den Kreis der amerikanischen Nation, die ihn mit der gleichen Selbstverständlichkeit ansnimmt wie die Millionenvon Nenankösnm-' lingen vor ihm. Das ist ja der -.ntscheidende -Unterschied: in allen europäischen Staaten sind die Auswanderer jetveils Altständer geblieben und werden es --- mit wenigen Attsuähmen -- immer bleiben, weil Völker mit vielhimdert-' jähriger Tradition wenig geneigt sind. Neuziigewanderteu gleiche Nechte zu gewähren. In Amerika dagegen ist die Zahl der alten Geschlechter sehr gering; ein großer Teil der wertvollsten Bevölkerungsgruppen, wie etwa die deutschen Achtundvierziger. sitzt erst seit zwei oder drei Generationen im Land, und wie viele Koryphäen der Wissenschaft, »nie viele Pioniere der Wirtschaft sind selber erst vor ein paar Jahrzehnten eingewanders! Gerade indiesen Tagen -hat ein vorzüglicher Kenner der Kulturgeschichte der USA. Dumas Malone, eine eindringliche Studie veröffentlicht, in der er freimütig erklärt, daß „unsere Jmmigrants eine angemessene Leistung tut Geistesleben Amerikas vollbracht haben.' Wenn er auch glaubt, daß Europa künftig der. Reuen Welt weniger zu bieten haben wird als ehedem, so anerkennt er doch für sein Lstnd. da-z die Erben so vieler Völker nnistne. eine besondere V e r P f l i ch t n n g zur T v l e - ran z. Ihrer sind sich die uteisten Amerikaner. - durchaus bewußt. . , -t Hilfsbereitschaft Im allgemeinen zeigt man stich dem ..r^-reenhorn" gegenüber sehr freundlich und hilssbercit. Dian unterstützt seine Beinülmu-