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Central-Verein-Zeitung · 1936-12-31 · 53 (31.12.1936) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
53 (31.12.1936)
Date
1936-12-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XV. Jahrgang , Nr. 53 Berlin, 31. Dezember 1936 Preis 10 Pfennig entral erein- ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Em^er Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: ' Centr-algläuben, Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen.. Zustellung-erfolgt durch boten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2.3Ö UM untgereehnet' in •" nummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf-Nachlieferung'oder Rückvergütung der gezahlten Betrage. — Anzeigengcbührfn: P für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 18 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Diens Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. io Post, die die-Gebühren durch den Postdio Landeswährung1 einschl. -Zustellgebühren.- Einzel» ’reisliste f> gti.tig. Die.lügcs'paltene inm-Zeile Ä»Rpf.. tag. Platzu. Dätenvnrsch'riften ohne Verbindlichkeit. Zwischen zwei Jahren A. H. Mit welchen Empfindungen begrüßen die Juden innerhalb der deutschen Grenzen das neue Jahr? Wir glauben nicht, daß eine einheitlich e Antwort möglich ist. Alter und Geschlecht, Berus und Bildung, optimistische und pessimistische Lebensausfassung, auch die Stellungnahme zu jüdischen Fragen schaffen Unterschiede. Wer / v o r w ä r t s gewandt seinen Lehensweg geht, wird aus Hindernisse vor allem achten, um sie am. besten, zu vermeiden^ Wer rückwärts gerichtet schreitet, wird sie erst spüren, wenn er an sie stößt und durch sie zum Stehen kommt. Wenige hören noch gern das Lied von den guten alten Zeiten, weil sie gemerkt haben, daß die müden Sänger auch damals keine bahnbrechenden Gestalten waren. Aber noch Wenigere hören gern aus solche, deren klassische Bildung die Vorstellung von einem äeus ex. machina bewahrt hat. Denn inzwischen ist die jüdische Bildung, verbreiteter geworden, und man weiß in jüdischen Kreisen wohl allgemein, welches der Unterschied zwischen einem1-deus ex machina und unserem Gotte ist.» Jene r griff ein, wenn die Menschen nicht mehr weiter wußten, wenn die Ausweglosigkeit nur durch das Einschreiten einer höheren Macht von der Katastrophe sortgerissen werden konnte. Dieser ist die Bestätigung und Steigerung menschlichen Wollens, Strebens, Ringens. Wem es nach zu vielen Enttäuschungen schwer ward, noch an sich selbst zu glauben, erschließt der Glaube an eine höhere Kraft den Weg zum neuen Glauben an sich selbst. Nur Gläubige solcher Art haben eine 3 u k u n s t vor sich. Die anderen schaffen allensasts ihr S t e r b eD a t u m. Es gibt viele Vorgänge in der Geschichte einer Gemeinschaft, um deren Bedeutung als Schöpfungsakt der Volkwerdung Meinungsverschiedenheiten möglich sind. Auch nach dem Untergang eines Volkes pflegen Theoretiker zu untersuchen, .wie und wann der Keim für 'das Ende .sichtbar geworden ist. Es ist aber ebenso ungewöhnlich wie gefährlich, zu Lebzeiten einer Gemeinschaft ihr Ende aus vielerlei Anzeichen von einst jetzt und später festzustellen. Selbst der Laie sollte nicht Diagnose und Obduktionsbefund verwechseln. Auch von einem schweren Jahre nehmen wir n'ichb gern Abschied. Dazu haben wir die formende Kraft des Leidens in den letzten Zeitabschnitten zu deutlich verspür^,' als daß wir leicht den Ablauf der Monde vergessen' sollten, wie in uns ein neues Gleichgewicht, ein neues Wertgesühl, eine neue. Kraft zum Sie finden in dieser 22sciligen Nummer u. a.: Die Beiträget Die Sondersituation der jüdischen Jugendbewegung, von Dt. Bruno Sommerfeld, — Von jüdischen Musikern unserer Zeit, von Karl Wiener. — Hubermans Ansprache beim ersten Toseanini-Konzert. —- Unter südafrikanischer Sonne, von Gusti Hecht.— Holländischer Bilderbogen, von Hilde Die Beilagen: Buch und Kunst. — Wirtschaft dsr Woche. — Sportblatt. -— Palästina- Umschau. -— Schach-Ecke. Schauen und Denken unter Schmerzen geboren worden ist. Aber all das ist noch zu frisch, als daß es ohne Gedächtnisstützen ichgeWvächt bestehen bliebe. Wir brauchen sie, jemr einzelne, und im Ergebnis unsere/ jüdische Gemeinschaft, damit die teuer erkauften Kenntnisse sich nicht verflüchtigen und abslachen. Eine Gemeinschaft erlebt nicht solches > Schicksal, lim zu vergessen, w i e es ihr geschah. Bis die Wirkungen dieser Zeit zum' unverlierbaren Wesensbestandteil unseres Selbst geworden sind, muß uns gegenwärtig bleiben, wann und in welchem Zusammenhang wir die Etappen dieser Strecke zurückgclegt haben. Jeder hat dseine - Persönliche Methode, wie er bestimmte, ihm wichtige . Tinge behält. Man nennt das Mnemotechnik. Wir glauben, daß eine eigene jüdi sch e M nemotechnik unter uns notwendig ist, um mit bestimmten Erkenntnissen unserer Jnneywelt. bestimmte Ereignisse d^r Anßenivelt verknüpfen. Wer achtsam diese Zn-' sammenhänge untersucht, wird merken, daß länger Zurückliegendes frischer erscheint als . jüngere Geschehnisse. , Wer erinnerte sich nicht an die Erschütterungen des ersten Jahres, die unsere äußeren Lebensumstäude anrührten und sich. in die letzten Tiefen unserer Seele fort- . pflanzten? Aber wer danach nicht ganz persönliche. an Daten gebundene Erlebnisse gehabt hat, wird in gewisse Verlegenheit geraten, wenn man ihn über Späteres befragt. Ganz sicher wird jeder die Nacht der Berkündung der Nürnberger Gesetze in ihrer Wirkung ans sein Innenleben noch genau charakterisieren können. Aber dann werden die Lücken wieder größer.- Wenn man sich nicht mit dieser Feststellung begnügt, sondern genauer wissen will, weshalb es so ist, wird man zunächst meinen, unsere Menschen seien zu rasch abgestumpft. Sicherlich trifft das für viele zu. Aber wir haben nicht diese im Sinne, weiN niemals - mit Stumpfen und Dumpfen eine Zukunft zur Helle heraus- . geführt wird. Wir denken an die anderen, die wichtigeren, die deshalb manches' nicht mehr so genau wissen, weil sie —während die Ereignisse zwar aus der gleichen Richtung kamen, in ihrer? Wucht sich sogar steigerten — sich selbst von EAignis zu Ereignis gewandelt - hatten. Wenn ivir. yns.ber Außenwelt entsprechend geändert Hütten, wäre kaum einer. .' über diese Zeit seelischhinweggekommen. Gerade west die Außenwelt uns zwang, eine eigene Gesetzmäßigkeit für uns heranzubilden, .begann für uns die Gültigkeit einer neuen V'ertcordnung, Wir lernten begreifen, in welchem Sinne Hofmännsthals Wort für uns richfig ist. daß alles Gute auf eine'unscheinbare, stille Art in uns hineinkommt, und daß der geheimnisvolle Prophet im stillen,'-sanfte»'Säuseln erst die Gottheit zu ahnen vermochte, weil.Feuer und Sturm und Sturz vorangegangen waren. ..Wir hatten in stolzer Liebe geglaubt, daß die Welt an den Grenzen der Heimat begönne" den Glan; zu verlieren, und nun habenwir begriffen und aus zahlreichen Briefen die Bestätigung entnommen, daß viel länger ihr Glanz in' der Seele als ihr Staub an dev Sohlen, gatten kann. In der Geschlossenheil der Familie meinte man die Grundlagen für die Zukunft gesichert, Aber^jetzkweiß man. wieviel Kraft und Hoffnung aus einem arbeitssreudig über manche- Länder zerstr/uten Kreis entspringt. Es ist fast so. als ob die altersmäßige oder berufliche oder sonstige Möglichkeit, noch einmal am Beginn zu stehen, an sich schon den Blick weite/ den Kopf freier macht und zu wichtigen Leistungen auch hier befähigt. Darüber darf uns nicht irre machen, daß mancher manchesmal ans dem Unvermögen zur Beräudernng feine Befähigung ableitet und mit Stolz die Unfähigkeit über' den Kirchturm hinansznfchanen. als Leiftungsnachiveis dargevolen wird. - wobei es am Stil unserer Gemeindebanten liegt, wenn es sich -weniger um Spitzen als' um Kuppeln handelt. - Für die Beurteilung unseres jüdischen^ Lebens und unserer jüdischen Gestaltung in dieser Zeit ist es nüchtig. im Gedächtnis zu bewahren, wer dabei war und mit welcher Qualifikation, und wer gefehlt hat und ans . welchem Grunde. Schon jetzt wird es mitunter schwierig, den Hergang bei der Entstehung wichtiger jüdischer Gremi^i-und^hre Arbeit objektiv zu ermitteln. UmZö uotweudiger scheint deshalb die Anwendung mncmvtechnischeP Rtethvden auf die Rekonstruktion auch innerjüdischer Borgänge, um für die Zukunft aus ihnen zu lernen. Geschichtsschreibung beginnt mit Annalen; den Inhalt eines Jahres seinem Gedächtnis einzuverleiben, sollte jedem ernste Pflicht fein, der möchte, daß nichts Bedeutsames vergessen werde, woraus sich für kommende Generationen das geistige nud moralische Bild unseres jüdischen Werdens in dieser Zeit znsammenfügeU oder das als warnendes Zeichen vor Irrwegen stehen kann. Das gilt auch für die praktischen Fragen jüdischer Entscheidung, denen der bittere Zwang die ihnen früher zugemessene ideologische Schärfe nahm. Gtwist will niemand, daß die ewigen und unendlichen Probleme vom Wesen und Weg des Judentums in reine ^)!ützlichkeitserwügungeu münden. weil sie durch die Zeitninstände allzuoft davon be-' stimmt werden müssen. Aber je -tiiiab- - hängiger von unseren Wünschen sie ihre Beantwortung in der Wirklichkeit finden, »m so reiner ist ihr Gedankenbild geworden. Tie große dunkle Wolke, die seit April über Palästina schwebt und sich nach Wochen der Aufhellung neu zusammenznballon scheint, hät kaum einen dazu gebracht, in ihrem Schatten gegen Palästina zu kämpfen und ans der Rot des Landes Material für die eigene andersgerichtete jüdische^Anschauung zu schöpfen. Man hat im Gegenteil beobachten können, daß selbst palästinasremde Gemüter durch den drohenden Umstand, dieses Land könnte als Glied.'En der kurzen Kette Praktischer Losungen ansfallen.' zur starken Beschäftigung mit ihm veranlaßt worden sind und ernsthafte Ratschläge und Anregungen geben, wie die Gefahrenpunkte drüben verringert werden konnten. Und umgekehrt, wenn auch - in anderer Größenordnung, verhielt es sich mit der Bearbeitung der nichtpalästinensischen W Ueberseewanderung, die in diesem Jahre — " zwar sehr ^spät, aber nicht zu spät— zum Gegenstand planender Betrachtung geworden ist. Tie großen weltpolitischen Spannungen, die ganze Erbtet lWui Unruhe versehen, haben allerdings die'Relativität der Hoffnungen auf ein geruhsames Dasein irgendwo in der Welt neu aufgezeigt. Man kann allenfalls suchen: Länder zu finden, durch die nach gcschichtlichen Erfahrungen die entscheidenden Linien der Weltpcllitik erst später führen werden..-Es ist auch keineswegs eine Beruhigung für jndisciie Menschen, dasi es zahllosen so geht wie ihnen, wenn sie-.dein Wirbel der Ungeivißheit und Unsicherheit .ihrer Lebenssnhrnüg entgehen möchten." Unser Schicksal als Inden ist ja nur in Aenßerlichkeiten dem dev ... wer gerne andere geben läBt, aber fcibd md)ts geben unll, der bat ein mt&öundiges Buge auf das Selntge wer gerne felbft gibt und aud) gern andere geben liebt, der id ein frommer.. '****' ***$%. Dein Scvcn ret btifpicli Opfere der J a Dl SCH EN WINTERHILFE anderen gleich. Avex je bedachter durch die Umstände man seine Entschlüsse vorbereitet, tim so mehr nützt ntan durch diese Ockonomie jüdischer Werteverwcndnng der alten jüdischen Gemeinschaft wie der neu zu schassenden. Das zu Ende gehende Jahr verdient auch deshalb angemerkt zu werden, weil der Gedanke von der^ Wechselwirkung-zwischen Eri- . stenzerhaltnng und Eristenzneugrüudung inzwischen allgemein anerkannt worden ist und um so stärker-seine Rechtfertigung erfährt, je deutlicher die Abwanderung der jüngeren Generation den seit langem spezifischen Altersansban unserer jüdischen Gemeinden ins Bewußtsein rückt und die Kenntnis der physischen Answandernngsuoranssctznnqen für die ältere Generation znnimmt. Es hat sich erwiesen, daß ein planmäßiger Aufbau draußen ohne Planmäßigkeit der Eristenz. snhrnng hier zu schweren- Störungen und Berln-sten führen muß. Jeder, der mit Verantwortungsgefühl gegenüber seinem .Kreise seine Entschlüsse abwägt, wird sich danach Tiv Kontinente hichen sich in den Gesiäitskreis unserer Rtenschcn gestellt, und Eltern, für die früher ein Fericnansslug ihrer Kinder ins Riesengebirge ernsthafte Ueberlegung geschaffen hat. tauschen jetzt Nachrichten aus, die vom Leben ihrer Angehörigen zwischen Schanghai.' Sidneh. Lima. Quebec und Tel-?lviv berichten. Die Weite hat ihre Drohung verloren, wenn sich in jenen großen Entfernungen das Schicksal naher Menschen formt. Die Rtaterie folgt dabei, nur dem Geiste, von dem wir ia wissen, daß wir in ihm um so inehr zu Hause sind, ie weiter wir seine Grenzen ziehen. Zugleich-haben wir aber erkannt, wie uur^uln einen festen Kern des Denkens und Wmlens die Ringe der Lebensgestaltung und des geistigen Seins organisch wachsen. - Wir haben diesen festen Kern in uns verstärkt und wissen, worin seine' Kraft besteht: in der Verbindung allgemeinen Tradi-

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