Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 42 (17.10.1935)
- Date
- 1935-10-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42 * 2. Beiblatt CYIeihinq ^Oktober 1935 Am Ende der Feste Von Rabbiner Dr. Les Laerwa 1 d (IVIünchen) Wiederum haben wie dir^keihe der Festtage durchschritten. Vom „Geburtstage der Welt" augesangen mit seinem aufrüttelnden Schofartvn. über den uns auf. Unser-Inneres verweisenden und doch auch zugleich die Verbindung mit ganz Israel herstellenden Versöhnungstag bis zu der'sanften. Heiterkeit des Sukkaussestes und dem noch einmal Ernst Und Freude in gleicher Weise zum Erklingen bringenden Schlußseste — all das zog w-ieder an uns vorüber, zog in uns ein. Wessen Seele noch nicht abgestumpft ward,.dßr fand seine Erlebnisse von neuem vertieft, die inne^ ren Erfahrungen bestätigt. ■ Nun ist das Festgebetbuch wieder weggestellt, bis wir es — so Gott es will ^— im nächsten Jahre wieder hervorholen. Der Alltag hat uns wieder; ein neuer Winter mit seinen Sorgen und seiner Arbeit steht vor der Tür. Tie Sorgen sind gewiß nicht kleiner, die Arbeit nicht leichter geworden — aber im Grunde ist es doch, wie es Jahr für Jahr gewesen ist. Soll es so sein, darf es so fein? Müßten nicht die Erschütterungen, die unser Leben in den letzten Jahren erfahren hat, die Erschütterungen, die. die Festtage uns gebracht haben, uns so vertieft haben, daß etwas von dem Reichtum der Festtage in uns bleibt? Nicht die Stimmungen; Stimmungen kommen und gehen. So gern wir uns der Stimmung hingeben, wenn ein Anlaß wie die vergangenen Tage sie bringt, so verfehlt wäre es. sie sesthalten zu wollen. Das wäre unnatürlich; eine mit Gewalt festgehaltene Stimmung wird verlogen oder im besten Falle unecht und geschmacklos. Tie Festtage sollen uns in der Tat mehr gegeben haben. Dinge, die nicht wie Stimmungen sich verflüchtigen, sondern wachsen und reifen. Was die Festtage jedesmal von neuem hinterlassen wollen, sind unsere Ueberzeuguugen, die sich immer wieder festigen und vertiefen, wenn die Lehren unserer Religion uns ernstlich nahegebracht werden. Wann aber könnte das eindringlicher geschehen als an den Tagen, die wir soeben beschlossen Haben? Dies im einzelnen zu erhärten. darf hier nicht einmal andeutungsweise versucht werden. Es gibt keine endgültige Form, in der man darstellen könnte, wie der Gedankenreichtum der Religion aus den Festtagen immer wieder abgeleitet werden kann. Das bietet ja dem Prediger die Möglichkeit, aber auch die Aufgabe, stets von neuem die Festtage zum Ausgangspunkt der Erörterungen über die wesentlichen Fragen unserer Religion zu nehmen; die Feste, ihre Geschichte, ihre Gebräuche, ihre Gebete sind unerschöpfliche Quellen dafür. So wenig nun. wie vorhin gesagt, dersucht werden kann und soll, den Stimmungsgehalt der Feste mit Gewalt wachzuhalten. weck dieser an die Tage selbst geknüpft ist. so dringend haben wir andererseits die Pflicht, uns gedanklichweiterzubeiafsen mit dem — nennen wir es ganz nüchtern und vielleicht schulmeisterlich — Lehrgehalt unserer Religion.. Das erfordert allerdings ernste lind vielfach-mühevolle Arbeit, der die kommenden Wintcrmonate gewidmet sein sollten: Lektüre inniiiniHiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuHutiiiiiiiiii der Bibel als Erstes lind 'Wichtigstes, woran sich Lektüre des hagadischeil Schrifttums anschließen mag. .llenntizss unserer Geschichte und unserer miltelalterlichen Literatur. -Studium von neueren Darstellungen des jüdischen Geisteslebens müssen dazu kommen.. Das alles ist heute verhältnismäßig leicht - zugänglich, und in größeren Gemeinden sind Kurse und llehrhansartige Veranstaltungen vorhanden.... um den geistigen Hunger , zu stillen, der als eine Folge der Festtage zurückgeblieben sein soll. ' Sind die Ueberzengnngen schon aus-- reichend für unsere jüdische Eristcnz oder iiuiiiniiiiiiiiiiiiiiiiijiinniiimiiimiiimmnmmiiiiiuiiniiiiiiii Simchaa Tora Gemälde von Adele Reifenberg-Roeenbaum #ot. Ilerhert-toonnenfeld, Berlin gehört dazu nicht noch eich mit Bewußtsein lind Verantwortungsgefühl gestaltetes und f mit festem Willen geformtes Leben? Dazu mögen ' tieft nndierte Ueberzeugnngen allerdings höchst förderlich sein, denn ans ihnen köliiren wertvolle Willensimpnlsc entspringen. Das gilt insbesondere für lleberzengimgen religiöser lind sittlicher Art. Wenn wir an der.Festigung nnd Ausgestaltung solcher ■ Ilebrrzengnngen arbeiten, dann haben wir de.n llebergang .zum - Gebiete - des Willensschon vollzogen. Ans großen Gedankensein . Leben gestallen inocl,tc iiMiucher. abrr er findet^ nicht den Weg von' der Größe des Gedankens . zur .grast de-.' Willens. wvdlnllz. allein' die Erreichung seines Zieles verlnirgt wird. Hier ' setzt die eigentümliche Struktur unserer Religion ein. die den bloß abstrakten Gedanken zur praktischen Verivirklieliiing führt, ioosür wiederum die Festtage die besten Lehrmeister sind. 'Der Wille zur Lebensgestaltnng geht notwendigerweise.-über das Jndividum hinaus und versetzt den Menschen in die »'eiteren Zusammenhänge init den anderen Menschen, nicht zuletzt in den geschichtlichen ,stlsannnenhang. Wir erleben-.heute Gesetstelche in besonderem Maße. Was nur lsier erfahren. ist allerdings ein Erleben, das im wesentlichenein passives, ein Erleide» ist. Das lasst uns fast vergessen, daß alle Gejehielste zwar'von. Gott bestimmt, aber auel> von der Kraft des Viensclien initgesormt wird. Tiefe straft, die im gestchichtlistieli Leben sichtbar'wird, kann auch eine.straft des Leidens rein. Es müßte 'einmal der: Verjnst, genmetst werden, eine Weltgeschichte vom Standpnnlt der Leidenden ans zu schreiben und zu zeigen, welchen 'Anteil sie an der Gestaltung der Weilt genonunen haben. Vielleicht ist das Thema einer solel,en weltgeschichtlichen Vetraelstniig scl,on im Kapitel äck des Proplielen Jesaja bvm leidenden Gottesknecht mit unüberbietbarer Teiillichleit Umrissen. - An einem Punkte ivird es besonders deutlich, daß amh der Leidende aktiv und sstiöpserisch ist: dort nänstieh. Ivo er der rräger von Ileberliefernngen'wird. Wenn er loenigstens das eine tut. daß er rveiter baut.- iiiitiuipft an der Stelle, wo sein Vorgänger seine Arbeit znrncklafsen mußte, dann'hat mul) er das Notwendige für die Erhaltung und Fortführung 'des geschichtlichen Lebens getan. Hierfür ist ja unser Schtußsest so besonders charakteristisch. Das Ende der Tora ist., verlesen, schon hebt der Anfang von neuem an. Es ist. die gleiche Lehre, die uns auch beim Sterben des großen Lehrers ose gegeben )vird. der sterben innß. ive.il er ensct) ist. dessen Werk aber von seinem Jünger und Nachfolger übernommen wird. '.Rose aber ist hier mir das Beispiel jedes Menschen. Mosche, muss ini lau joumss E.Mvse starb, lvelcher stRensch ivird iiirlit sterben" ). So unpathetisch stellt das Bild des sterbenden 'st!ose der mittelalterliche Dichter. Hessen Gesang'das Siniolins tliora Machsor entliält. So unpathetisch zeichnete.ja mich die 'Bibel den Tod des großen Meisters. Lediglich der Midrasch „Seht das Ende eines Menschen!“ Die Agada von Mosches Tod Eiiunal am Tag der Gesetzesfreude geht ein Weinen durch das Gotteshaus; die Stimme des Tora-Vorlesers zittert, und es ist. als lege sich noch einvMl die ganze Schwere des Jom Kippur über das Fest gottesdienstlichen Jubels. Die Tora kündet an diesem Tag. gerade an diesem, vom Tode Mosches. Welch ein Fest, in dessen freu- - digen Dank die Kunde vom Sterben des Meisters dieser Lehre, von Mosche Rabenn. dringt! Die Tora berichtet ganz schlicht: „und Mosche.starb dört"; nichts weiter, und erst aus der Deutung der ischrift hören wir etwas von dem. was in der Seele.Mosches in der s Stunde seines Sterbens vorging. Es steht in gewaltigen Gesichten, in ragenden Zeichen ausbewahrt in der zweiten Bibel, die wir besitzen. in den Agadot. In deren Kunde von Mosches Ende liegt eine der erschütterndsten Schöpfungen jüdischenGeistes. jüdischer Dichtung beschlossen. Wir wollen ihr folgen. . Gott sprach zu Mosche: siehe, deine Tage sind nahe dem Tode. Da nun Mosche sah, daß sein Urteil sprachen war. zog er einen Kreis, in denSr trat, und sprach: „Herr der Welt, ich weiche nicht, bis du^dein Urteil ausgehoben hast." Er umhüllte sich mit Sack und Asche, betete . und flehte, bis Himmel und Erde und Elemente erbebten, so daß sie fragten, ob es denn der Wille des Höchsten sei. die Welt zu-erneuern,__—:--- Und Gott? Er ließ an allen Toren der Himmelssphären ausrusen, Mosches Gebet dürfe nid)l empfangen und nicht vor ihn gebracht werden, denn das Urteil sei bereits gefällt. Als aber die Stimme des Betenden immer gewaltiger, unabweisbarer anschwoll, gebot Gott den Engeln des Dienstes, hinab- .zusteigen und die Tore des Himmels zu schließen; denn Mosches Gebet glich dem Schwerte, das schneidet und jeden Widerstand zerteilt. Mosche rief: „Herr der Welt, du weißt, was ich erduldet habe, damit Israel an deinen Namen'glaube! Da dachte ich, wie ich ihr Leid geteilt habe, so werde ich auch ihr Glück miterleben: jetzt aber, da dessen Stunde angebrochen ist. sagst.du mir. ich werde den Jordan nicht überschreiten. Damit w i d e rlegst du deine eigene Tora; denn darin heißt es: .An seinem Tage sollst du ihm seinen Lohn geben. Ist dies nun der Lohn für den Dienst von vierzig Jahren, für die Mühe. ein heiliges und gläubiges Volk hcranzubilden!?" Gott antwortete: „So erging mein Gesetz!" Daraus Mosche: ..Herr der Welt, wenn ich nicht lebend hinköinmcn soll, laß meine Leiche hinbringen, wie die Gebeine Josephs hingebracht wurden." Ta sagte Gott: „Als Joseph nach Mizraim kam. hat er sich nicht verstellt, sondern sagte, daß er ein Hebräer sei: dp aber hast dich in '.'Ridjan verstellt, weil du zuließest, daß Jitros Töchter sprachen: uns hat ein ägyptischer Mann geholfen." Als Mosche sah. daß er keine Erhörung fand, ging er znm Himmel und zur Erde, sie mögen um Gnade st'r ihn bitten. Doch sie antworteten: „Anstatt für dich Gnade zu erwirken. müssen wir für uns selbst bitten, denn cs heißt: der Himmel wird wie ein Nebel verblassen und die Erde wie ein Kleid verfaulen/' ..Ta Wng Mosche zum Meer, um dieses zu bitten. Das Meeai-mracki: ..Was geschieht denn heute? Bist du noch der Imyn Amrams, der . einst mit dem Stabe kam, mich schlug und in zwölf Strömungen teilte, ohne daß ich gegen dich ankämpien loiiniI da Gottes Glorie dir zur Rechten schritt?" Daraus bat Mosche den Engel, der im Angesicht Gottes steht: doch der Engel bedeutete ihm. daß sein Gebet keine Erhörung finden dürfe. Ta bedeckte Mosche sein Haupt mit beiden Händen nnd rief jammernd: „An wen soll ich mich wenden, um Gnade zu erflehen!" Und Gott erzürnte darob, bis Aiosll,e den Vers anstimmte: „Ewiger, ewiger, gnädiger und erbarniender. Gott . . Ta legte sich Gottes Zorn, und er sprach zu Mosche: „Zwei Schwüre habe ich gehütet: Als die Kinder Israel die Freveltat tder Anbetung des goldenen -Kalbes) begingen, da schwor ich, daß ich sie veruichten werde. Ter zweite Schwur war. daß du sterben ivirst. ohne das Land gesehen zu haben. Um deinetwillen nahm ich den ersten Schwur zurück, als du batest: Vergib doch! 'Ann verlangst du wiederum, daß ich deinem tlßillcn weiche, und sagst: Laß micl) den Strom überschreiten. Packst du den Strick an beiden Enden? Willst Du, daß ich dir das llebersclireiten des Jordans gcrväh're. dann laß dein „Vergib doch" fallen!" Als dies '.lllvsche 1)vrte, antwortete er: „Herr, mögen 'lllvsehe und tausend seinesgleichen nntergehen. damit nicht der Fingernägel eines Einzigen aus Israel Schaden erleide.! Toeh. Herr, das Antlitz, das deine Herr- ' lichkeit gesehen,' die:'.Hände, die von dir'die Torä empfingen, soll das alles in Staub zer- Gott sprach: „So ist mein Eiedanle. und dies ist die Lrdnung der Wett: Jedes Geschlecht hat seinen Fürsprecher. Bis jetst-war es dir zuteil, mir zu dienen, nun ist die Reihe ' an deinem Schüler J e h v s ch u a." Tarant Mosche: „Herr, wenn ich tvegen Jchoschnas sterben imiV-hmiu will -ich sein Schüler iverden." Und Gvtvnntwortcte. wenn es 'Mosche so wolle, nröge er hingehen und so handeln. . . ° ^Sv - ging denn Blosche nnD 'stellte icchMil der Morgensxühe vor Jeholchnas Tür; dieser saß und predigte. '.'Rosche-aber stand, beugte seinen Racken und kreuzte die Arme über der Brust. Doch die Augen Iehoschuas wurden umschleiert. so daß. er 'Rlvselie niclit bemerkte. Ties geschah, damit '.lllosct>e sicl> Iiarine und ihm der Tod leichter falle. Und das Voll tam vor Rivsches Tiir. das lstesetz zu hören, und fragte, wo denn '.'Rosche, sein Lel>rer. hingegangen sei: da ''bekam es zur Antivorl. er habe sich, zu Jehoselina begebe-n. So gingen sie hin und fanden '.'.'lösche vor° .Jechosehnas Schwelle. J'ehoschua saß/Nluiche-aber sland. weshalb sie Jel>vschna fragten, was il,in denn einsalle, zu sitzen, nrahrend sein Meister stehe. Als nun Jehvschua iiinel)ielt. seine 'Augen erhob und '.all d<is geivalirle. zerriß er sei» tsteivand, iveinte und sck,rie: „'.'lleiiter. eilt er!- -'Vater. Vater!" Und-Israel ries dein ''Aoselie zu: „Lehre dn uns die Schrift!" Aber '.'Rosche erividerte: ..Jet) darf es nicl>t." Und als sieantivortelen. sie iniirden niclst von iljiu lassen, erscholl eine Stiniine vom 'Dimniel, die befahl: „L e r net v o n I e h o s cl) n a!" Ta fügten sie sich. . * - 'Riin saß 'Jel)oschna ans dem "<>ll)rensitz. -ihm -znr :ilecl>ten war '"lvscije, .zur-Linsen die Söhne-Aarons. In dieier Stunde nnirde.die -gelte des ützissens '.'Roiche genommen nnd Jel)ojd)iia Übergeben. : . Sie gingen nun. t>i»rni--. nnd >llascl>e schritt-aiir Lrnlen Jet,nick,na-.-: al - iie ins . Bun'deszelt lanieii. senkte ml) die BÜ olle maule zwischen sie. - Nachdem ne ini) "erz>'g. nagte Moscl,e: „Jehvschua. ivas hut Dir das 'Awrt gesagt?" Toch Jel,osclina erividerte: ..'Als es sich d i r vssenbarte. rvnßte ir!) da. ivas es zu, dir spracl)?" - . Ta schrie '.'Rosche'ans: ..Lml'ec hnndertmal sterben als biete e En z i g e <r i t e r > ii ch t! Herr der Welt, bis zu -diesem 'Ai.genl>lick I)abe ich um Leben gebeten, j e l: t a b e r - s e irn e i n e Seele dirl, i n e g'e b e n!" - - Jetzt erscholl die' S tun me. der Aiigenblicl sei gekommen, da z'Ro>ÜI>e non der 'üllelt scheiden' müsse. Mosche hui Israel, seiner und seiner Gebeine im Lande, zu gede.ii.leii und. zu sprechen: Wehe über den Sol)» AmrainS. wie ein Roß liei er vor uns'her und siel in der '. Wüste. Und die Stimme erscholl: Nur noch