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Central-Verein-Zeitung · 1936-12-03 · 49 (3.12.1936) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
49 (3.12.1936)
Date
1936-12-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die jüdische Gemeinde Neue Folge der Jüdischen Allgemeinen Zeitung 2. Beiblatt zur C.-V.-Zeitung Nr. 49 * Z. Dezember 193C C.-V.-landesverband Nordwestdeutschland Ortsgruppe Hainburg - Altona ' Vorsitzender: Rech'sanwalt Redolt Samson, B'leichen- -' brücke 10 Syndikus: Dr. Luckvia Freu- -d.enthal, Geschäftsstelle:/ .- 'Ben^ckesfraße 2-, Fr dg. . - Beratungsstelle. Geü sthditsiertMontag; bis . ' . - Fr eitag, 9/ bis .17 .Ü.hri " ' , . FernrufdAt5071; . ' ' Von Dr. Margarete Edelheim Hamburg liegt an der Alster; mit ihren zwei, grossen Becken formt sie das Stadtbild, drängt sich bis dicht hinein in die City, an den Jungferstieg und sendet ihre Arme hinaus bife in die „Walddörfer“, die schon ganz holsteinisch-ländlichen Charakter tragen. Und immer sind sie V gleich schön, diese Ufer der Alster. Im Vorfrühling, wenn Krokus und Scilla ihre Köpfchen in die herrlichen Parks der Harvestehuder Chaussee recken, iin harten Winter, wenn dickes Eis die Alster deckt und nur schmale Furchen den. kleinen Dampfern den Weg hinaus nach dem Uhlenhorster Fährhaus f reilassen; im Juni, wenn die Rosen am Alsterquai duften und -die Schwäne, die schon Heinrich H e ine besungen hat, sich im blauen Wasser Spiegeln; und selbst der Spätherbst hat hier seine besonderen Reize. Am Russtag *• noch giesst es in Strömen, und die Lichter der Lombardsbrücke, die die Rinnenalster ila-Jze ALLIGATOR HAMBURG Jungfernstieg 43 Telefon 344465 von der Aussenalster trennt, .leuchten nur . matt durch dieidieken Wasservorhänge — aber am nächsten Tage strahlte die Sonne durch einen morgendlichen Nebel. Verflogen ist die Büsstagsstimmung. Trunken voll der linearen Schönheit der Strassenzüge rings um die Alster, ■schweife., das Auge hinüber zu Türmen und Dächern, deren grünblaue Patina sich der sichtbaren Luft pastellhaft einfügt. Das langgestreckte - Dach dort drüben gehört zu dem Prachtgebäude der Hamburg-Amerika-Linie: Albert Ball in denkt inan — und tiefer zieht man die Seeluft ein, die vom Hafen her hinüberzuwehen scheint über diese weltoffene Stadt. Und dann freut man sich all der geschmackvollen Schaufenster, streift als Fremder und doch durch Erinnerung stark Heimatgebundener mit liebendem Auge durch die Prachtstrassen, freut sich des stark pulsierenden Handels, biegt in die Seitenstrassen ein. bleibt vor den grossen Fenstern weltbekannter Lebensmittelgeschäfte stehen, die fremdländische Früchte und Kolonialwaren in uns Binnenländern ungewohnter Fülle zeigen —und sagt sich, dass diesen Handel einst die portugiesischen Juden hier eingeführt haben. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die Inquisition den Marannen das Lebenin Portugal unerträglich machte, kamen diese ersten jüdischen Familien, nach Hamburg. Die ältesten Protokoilbüclier sind mit dem Götteshause bei dem grossen Hamburger Brande im Jahre 1842 vernichtet worden. So muss man sich fm wesentlichen auf die Daten der Grabsteine auf dem alten p o rtugiesiscben Friedhof in der Königstrasse in Altona verlassen, wenn man Ihrer Geschichte nachstöbern.will. Dort, mitten im lebhaften Grossstädtverkelir, liegen unter hohen Bäumen die flachen Grabsteine. Die ältesten'tragen die Jahres- daten 1540. Aber trotzdem wird angenommen, dass die Einwanderung erst um 1570 —-Begonnen--hat,- -1 m-Jahre 1012 wovon, wie-- AJfonso.C a s suto in seiner Gedenkschrift der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde in Hamburg feststellt, jedenfalls schön 125 erwachsene Personen „ohne. Kinder und Gesinde“ in Hamburg ansässig. Die Geschichte dieser Gemeinde ist recht wechselyoll. Zunächst kamen diese Ma^mnen ja als portugiesische Einwanderer. Erst all- . mählich bekannten sie sich offen zu dem Judentum, das sie heimlich die ganze Zeit nach den frommen Riten ihrer Heimat gelebt hatten. An diesem Ritus hielten sie auch fest, als einige Jahrzehnte später die ersten deutschen Juden nach Hamburg., kanien: und als diese sich dann, zur sogenannten „Hochdeutschen Gemeinde“ Zusammenschlüssen, blieben die portugiesischen Juden.in ihrer Portugiesischen Gemeinde vereinigt. Sie hat sich durch die Jahrhunderte hindurch erhalten, wenngleich immer wieder einige Mitglieder äuswanderten. ' Auch die Wanderbewegung der letzten Jahre hat die Portugiesische Gemeinde, von deren Mitgliedern etwa ein Drittel holländische, türkische oder spanische Staatsangehörigkeit hatten, wenn auch im geringen Umfange, betroffen. Die Zähl ihrer Mitglieder beträgt heute noch etwa 80 Seelen.' Der Tempel in der Markusslrasse, der einige Jahre nach dem Brande gebaut wurde, ist ihnen jetzt zu gross und ‘ deshalb der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zur Benutzung übergeben worden. Die Portugiesische Gemeinde selbst hatfür ihre Zwecke eine Villa in der Innocentiastrasse eingerichtet’ Der Betraum, nach portugiesischem Vorbild i\ur mit Bänken' ohne' Pulte, der Platz des Vorbeters in der Mitte . des Raumes, dessen Decken und Wände im maurischen Stil bijnt bemalt sind. Hier beten.und singen sie nach dem Vorbilde von Livorno und Amsterdam. Diesekleine Gemeinde lebt völlig ausserhalb der Hamburger Deutsch-Israeli tischen Gemeinde, veranstaltet für ihre Mitglieder die Gottesdienste und versorgt sie wohlfahrtspflegerisch. Lediglich in der Winterhilfe arbeiten beide Gemeinden zusammen. Obschon also die Portugiesische Gemeinde zahlenmässig niemals sehr stark war, genoss sie doch ihrer alten Herkunft und ihrer Bedeutung für den Hamburger Staat wegen immer ein ungewöhnliches Ansehen bei den Hamburger Behörden, Unter den ersten Einwanderern befand sich der bekannte Arzt R o d r i g o d e C a s t r o , der sich besonders bei der Bekämpfung der Pest, die im Jahre 1505 in Hamburg-furchtbar wütete, verdient-machte. Seine SölineT waren Leibärzte .des Königs vbfTDäiiemark und der Königin Christine von Schweden. Diese und andere eingewanderte Aerzle -waren damals au Ausbildung und Praxis den deutschen Aerzten weit überlegen, so dass ihr Rubin sich rasch verbreitete. Die anderen Einwanderer waren Grosskaufleute. Ihr Reichtum, den sie durch ihre Verbindung'-mit Spanien, den spanischen . Kolonien, Portugal.und Holland noch vermehrten, erregte den I^eid der Hamburger Bürger. Deshalb machten diese immer wieder Versuche, den Sepat zur Ausweisung dieser portugiesischen .lüde'u zu veranlassen. Aber der Senat -erkannte ihre Bedeutung, denn wir lesen in den Hamburger Archiven Erklärungen des Senats, wie: die spanisch-portugiesischen Juden hätten „ansehnlichen Handel und'Gewerbe nach Hamburg gebracht, auch die höchstnötighe Schiffahrt guetenteils erhalten“. Oder in dem' Reglement, das von Kaiser Joseph 1. 1710 für die portugiesischen Juden geschaffen wurde: „Weil auch‘.die ■Portugiesische Juden bekamlter müssen den Hispanischen Handel in dieser Stadt grösten theils introduciret / über das biss anliero keine geringe / sondern ansehnliche Handlung gefüliret...“ Solche Anerkennung fanden sie auch', später noch häufiger, lind-die-Verbindungen, die sie im Handel ungebahnt, wurden von der Hamburger- Kaufmannschaft allmählich auch von den zuwanderfiden „hochdeutschen“ Juden weitergeführt. Heute hoch'liest, mail in mancher Grbss- .-Handelsfirma Namen portugiesischer Herkunft. Die anderen Juden kamen erst nach den portugiesischen.- Sie traten in ihre Dienste und lebten zunächst,-wenn nuVn so sagen darf, im Schatten dieser ausländischen reichen Gemeinde. Sie trieben hauptsächlich ^Kleinhandel. Viele von ihnen waren Hausierer.- Die meisten bei riehen bald. ■ diesen, bald jenen Handelszweig: Gehlhandel und Warenhandel, Juwelen- Kandel und Pfandgesthäfte. Kurz, während sich die Portugiesen im Ueberseeliaudel betätigten, waren die anderen Juden die Vermittler im Binnenhandel. Wie auch G 1 ü ekel v o n 11 a m ej n , die ja in .Hamburg verheiratet war, und in ihren Memoiren eine wertvolle-'Kulturgeschichte,, jener Zeit geschrieben hat, es tat, fuhren sie auf . die Messen im Deutschen lieh t,. Auch ihr Schicksal war je nach .der Stellung der Behörden recht wechselvoll, und sie musste» sich manchen staatlichen-Beschränkungen unterwerfen. So durften, auch sie zunächst-ihre Toten nicht in -Hamburg begraben, sondern in Altona, wie überhaupt dauernde Wechselbeziehungen zwischen den Gemeinden» in. Hamburg, Altona und Wandsbeck bestanden. Als Napoleon Hamburg besetzt-hatte, erhielten die Juden die ■bürgerliche Gleichstellung und damit auch zum erstenmal die Erlaubnis, ihre Toten in Hamburg zu beerdigen. Am Sb-inweg liegt der kleine Friedhof, auf dem während der Eränzqsenzeit etwa sechs Juden I,«-stattet wurde». Die Gleichberechtigung verikllilliipitiliJIlllliillrt loreu sie aber wieder, als die Franzosen abzogen, und als sie dann 1814die. bürgerliche Gleichstellung wieder beantragten, fanden sie zwar die Unterstützung, des Senats, aber die Bürgerschaft verweigerte/ sie ihnen, Auch ihre Anträge bei dem Wiener Kongress, fanden kein Gehör. Erst nach der Märzrevolution von 1848 erhielten sie die bürgerliche (Meichlierechtigung. Inzwischen war im Jahre 1812 die noch heute bestehende Einheitsgemelmle — seit- 1821 heisst sie Deutsch-Israelitische Gemeinde — gegründet worden, die der Vielzahl von Gemeinden der sogenannten „Hochdeutschen“ Juden ein Ende machte. Diese Ge- . ineinde besieht noch heute, und sie bildet in ihrer Verfassung eine bemerkenswerte 'Sonderheit unter (len jüdischen Gemeinden Deutschlands. Sie übt nämlich nicht selbst den Kultus aus, sondern hat die Verpflichtung, für den Kultus zu sorgen, an drei Synagoge>1 verbände übertragen, Diese Ver- < •fassung, die dem religiösen.'Richtungen ein starkes, -eigenständiges Lehen ermöglicht und die Gemeinde als solche jeden Zwanges zu 'Kompromissen enthebt, hat sh h in der Geschichte ausserordentlich gut bewährt. Der alte gortugietitche Friedhoi in Altona Wein-Cohn, £äus hilf et u m Ihre A u f träge Kurz nach der Gründung der- Gemeinde nämlich gab.es eine. Spaltung. Damals war - Dr. Eduard Klev, einer der-Prediger an der reformierten Privatsynagoge in Berlin, nach. Hamburg'dibersiede.lt. Er agitierte in Hamburg,dessen jüdische Bevölkerung durch die lebendige Verbindung mit der hamburgischen Kaufmannschaft und durch den lebhaften Verkehr auch mit der gesamten Welt dem Zwange der Orthodoxie sehr entfremdet und zn grossen Teilen sehr entjudet war, für die Einführung: eines reformierten Judentums nach den Grundsätzen von Israel Jarobsohn und nach dem Vorbilde der 1815 in Berlin auf ähnlicher Grundlage geschaffenen PrivatsvnagogO; "Bereits am 11. Dezember 1817 fand die. (in'mdimgsversaminlimg. dieses „Neuen Israelitischen TYunpelvereins" in Hamburg statt, imd im Oktober 1818 konnte bereits der; erste -Hamburger Tempel, das heisst die erste liberale' Synagoge cingeweihl werden. Sie führte ein nem-s Gebetbuch-: ein und vor allem die Orgel. I)i«V orthodoxen Teile - der Hamburger Judenbeit waren über diese Neuerung sehr' erbittert, und es begann die unter der Bezeichnung „Hamburger ■ Teinpelstreit“ Jahrzehnte andauernde Fehde-zwischen de»! Tempel und de,, im Dentselidsraelitisehe» Synpgogenverband zusainme,(geschlossenen Orthodoxen, ln diesem Tempelstreit nahmen auf beiden Seiten hervorragende- Füll rer des Judentums immer wieder das Wort, Die Orthodoxen Hessen sich Gutachten von vierzig Rabbinern, imter ihnen Akiba Eg er in Posen, gegen den -Tempel aufstelle,,, die „Reformer“ wandte,, sich gegen die Ver- ' ketzernng des Tempels, und besonderes.;. Aufsehen erregte es, als <Jer als sehr orthodox bekannte Vater Gabriel Riessers, Lazar J, Riesser, ei,, „Sendschreiben an meine Glaubensgenosse,, ilt Hamburg“ veröffentlichte, im dem er die Notwendigkeit der Verbesserung des Gottesdienstes in allen Gotteshäusern anerkannte und zur Nacheiferung des vom Tempelverej,, gegebenen Beispiels aufrief. Der Tempel überdauerte diesen Tempel st reit nicht nur, sondern inan kann sagen, dass von ihm aus die Erneuerung ,(les jüdischen Gottesdienstes in "Deutschland und jjn der ganzen Welt ausging, .obsrho,', der Streit um die Orgel noch heute im Hamburger Judentum lebendig id. l'nler den-Vorstehern' d«^s Israelitische» Teinpelverbaudes von 1817 bis zur Gegenwart finden sich viele bekannte Namen: der grosse- Vorkämpferder jüdischen Emanzipation in Deutschland G a b r i e 1 Riesser bekleidete dieses Amt von 1840 / I 7 J

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