Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 41 (10.10.1935)
- Date
- 1935-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2278097-2278125--09653-2292674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XIV: Jahrgang / Nr.4l Berlin, 10. Oktober 1935 Preis 10 Pfennig entral - erefn- ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, S.chriftleitung, Anzeigenannahme, -Vertriebsabteilung): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—4». Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin, Postscheckkonto: Berlin 8<M79. I)ie ,,C.-v.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellungerfolgt durch die Post, die die Gebühren-. durch den Postboten erhebt. — Bezugsgebühren: Abonnement vierteljährlich &9 Rpf. (Ausland 2.30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.% xFa,leh?-rer Gewalt besteht kein Anspruch u.uf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste' 5 gültig. Die 12gespaltfne' Millimeter-Zeile 20 .Rpf., fiir Stellengesuche 30 Rpf.. für ranulienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siebe Preisliste. . Einzelanzeigen nur gogpn Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Diepstag. Platz- und Datenvorsehriften ohne Verbindlichkeit; JLaubhüitenfest Von Gemeinderabbiner Or. Grün (Danzig) Schicksals unabhängig. Wir suchten unsere Ruhe in Gott. „Der Allbarmherzige wird die Hütte Davids, die ins Wanken geraten ist, wieder aufrichten." Diese Gewißheit erfüllte , uns mit Kraft und Lebenswillen. Mitten in aller Rot gingen wir immer wieder daran, uns unsere Lebenshütte auszurichten. Wir schmückten sie ans. so gut wir es konnten. Wir suchten dem Leben, selbst wenn es mit seinen Bürden und Sorgen noch so schwer ans uns lastete, die besten Seiten abzugewinnen und uns in ihm so gut. wie es-nur ging, 'einzurichten. Wie wir in der Zeit-des Hüttenfestes den provisorischen Ban der Hütte aufführen, derjederzeit wieder abgebrochen werden kann, so war das Leben jüdischer Menschen stets nur ein Provisorium für Tage, für Jahre, zuletzt vielleicht für ein Jahrhundert, ein Provisorium, das eines Tages darausi gefaßt sein mußte, wieder eingerissen und zerstört Zu werden, um sich dann aus den Trümmern von neuem zu erheben. Aber so, wie wir 'andererseits in der Hütte in innerer Gehoben- ,n Heit Un, »'.'kt Herist Gefühl "der Aettesfreude Di- Vmje*®* »-»^-»arUg.«4-/LÄL tÄÄ 3 oft genug den Ernst des Daseins fühlen Das Bild des wandernden Juden tritt am Hüttenseste vor uns hin. Vierzig Jahre zog Israel durch die Wüste, unstet und ruhelos, umgeben von Gefahren, die nicht nur das Leben des einzelnen, sondern auch die Existenz der Gemeinschaft bedrohten. Kann man einen Feiertag, der uns an einen schweren und dornenvollen Leidensweg Israels -erinnert, als „Zeit unserer Freude" begehen? Kann unser Herz fröhlich sein, wenn wir daran denken, daß während dieser Wanderung durch die Wüste ein ganzes Geschlecht zugrunde ging, ohne daß ihm der Strahl einer Zukunftshoffnung geleuchtet hätte? Nicht nur von' diesem Zuge durch die Wüste, der auf den Auszug aus Aegypten folgte, erzählt die Geschichte Israels. Er ist nicht ein einmaliges Ereignis im jüdischen Geschehen geblieben. Wir wanderten nicht nur jene vierzig Jahre hindurch, sondern weiter durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende von Land zu Land, von Ort zu Ort. So stellt sich uns jüdisches Los. jüdisches Schicksal dar. Wir müssen immer wieder anss neue um unseren Bestand und unsere Erhaltung kämpfen und ringen, Die Welt reagierte ganz das schwere Geschick, das uns „ , . stimmt war. Man verstand uns falsch, weil man nur das äußere unstete Bild unseres Lebens durch die Jahrhunderte sah und die Eindrücke über uns nur aus der äußeren Schattenseite sammelte. Man übersah, daß es für uns dabei stets eine innere Lichtseite gegeben hat. Unser Gottvertrauen war die Sonne, die immer wieder in unser Leben hereinschien. Mitten aus der Wanderung durch die Wüste, unter freiem Himmel, nur das Himmelszelt über den Häupten und den Wüstensand unter den Füßen, ohne zuverlässigen Schutz und Schirm, ging Israel daran, sich seine Hütten aufzubauen, sie zu schmücken und zw zieren und in ihnen zu wohnen, ungeachtet, der Gefahren, die rn jedem Augenblicke drohten. Wenn Israel am Abend und in der-Nacht in seinen Hütten weilte, wenn es seine Blicke aufwärts lenkte und durch das Dach der Hütte^ hindurch die ^»Sterne des Himmels erblickte, dann erfüllte es eine unsagbare Stärke des Glaubens und der Zuversicht. „Besser ist, sich zu bergen bei dem Ewigen, als auf Menschen zu vertrauen." In diesem Bewußtsein beginnen unsere Väter Sukkot als ein Fest, als eine. Zeit der Freude. Wir gingen unseren Weg durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. In der.Vorstellung unserer Umwelt erschienen wir als die ewig Ruhelosen. Und doch war uns mehr Ruhe beschieven. als man es draußen auch nur zu ahnen vermochte. Nur hieß sie für uns nicht äußere Sicherheit und Behaglichkeit, nicht ein Leben in alle Bequemlichkeiten. Unsere Denkweise und unsere Geisteshaltung blieben von der äußeren Gestaltung unseres t genug mußten. Was für viele unter uns bisher geschichtliche Erinnerung gewesen ist, das ist in' der' Gegenwart zum persönlichen Erlebnis geworden. Der Jude von heute ist wieder 'Wanderer geworden. Nach einem. Jahrhundert der Seßhaftigkeit verlassen jüdische Menschen Haus, Hof und Heimat, um nach neuen Wohnsitzen Ausschau zu halten, um neuen Boden zu gewinnen und aus ihm eine neue Welt des Lebens und Wirkens erstehen zu lassen. Wieder geht Israel daran, inmitten von Hindernissen und Widerstünden sich eine Sukko. eine Lebenshütte, zu errichten. Und es hat ja nicht nur ein Wandern von Land zu Land begonnen, sondern auch ein Wandern von Beruf zu Beruf. Tie alten Bezirke beruflicher Arbeit und Tätigkeit müssen aufgegeben werden. Biele unter uns sehen sich heute örtlich wie auch beruflich vor einem Neuland stehen, in welchem zunächst einmal die Wege geebnet, das Un-" kraut ausgervdet werden muß, bevor, man überhaupt daran denken kann, zu säen, zu Pflanzen und zu ernten. Und doch darf auch die neue Lebcnshütte, die heute oft unter Tränen und unsagbaren Opfern errichtet wird,/-ihres' Schmuckes nicht entbehren. Dieser Schmuck aber, den wir unserem Leben geben, ist die Haltung, mit der wir unser Schicksal trägen. Tie neue Welt. die wir uns zimmern, wird kalt und leer sein, .wenn wir immer nur von, Bitterkeit erfüllt sind über das, was wir verloren haben. Unsere Aufgabe hat es vielmehr zu fein, dem Leben auch unter anderen, ganz neuartigen Bedingungen und Gegebenheiten die besten Seiten abzugewinnen, Uns ümzustellen und einzurichten ans die neuen Forderungen, die an uns gestellt "werden, auch dort Licht und Sonne zu sehen, wo es zunächst vielleicht dunkel und finster scheint. Aber zu dieser Leben?-uZsaiur-ng. itc einen Optimismus ohnegleichen^ luSsetzt, können wir uns nur dann o..rchringen, wenn wir uns leiten lassen von den Psalniworten unseres Festes: „Bester ist, sich zu bergen bei dem Ewigen, als auf Menschen vertrauen. Denn dann wird uns die Gewißheit zuteil." Der Allbarm herzige richtet immer wieder die Hütte Davids, die Lebenshütte Israels: ans, die einznsallen und zu stürzen droht. Er allein ist es, der unser Dasein immer wieder gestaltet zu einem Leben der Freude. , Unabhängige Orthodoxie und Reichsverteetung Die vorliegende Nummer umfasst 20 Seiten. Sie enthalt u.a.: Hauptblatt: Die Zerstreuung der Juden über die Erde, von Dt. E. R—z. 1. Beiblatt: ,Judith“ im Berliner Kulturbund, von Dt. Hugo Lachmemski- — Niels Bohr, von Heinz Leidersdorff. 2. Beiblatt: Salomo und die Königin von Saba, von Leo Hirsch. — Die Alliance Israelite Universelle, von Mark Wischnilzer. — Syloain Levi, von Alice Rosen~ dorff. — Kinderblatt: Modell einer Laubhütte. 3. Beiblatt: Der Buch- und Kunstsammler. 4. Beiblatt: Die Judenfrage in der deutschen Geschichtsforschung. — Wirtschaft der Woche. — Juristische Wochenschau. Die Vertretung der Unabhängigen jüdischen Orthodoxie in Deutschland versendet nachstehende Erklärung: . Die „Rcichsvertreturig der Juden, in Deutschland" hat in der vorigen Woä>e durch die jüdische Presse eine Kundgebung veröffentlicht, in der sie den Anspruch aus totale. Führung der gesamten Judenheit Deutschlands erbebt und das Streben nach Schaumig einer, einheitlichen, staatlich anerkannten Zwangsorganisativn der jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck bringt. Hierzu erklären wir folgendes: 1, Tie „Unabhängige jüdische" Orthodoxie in Deutschland" umfaßt diejenigen Srmagogengemeinden. Organisationen und, jüdischen Einzelnen, die nach dem Diktat ihres religiösen Gewissens auch vom jüdischen Gemein s ch a s t s - leben verlangen, daß es in all seinen Betätigungen dem Gesetze der Thora entspreche. Für sie bedeutet es daher einen unerträglichen G e w i s s e n s d r u ck. zwangsweise einer Gemeinschält einverleibt zu werden, die die Gesetze der Thora nicht als oberste Norm ihrer Verfassung -merkennt. Auch können Träger diametral entgegengesetzter Wellansckfauungen auf religiösem Gebiete nicht ohne schwerste Bedrohung der Gewissensfreiheit.und nicht ohne Gefährdung des religiösen Pflichtenlebens in eine Einheitsorganisalion.gezwängt werden. ——--Der Gewissensdruck wird dadurch nicht geringer, daß die Unabhängige jüdische r,rlhooorie' Deutschlands im Verhältnis zur Gesamtzahl der Inden in Deutschland eine Minderheit bildet. Auch ein» Minderheit hat Anspruch aut Gewissensfreiheit und darf von der Majorität Achtung ihrer religiösen Ueberzeugung erwarten. Tie Unabhängigejüdisckie Orthodoxie in Deutschland kann 'sich nicht denken, daß die Mehrheit der Juden ihr diesen Anspruch und diese Achtung weniger zuerkennen. wird, als dies der preußische Staat seit mehr als einem halben Jahrhundert getan hat. und daß sie insbesondere aus heilige religiöse lieber,seugungen durch die Geltendmachung finanzieller Druckmittel irgend welche Einwirkungen ausüben'will. 2. Die Kundgebung der Reichsverttetung trägt nicht nur dem religiösen Standpunkt, der Unabhängigen. jüdischen Orthodoxie — mit der vor der Veröffentlichung nicht einmal der Ver'nch. eine gemeinsame Plattform zu finden. - unternommen wurde — keinerlei Rechnung, sondern sie ver> leugnet, darüber hinaus, die zentrale Stellung d e r j ü d i s ch e n R el i g i o n a l s fon< stitutive Grundbedingung allen jüdischen Volkstums. 3. - Die Unabhängigejüdische Orthodorie in Deutschland muß daher für sichaus allen Gebieten des religiösen und kulturellen Gebens volle Autonomie in Anspruch nehmen. Auf dem Gebiete der Wirtschaft und der s o z i a l e n H i l f e hält sie eine einheitlickfe Regelung unter gewissen Kautelen für möglich. . 4. Tie Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina und ihre Bewerkstelligung kan» die Unabhängige jüdische Orthodvrie in Deutschlands um des religiösen Aushaus Palästinas willen, nur Hand in Hand mit der agudistischen Organisation und dem Keren Hajischuw vornehmen. . Wir geben uns der silieren Erwartung hin. daß bei allseiligem guten Willen, an dem es in dieser schweren Zeit nicht fehlen darr, ein Weg aeiunden werde, der ohne Gewistenskränk, den inneren Frieden unter den Juden in Deutschland gewährleistet, der für eine gedeihlickfe Zu- ' iammenarbeit die unerläßliche - Voraussetzungbildet, und der der religiösen Aufgabe des Judentums gerecht wird. Die vorstehende Erklärung, die auch durch die „Jta" vom 4. Oktober verbreitet wurde, gibt der Meinung Ausdruck, daß es für die Unabhängige Orthodoxie „einen unerträga lichen Gewissensdruck bedeute, zwangsweise einer Gemeinschaft einverlcibt zu werden, die die Gesetze der Thora nicht als oberste Norm ihrer Verfassung anerkennt". Es wird nachdrücklich der „Anspruch ans Gewissens», freiheit" betont, und daß ..auch eine Minder» heit von der Majorität Achtung ihrer reit- Posen Ileber.zengnng erwarten darf". _ . Die Auslassung muß bei dem Leser den: Eindruck erwecken, daß die Unabhängige Orthvdorie in einem dauernden Kampfe gegen Eingriffe in ihre Gewissensfreiheit >sei» tens der Reichsoertretnng stehe. Ta nur den darin liegenden Bvrwnrf als außerordentlich ernst empfanden, haben nur die Resths- Vertretung gebeten, zu dein Sachverhalt Stcl» lilng z» nehmen. Bon seiten her Reichsoertretnng wird uns nun erklärt, daß nicht der geringste Versuch unternominen worden sei, in die religiöse Unabhängigkeit der.Orthodoxie einzngreifcn. Wie nur dem Material der Reichsverlretimg entnehmen, hat die Reichs-Vertretung seit Beginn ihres Bestehens die Unabhängige Orthodoxie, und zwar gerade ihre kulturellen Ein» richtungen, weitgehend finanziell unterstützt. Tie Oeffentlichkeit würde wahrscheinlich erstaunt sein, wenn ihr im einzelnen bekannt iväre, welcher Teil der Gelder der jüdischen Gesamtheit in Tentschland zur Aufrechterhaltnng der kulturellen Einrichtungen der Unabhängigen Orthodoxie' gegeben worben ist und gegeben wird — selbstverständlich, wie von seiten derReichtzvertrctuiig hinzugefügk wird, ohne damit.irgendeine Einslnßnahnte in religiöser Beziehung zu verbinden. ES besteht nicht der geringste/Eingriff irgendeiner Art in die religiöse Sphäre, es sei auch nicht bekannt, daß das bisher irgendwie behauptet worden sei. Es erscheine deshalb aufklärnngSbedtirftjg. weshalb hier vor der Oefsentlichkei'k der Eindruck einer religiösen Bedrückung hervorgerufen werde. Ans der anderen Seite empfinde man es in der Reichsvertretnng aber auf die Tauer als unerträglich, daß sich die Unabhängige Orthvdorie in der Stille weitgehend von der Reichs-Vertretung finan» zieren laste, gleichzeitig aber sich öffentlich distanziere und damit jede Solidarität des Gesanitjildentums in Tentschland unmöglich mache. Wir möchten dazu unsererseits folgendes bemerken: Für, uns ist r e l i g i ö s e Toleranz g e g e n ii b e r allen W i ch t nngc n des Judentums absolute -elbstvec'iiuidlichkeit. Wir. würden es auf dos nljin nUverurteilen und als erste nm Abstitsc dringen, wenn dem irgendivo niclst getragen werden sollte. Soweit nur die Tinge nbersehcn können,'istuns allerdings nul,t, erncisilich. "daß von seiten der 'lieiistsverlretimg gegenüber der Unabhängigen Lrilivdorie dagegen verstoßen iväre. Ein Einilns; der Rcichsvertretling irgendwelcher Art auf die ilitabhängige Orthvdorie ist jedenfalls für den Außenstehenden nicht erkennbar., Jmwerhin. wenn in dieser Richtung Anlaß zu Beanstandungen gegeben sein sollte, würden wir deren Mittellnng begrüßen. Tie Frage des Keren Hajischuw wird in anderem Zusammenhänge zu erörtern sein. . Auf der anderen Seite niochten wir unsere orthodoren Frenude dringend bitten, dahin zu wirken, daß sich auch ihre engere Gemeinschaft der Notwendigkeit einer solidarischen Eieschlostenheit-der Juden in Tentschland stets bewußt ist. Uns erscheint eine solche Geschlossenheit die primitivste BocauSsetzung, für . alles weitere in unserer jetzigen Läge zu sein. Tiefer gei'amtjüdischen Pflicht kann sich heute niemand ohne scl,weren Schaden für die Gesamtheit entziehen. „Ein Wort Deutschlands“- Der Vorstand des Verbandes vrthodvrer Rabbiner Tentschlands erläßt einen Ausruf: „Ein Alort an diL Juden Deulschlands". in dem es unter anderem heißt: ... . . Um so stärker erwächst uns die Pflicht, den Stolz aus. unsere Gemeinschaft im Herzen zu tragen und über das .geschichtlich bestimmte liüesen dieser Gemcinsct)ast volle Klarheit zu ver-