Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 23 (4.6.1935)
- Date
- 1935-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' XIV. Jahrgang / Är. 23 Berlin, 6. Juni 1935 Preis 10 Pfennig eritral erein ALLGEM EIN E ZEITUNG—DES JU DENTUMS Ä. H; Der entschiedene Erlaß des b a y e - r i s ch e n,^Iu n e n m i n i st e r s gegen verbrecherische Elemente, die in München unter antisemitischer Motivierung terroristische Aktionen gegen jüdische Geschäfte durch Attacken, auf Schaufenster ausführten, bat eine . lebhafte Erörterung über die Probleme der deutschen Iudenfrage nach sich gezvgeiu, Reichsminister Dr. Fr ick erklärte im Nahmen einer großen Rede, die er aus dem 10. Gautag der NSDAP Thüringens hielt, sicherlich unter bewußter' Zlnffnelung ans den Münchener Erlaß, daß die Iudenfrage nicht mit eing e >v o r s e n e n F e n st e r f ch e i b e n g e - l ö st werde n könne. Gauleiter G r o h ä erklärte bei einer.Führertagung in Köln, daß die antisemitische Ansklärungsarbeit der Partei keine Unterbrechung erfahren dürfe. Dabei wolle die Bewegung, wie bei allen ihren Maßnahmen. die deutschen Volksgenossen ausliären und überzeugen. Methoden, die die Ruhe und Ordnung gefährdeten, würden von ihr in jedem Fälle abgelehnt. Tie Behörden handelten in ihrem Aufträge, wenn sie gegen Unruhestifter unnachsichtlich einschritten. .Dann ging der Gauleiter auf die. konfessionellen Auseinandersetzungen ein, bei denen sich die Bewegung gleichsaUs von Takt leiten: lasse. Es solle iu ^e^^^-sinzetnen Fälle zwischen gut und schlecht unterschieden werden. Jedes verallgemeinernde Urteil werde abgelehnt. In einer anderen Rede, sagte Grohe u. a.: Im Auslande habe man die Lüge von Tyrannei ünd Gewaltherrschaft, denen die Juden in Deutschland ausgefetzt seien, aufgebracht. Wir protestierten mit aller Entschiedenheit gegen diese Lüge.-D-i-e I ud e nfrage sei nicht init Fenster einwerfen an I li d e n h ä usern zu lösen, ü u ch n i ch t m i t H andgreif lich k e i t e n. Diese lehnen wir aus - grundsätzlichen Erwägungen und aus Sauberkeitsgründen ab. Aber unfer Kampf gegen den Juden werde zu einem siegreichen Ende-geführt. Wir gehen wohl nicht in der Annahme fehl, daß die Erklärungen ebenso wie der Erlaß in München selbst, Ausfluß jenes rech tsstaatl i ch e n T e.n k e n s sind, für das die 'Rechtssicherheit aller unter der Machtsphäre des Staates lebenden Menschen im Rahmen des geltenden Rechts eine Selbstverständlichkeit ist. Wir' erinnern an die klare Formulierung Professor Erik Wolfs, die wir ausführlich in der „E.-V.-Zeitung" der letzten Woche Wiedergaben: „Die rechtliche Sonderstellung der Artfremden bedeutet also keine Deklassierung, auch keine Einengung des Handlungsraumes, der ihnen als Subjekten des Privatrechtes zukommt. Selbstverständlich genießen sie . uneingeschränkten Rechtsfried'en, vollen Rechtsschutz in Handel und Wandel, unbehinderte Kultusausübung. Die formale Gleichheit vor dssgr.Gesetz im Sinne, des Gesetzschutzes ist ihnen im Dritten Reich genau so gewährleistet wie in der Vor- und Nachkriegszeit. Ter Die vorliegende Nummer umfasst 26 Seiten Sie enthält u. a.: „Melodien des Schowuausfestes" von Magnus Davidsohn „Die natürliche Zukunft der deutschen Juden" von Dr. Georg Wolff Die Fledermaus, Zeid . Horst Moratz und Ernst Marcuse „Das jüdische Mädchen", Novelle von Werner Cahnmann Beilagen: Der Buchend Kunstsammler Kinderblatt Unterschied der Rechtsstellung wirkt sich allein aber auch durchaus ausschlaggebend auf dem Gebiete des öffentlichen Rechtes aus." Hier ist recht's ph i los o Phi s ch dasgleiche erklärt,, was staattzpolitisch von maßgebenden Stellen an der Spitze des Staates immer wieder unterstrichen wird, daß nämlich die Rassegesetzgebung eine positive Absicht für Deutschländs Gestaltung, nicht aber eine" DiNamierung der durch die Gesetzgebung in bestimmten Rechts- und Lebenssphären Eingeengten enthalte. In die Erscheinungs- und Vvrstellungswelt des täglichen Lebens übersetzt, heißt das: weil ein Jude nicht mehr Beamter oder aktiver.. Soldat werden darf, ist es dadurch noch nicht zulässig gewordeck. ihn etwa beleidigen ^der körperlich verletzen oder geschäftlich gegen, die guten Sitten schädigen zu dürfen oder zu meinen, cingegangene Verpflichtungen wirtschaftlicher oder rechtlicher Art nicht Mehr innehalten zu müssen. .. Inzwischen hat Innenminister Gauleiter W a g n c r , der Verfasser des bayerischen . Erlasses, selbst das Wort, genommen, um diesen innerhalb',der grundsätzlichen ^antisemitischen Stellungnahme der ^Partei zu würdigen. Es heißt da unter anderem: „Es zeigt sich heute da und dort, daß Juden sich wieder so zu benehmen versuchen, als habe nie eine nationalsozialistisch^ Revvlution stattgefunden'. Mag aber auch diese Revolution abgeschlossen - sein, ihr Resultat bleibt bestehen, und dieses Resultat hat für den Juden darin ' zu liegen., daß. heute in Deutschland nach einem Programm regiert wird, in dom sich hie Brechung des jüdischen Einflusses in unserem Volk als einer der wichtigsten Punkte befindet. Trägt-das Judentum in seinem Gebaren dieser unwiderruflichen Entwicklung nicht Rechnung, so hat es das erneute Anwachsen einer antisemitischen- Welle aus. seinem eigenen Schuldkvnto zu verbuchen. Wenn trotz dieser Erkenntnis der bayerische Innenminister in seinem Erlah..gegeu Terrvrgruppen in Nttmcheir'gegen antisemitische Ausschreitungen vorgegangen ist. dann nicht aus dem Grunde, weil die Juden unter seinen, besonderen Rechtsschutz gestellt werden sollen, sondern vor allem deshalb, weil - -. 1. diese Art des Kampfes der großen und bisher immer siegreichen nationalsozialistischen Bewegung unwürdig ist, 2. durch solche Terroraktionen das Ansehen der Staatsautorität schwer gefäch^et—und dadurch indirekt das nationalsozialistische Aufbauwerk in Mitleidenschaft gezogen wird, — 3. durch einen solchen Kampf das Judentum in Wirklichkeit nicht getroffen werden kann. Den Schaden für zertrümmerte Fensterscheiben zahlen schließlich die Versicherungen, den Schaden aber,, den das deutsche Volk und sein neuer Staat , durch Schädigung seines Ansehens in der Welt zu-erleiden hat, hat das gesamte deutsche Volk und nicht das Judentum zu bezahlen." Der Minister schildert Einzelheiten aus der Vorgeschichte der maßgebend beteiligten Unruhestifter und verurteilt mit besonderer Schärfe deren aus Geldgewinn gerichtetes Treiben, in dem sie bedauerlicherweise durch Geschäftsleute, die sich nicht genügend über dunkle Andeutungen unterichtet hatten, unterstützt worden seien. Wir halten uns für legitimiert zu ^exlarMFdätz verantwortungsloses, auffälliges, taktloses Benehmen einzelner Juden nirgends schärfer verurteilt und als genreinschaftsfeindlich angesehen wird, als i n d c n j ü d is ch e n Reihen selbst. Niemand unter.uns ■ wird sich, schon ■ ausv moralischen Gründen nicht, bewogclEfühlen. für einen dieser Außenseiter'einzutreten, auch wenn er dabei nicht an etwaige Konsequenzen dächte. die der Allgemeinheit aus den Verfehlungen zri erwachsen drohen. 'Uiit beso»derer Wertung lesen wir deshalb. zum gleichen Thema, einen. 'Aufsatz des ,.W e st d e u t s ch-e n B e v b a cht er s": „Fcnsterscheibenkricg? Antisemiten herhören!" Hier wird nach einer-kurzen Tr stellung derTRünchener Ereignisse gesagt: ----- „Unter der Parole, den antisemitischen -Kamps uo.rtreiben zu wollen... hatten dunkle Eleiltente die -Euipörung ausgenutzt. die über eine -lieilie" jüdischer Verbrechen in lueilen Bevöllerungskreisen bestand. und bei allen möglichen Gelegenheitenshstematische. Terrorakteinszeniert. In eiudr Reihe.von, Fällen waren Schaufeuste.rscheibe-n großer judisclier Geschäfte , eingesclilage.» und damit -.erhebliclse.Werte vernichtet worden. In anderen Fällen hatte mau in jüdilchen Gesetiästeu Tumulte eutsesselt, Gegenstände demoliert und die einschreitende Polizei bedroht." Als inan sutz ’ die Drahtzieher dieser Vorgänge näher angesehen -habe/ lsabe inan entdeckt, daß. es sich um Staatcheiiide gel>an'delt lsabe. die sich-aus,-irgendwelchen'Gründen -JMer Neubau unserer II eit Betrachtung zu Schowuaus von Rabbiner Dr. Ochs (Gleiwitz) Das Wochenfest hat im nachbiblischen Judentum einen Sininväudel erfahren, der -sowohl in der Liturgie als auch in der spuagoalen und. häusliiheu Symbolik mauuigfachen Ausdruck gesunden hat. Ans dem Feste der Ernte und der Erstlinge ist ein Fest der sinaitischen Offenbarung geworden. ein erhaben-freudiger Gedenktag für den zwischen Gott und Israel geschlossenen Bund. . Daraus ergab sich notwendigerweise auch eine. Verschiebung des gefühlsmäßigen Mittelpunktes dieses Festes, und zwar uns der Sphäre -ngturhaft sinnlicher Empfiiwnngen nach dein seelischen Bezirke, in dem die Teilhastigkeit des Menschen an der Welt des Uebersinnlichen freudige Gewißheit ist Unddas Leben als eine Aufgabe geschaut und gewertet wird, als ein'Weg ewigen Mittlertunis zwischen-- Schöpfer und Geschöpf.-. Die Quelle der" festlichen .Stimmungist nun nicht inehr die Freude an dem erzielten Erfolge mühsamer Arbeit.glicht mehr der der Natur abgerungene ' Sieg, sonderndas stolze lind erhebende Bewußtsein. einer göttlichen Offenbarung gewürdigt und durch diese heilige Botschaft von Gott -cm- -und aufgerusen worden zu ieiu^ ein Künder und Erfüllcr der euügeu Lehre zll werden, i! Die'Ursache dieser Wandlung ist keinesfalls eine etwa - in der nachbiblischen- Feit bereits, eingetretene Naturferne des jüdischen Menschen. .. Erstens führte dantals noch ein großer Teil desJudentums ein näturnahes Leben. Zweiten« aber - hatdas religiöse. Judentum selbst bei.völliger Losgelöstheit des iudifchen Lebens vom Boden ein starkes Interesse an den Sorgen und Freuden des Bauern bekundet, den frischen Erdgertlch in seinen Symbolen bewahrt imd darnit das . Gefühl der Naturferue uie aufkommen lassen. .'Man denke an den Feststrariß, an das „Geschem- und Talgebet", .an den lö. Schervat u. v. a., um dieses bestätigtzu finden. Wenndas Judentum trotzdem eine 11m-- . deutung dieses Festes vornahm und das Sssenbarungsmotiv dem Naturhaften vorgezvgen hat, so geschah es nur aus der Ueberzeugung heraus, daß die Bindung nach oben für den Jziden höher und für die Erhaltung seiner Eriftenz notwendiger sei, als die nach unten. Es sollte damit zum Ausdrucke gebracht werden, daß das Kraftzentr'lm der jüdischen' Gemeinschaft in der religiösen Funktion seines Geistes liege, d. h. in seiner Fähigkeit, sich über die atrs Trieb llnd Schein geformte Wirklichkeit zu erheben und das Leben auch da noch sinnvoll zu gestalten, wo das Irdische und Körperliche jeden Sinn verloren hat. Diese-Fähigkeit lebendig und wirksam zu bewahren und unsere gesamte Lebenshaltung auf den eigentlichen Sinn jüdischen Seins einzustellen, daran will mns das Wochenfest erinnern, uns ermahnen, die Erfüllung dieser Ausgabe als die wichtigste Vorbedingung für den Fortbestand unserer Ge- Meinfchsstzu-betrachren.->D .- Und wann ist die Botschaft dieses Festes notwendiger und dringender gewesen als in unseren Tagend Wir stehen am Ärde einer Ieit, in der wir glaubten, des jüdischen Lebenssinns wie des jüdischen Schicksals entraten zu können. Wir verließen unsereil iüdische.n Ützeg „»d begaben uns auf die breite Völliwltraße. um allgemeinen svirtschaftliche»-und lultürellen Fielen e.ntgegenzustreben. Uiil imsere eigene.-religiöse Kultur haben wir uns recht wenig gekümmert, das geistige Erbe der Väter blieb den'meisten im» bekannt. Sprachen wir vom Judentum, so umr es größtenteils nur ein Wort oder ein belangloses, äußeres I,eichen, selten aber eine seelische Haltung oder die Form-eines Lebens. Diese Zeit ist wohl nun vorüber. Leid und - Not haben ' jedem jüdischen Herzen'die Gewiß, heit eiügehämmert. daß unsere lvirtschaftlickje -und—politische Stellung tveder von unserem Wollen twd) von unseren Leistungen wesentlich bestilnmt werdenkann. Ans diesem Gebiete sind lvir nnr Obiekte! die Situation der dlßirklichkeit wird'von der ilnnuelt geschaffen, und loir haben uns zu sügeli. Selbständig und schöpferisch töimen wir nur in der Sinn-- gebttists-nln.seres-Lebens sein. Hier verfügen lvir über einen erblich seelisclien Reichtlun. der-uns'von keiner Macht-geüomlnen lverden kann, Dlirch Verlebendigung und Veriiliterlichmig liiiserer jüdiscl>en Werte sind lvir iiustände, -auch die scl,Wersten Leiden erträglich zn machen..- ll-nsere.'"Vorfahren haben es ja delitlicl, belvieseilT-Tllarilin fotgelt lvir nicht 'ihrein Beispieles Worailf lvarten lvir deiinL Ätzo bleibED'iELllelldiing nacl> oben-, die Einschaltiliigunseres Lebens in den . heiligen Kreis religiöser Besiimlichkeit i»id religiöser Tat * Zlvar ist der jüdische" Lebeusranln jetzt Poll reger Betriebsamkeit. In hastender Geschäftigkeit drängen sich Propheten verscl>ie- - denster Richtlmgeli dilrch unsere. Reihen und preisen mit pathetischen Gebärden ihre mmnt llllege und Ziele an. Ueberall lassen sich große Worte vernehmen, prunkhafte, anspriichs-. volle und - verheißungsreiche L'llvrte. Man spricht von Erileiierung, Rückkehr.zum Ilide'ntiiin. Besinnung'auf den jüdischen lveist und Erwacheu.- des geschichtlicheu Beivusstseins. Aber wv bleibt die eutsprecheude Tat^ Ter von chlidist-ljer Inikerlichkeit geheiligte und geformte Alltags Muß man nicht auaesichtS der gegenwärtigen Seelen- und Lebenshalttlug allen Worten gegenüber sehr skeptisch werdeil^ Tie Senkimg der Lebeüsstandards. die lvirtschastliche Umschichtung und sogar auch die Rilcklehr zum'Boden können Noch iininer nicht als ein Wiederaufbau des IlldentumS bezeichnet werden, so notwendigsie auch im Bereiche des Alltags sein, mögen,- Was uns heute not tut. ist die seelische Umschichtung des jüdischen Meiilclieii. die religiöse Uinstek-- liliig seines Lebeils im Inneren wie im Aeüßereu, ViE wahre BesillNllug auf die mit -der Botschaft,am''>-iuai geprägte Form für jüdisches Sein und Sollen. Wir inüssen unsere Welt wieder umbauen und sie dnrch-- . strömen lassen von der warmen Innigkeit und' ünmittelbareu Frömnrigkeit unserer Väter, damit sie uns eine schlitzende H-stnwt werde inchen Tagen der 'Rot. An all das erinnert uns das heutige Fest. Atöge sein Ruf .nicht ungehört verhallen. Möge aus allen „ jüdischen Her zeit in freudiger Beieitschast das alte Wort der Väter ertönen: „Wir wollen tunmnd. daraus achten!"