Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 44 (29.10.1936)
- Date
- 1936-10-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2277379-2278137-2278181--11294-2292343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Wa? gibt e?, da? frei wäre von Irrtum" — „Ich schätze veskimmte Behauptungen so wenig, daß ich mich leicht zu den Skeptikern schlagen könntet diese Briesstellen sagen alles. Aus einer solchen Skepsis und Gerechtigkeit entsprang seine einseitige und akademische Aussassung des großen Geschehens um ihn herum? er konnte in der Tat mit feinem feinen ästhetischen schwebenden Geist weder die tiefsten Tiefen des Glaubens noch die harten Notwendigkeiten : des menschlicl^en Zusammenä lebens. geschweige denn der Politik begreifen. Erasmus bleibt für uns zum.Schluß ein überaiis srnchtbares Geschichtsbeispiel snr die richtigen. Fuhrereigeiischasten. in Kriienzeiten, snr die Frag- - Würdigkeit hoher Teklamatronen in. unseren Reihen/ und.snr die folgen' eines Mangels von Wachsamkeit infolge, von Bernnnstvptlniisiniis und schwächlichem Sich-Gehenlassen. Das Nachdenkliche bleibt die schwere Schädigung, welche diirch svlclie Persönlichkeiteu. unsere eigenen Ideale von Menschlich, keit, Gerechtigkeit. Bildung „nd Frieden erleiden. : Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir die Tragik des Erasmus, die jüngst von einem Schriftsteller einigermaßen verzeichnet wurde, als unsere eigene Tragödie lind seine Irrtümer als die unseren empsinden. Titz Tage gingen vorüber, wo er säst mit Hutteiischcii Worteil — „Es ist eine Lust zu leben" — das. koutmende Jahrhundert in froher ' Begeisterung begrüßt batte.,. Ter Sturm riß ihm wahrhastig die Lust vor dem'Munde weg. die er zu atmen gewohnt war. Er begann zu ahnen, daß der Verminst keine Macht über die Fortuna gegeben lvar, die blind und wahllos ihre Lose schüttet. Erasmus, bleibt das. Beispiel der Machtgrenzen von Verminst und Bildung. Menschlick), keit und Friedekisliebe in einer Zeit der Machtverschicbllngen. aber-auch ein ewiges Beispiel dafür, daß jene Prinzipien kraftlos bleiben und aufs schwerste kompromittiert werden, »venu sich 'mit •' ihnen nicht furchtlose Charakterstärke. Einsatz- und Berzichtbereitscliast, . vor allein aber Verstandesklare, unbeirrllare Zielstrebigkeit sowie klaglose Leid- und Handlungsfähigkeit vereinen, " Philosophie in der Neuzeit befassen. In ihnen iverden die Systeme des originellen Schelling- Schülers Salomön Formstecher, der 1841 eine „Religion des Geistes"' erscheinen ließ, und des selbständigen Hegeljanus Samuel Hirsch untersucht. der mit seiner „Neligionsphilosophie' der Juden" im Jahre 18s2 die berühmte Feuerbachsckie ' Wendung zur Mothropologie vorwegnahm, so daß die Philvsophiegeschichte diese? kritische Datum nunmehr um ein Jahr zurückdatieren darf. Die interessante Verbindung des deutschen Idealismus mit jüdischem, Traditiovsdenken in den Systemen dieser beiden spekulativen . Philosophen wird eingehend untersucht und die Eeltungsgrenze der Resultate in ihrer Verwendbarkeit für .das Judentum wird abgesteckt. Stadt und Bürgerschaft im System der Soziologie Zum neuesten Büch von Franz Oppenheimer Hans Joachim Schopps: Geschichte 6er jüdischen ReligioHsphilosophie in der Neuzeit. Rand I. (Vortrupp Verlag, Berlin SW 29 1935. Preis hart. 3,90 RM.) Eine Selhstanzeige. Mit dieser Arbeit habe ich versucht,eine-erste_jdie Gesellschaft der Freien und Gleichen, gewisserznsammcnsassende Tarsleilimg der nachmittelmaßen als ein Durchbruch der Natur, vollendet. Franz Oppenheimers Vitalität und Arbeitskraft sind beivundernsivert. Seit cr von der Bürde seines Frankfurter Lehramtes befreit ist, unternimmt er es, den E.rtrag jahrzehntelanger Forschungsarbeit in einem vielbändigen „System der Soziologie" niederzulegen. Tervierte, historisck-e Band dieses Systems ist nichts mehr lind nichts weniger als der Abriß einer Sozial- und Wirtsckjastsgeschichtc Europas von der Völker- Wanderung bis zur Gegenwart, und die dritte Abteilung dieses vierten Bandes, welche der Ber» lag Gustav Fischer in Jena soeben vorlegt, heißt „Stadt lind Bürgerschaft". mit der Unterüberschrift „Die Neuzeit". Ter Student der- Nationalökonomie, der vor Jahren zum ersten Male Oppenheimers „Grvßgrniideigentnm und Soziale Frage" zur Hand gcnvmiuril hat, findet in allen folgenden/Schriften des Meisters die konsequente Entfaltung und eingehende Vertiefung der Idee seines Anfangs. Es ist ein Beispiel der Treue, und Selbstsicherheit ohnegleichen. Die Lp^penheimerische Soziologie ist an Geradlinigkeit nicht zu übcrtressen: sie beruht logisch wie hlstorisch — von der Urzeit bis zur Gegenwart--- aus der Ilntcrsckieidima von „politisckiem Mittel" lind „ökonvmisctn'm Mittel". ,Das' „politisckie Mittel" ist Krieg. Eroberung. Unter-. Wertung. Frondienst für eine Herrenschicht, Bodensperre zugunsten einer kleinen Zahl privilegierter Besitzer, das „ökv-lwmische Mittel" ist Fleiß und Arbeit in freien! Wettbewerb und unter gleicher Berechtigung für alle Sckiassendeil. Stände und Klassen, soziale Scheidungen je.der Art sind also snr Oppenheimer nicht „ewige", sondern nur „histvrisctie" Kategorien: wenn das ökonomische Mittel sich gegenüber dem politischen duxchgeietzt haben lvird. wovon Oppenheimer felsenfest überzeugt ist. dann ist das Ziel der Mensck)engeschichte. vorliegenden Teilbandes- Tie Darstellung reicht * von der Karolingerzcit rmd der ersten Entsaltnng der Gewerbstadt ans der ursprünglichen Herrenstadt bis zur Entwicklung des Kapitalismus und des bürgerlichen Geistes in Deutschland. Italien. Spanien, Frankreich und England. Sie ist in . sich geschlossen und kann gelesen werden, auch wenn man die anderen Teilbände nicht kennt. - Eine besondere Erörterung widmet Oppenheimer der Rolle der Juden im Nahmen der Stadtgeschichte. Sie sind in diese Rollen die zeitweise eine führende, oder wenigstens eine antreibende war, erst hineingewachsen. Es dauerte einige Jahrhunderte, bis die ans .dem bäuerlichen Palästina exilierte jüdische Oberschicht und dann als ihr Nachfolger der Mittelstand Während der Zeit der Spätantike und des Frühmittelalters in die maßgeblichen Positionen des Handels und der Finanz eindrang. Des nationale Unglück der Zerstreuung hat so das individuelle Glück der Familien und der einzelnen Gemeinden, die sich durch ihre Verbindung mckereinander unschätzbare Dienste leisteten, begründet. Aber der Absturz, sobald der einheimische Kausmannsstand in den einzelnen Ländern kräftig genug geworden war, war dem Aufstieg ebenbürtig, die Bankiers und Fernhändler wurden zu Winrclwechslern und Altwarentrvhlern herabgedrückt. So vollzieht sich jüvisck>es .Schicksal zwisck)en den Schwingrädern der großen Geschichte, seither vst und oft' wiederholt. Wir wollen an dieser Stelle die Fäden nicht weiter ausspinnen, denen der, Leser selbst nackigehen. soll. Aber den Wunsch wollen wir aussprechen, daß sich an das Oppenheimerisckie Inden- .kapitel "eines Tages die große Soziologie der jüdisckien Geschichte anschließen wird,, die ihren Darsteller erst finden muß. Werner Cahnmaunv älterlicheu jüdischen Neligionsphilosophie zu 'geben.; Ich glaube, daß ein bisher fast ünbekanntes Gebiet sowohl der allgemeinen Philosophiegeschichte wie der jüdischen Wissenschaft durch dieses BuHs erschlossen und eine oft bedauerte Lücke ausgesüllt wird. / Nach einem orientierenden Gesamtüberblick über die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters und ihren Verlauf im Einlcitnngskopitel wird die Religionsphilosophie Moses Mendelssohns auf dem Hintergrund des Aufklärungsdenkens und in ihrem Beziehungen zu den Vorangegangenen detailliert untersucht und kritisch gewürdigt. Das dritte Kapitel befaßt sich mit den philosophisch relevanten Leistlingen der Mendelssohnschen Schule, dem interessanten Einspänner Sani Ascher, dem Prager Peter Deer und dem späwnsllärcrischen Berliner P. I. Harwik (gest. 1842). Das Hauptgewicht dieses Werkes liegt aus dem 4. und 5. Kapitel, die sich mit der „spekulativen Epoche" der jüdischen Religions- Das alles geht weit über den Rahmen der Wissenschaft hinaus. Es ist eine prophetische Vision in der Sprache der Soziälökonomie. Man muß ihre grandiose Konzeption bewundern, auch wenn man nicht umhin kann, das in sich konseguente Gebäude von den Prämissen her anzuzweifeln. Weder ist der Begriff des „Boden- . Monopols" ein bündiger — denn „Monopol" heißt Alleinverkauf, und von-dem ist, zum mindesten unter modernen Verhältnissen, was den BodM1 betrifft, kaum irgendwo zu, sprechen —, noch ist erwiesen, daß die Aufhebung dieses angeblichen Monopols das ökonomiscl>e Hebel, die höchst ungerechte Verteilung von Elend und Wohlstand und die Beherrschung des einen durch den anderen, auf bie Dauer beseitigen würde. Was den Historiker Oppenheimer betrifft, so wird freilich der Wert seiner Forschung durch diese Kritik der ihr zugrunde liegenden „Philosophie" nicht berührt: der immense Fleiß, mit dem er«ein ungeheures Material zusammenträgt, läßt ein Bild der europäischen Wirtsck>astsgeschichte entstehen, das einzig, artig ist.„ Daß „Stadtlust frei macht" — frei Dom „politischen Mittel" — ist das Thema des Männer der Renaissance Seit- Burckardts großartige Schau, der Renaissance ist. unendlich viel über steigeschrieben worden, manche Auffassung hat sich geändert: wir sehen heute weniger stark, was dis Renaissance vom Mittelalter trennt, als was sie mit ihm verbindet. Aber immer von neuem packt 'diese Zeit, die einen jener Kreuzungspunkte der Weltgeschichte darstellt, in denen Altes und Neues aufeinanderstoßen, den Beschauer. . Zwei Historiker haben in diesem Jahr versucht, das Geschehen an der Wende zweier Zeiten von verschiedenen Stellen aus, neu zu gestalten. Im Be r ma n n - F i s che r-Ve r lä g , W ie n, erschien von R. R o e d e r : S a v o n a r o l ä «Eine Untersuchung über das' Gewissens und im Rvw oh l t »V e r l a g, B e r l i n, von dem Iren F. Hackett: Franz I. Das politisch "zerrissene Italien und das sich zum Nationalstaat formende Frankreich bilden die Sckianplähe. Bon dem Hintergrund der gennßsrohen Renaissance hebt sich überlebensgroß das Bild des düsteren Mönche? ab. der Tugend predigt, immer nur Tugend, der das Leben haßt, weil es lasier- ° hast ist, der aus einer zukunftsreichen Laufbahn ins Kloster flieht.. „Weiler in der Welt nicht einen , Menschen fand, der recht tat und' seinerseits entschlossen war, wie ein vernunftbegabtes Wesen zu leben und nicht wie ein Vieh unter. Schweinen". Im Kloster hosst er „Friede und Freiheit" zu_ finden, ohne zu erkennen, daß seine fanatische Natur nicht ans Frieden gestellt ist, daß sie ihn wieder liinanstreibt in die Welt,,rvo er den Ver-- such unternimmt lein halbes Jahrhundert später ' . hat ihn Calvin wiederholt), aus einer' lebensfrohen Stadt ein Kloster zu mächsii, Politik - und Moral zu vermischen Er scheitert. nä8>dem ... er einige Jahreunterstützt von seinen „Knaben", einer von ihm gesckiassen'en Jugendorganisation, ‘ unnimchränkt Florenzregiert hat (während welci>er Zeit'die vorher von den Mediceern herbeiqernsenen Indew vertrieben werdeiis.' Daß er sckieilert, liegt einmal an der Unfähigkeit dieses Vtannes zu Kompromissen und zum andern, wie Rvcder seststellt. an der Gabe der Beredtsamkeit, die ihm zunächst, zum Siege verhilit, «dann aber znm Verhängnis wird: denn in seinen Reden berauscht er nicht niir die Tausende und Zehntausendc, sondern sich selbst, steigert er sich.zu unerhörten Versprechungen.-Verheißungen^ Derwünschnngen. Sein Gegenspieler Und Gegner wird der kliige Alexander VI., der.Borgia-Papst, der sehr lange jedem ^Ziisammenstoß ausiveicht. Als er endlich gegen Savonarola vvrgeht, geschieht es nicht wegen dessen unerhörten, persönlichen Angriffe gegen ihn,,auch nicht, weil der Diktator von Florenz andere Politik treibt — er sucht durchaus Anschluß, an Frankreich, dessen König er in den Mauern Florenz' als Retter Italiens begrüßt. Es geschieht erst, als der Mönch das „Recht seines Gewissens" gegeii die Antprität der Kirche stellt. Einige Iährzchnte später wird, diese Frage — Savonarola prophezeit es — die Kirche in ihren Grundfesten.erschüttern. Jetzt aber briiigt sie den Fanatiker, den der Papst exkommuniziert, zum Tode. Daß dieser Tod schrecklich und grausig wird, liegt daran, daß die Stadt sich gerade dafür an ihn rächen will, daß sie sich so bedingungsio? von ihm hat beherrsckien lassen. Es ist das Bild eines finsteren, freudlosen Ätanncs, das hier mit - geschichtlicliem Blick und mit pshchologisäiem Einsühlnirgsvermögen gezeichnet wird, das Bild eines Bienschen. dem' liebenswerte Züge fast ganz fehlen, dessen Weg wir mit Interesse verfolgen, der uns aber nirgends ans Herz greift. Wie anders die Gestalt des lebens- ,und sinnenfrohen Königs von Frankreich, das Hackett — er plant 4>ntsprechende Werke über Karl .V. und Heinrich VIII. — ans der Fülle ungeheuren Materials schöpfend entwirft. Wir sehen den Ausstieg , zur Macht des aus einer Nebenlinie der Valois -stammenden Prinzen, dessen Mutter. Luise von Savoyen, von fanatischem Ehrgeiz für den Sohn beseelt, triumphierend mehrere junge Prinzen sterben Und dämit für ihn den Weg freiwerden sieht. Inter- /essant ist das eigenartige Verhältnis des „Dreigespanns", der 'Mutter, des Sohnes und der «chwester. Beide Frayen leben für ihn und durch ihn.- Neben sie treten die Geliebten. gawZ zurück die Ehefrauen, von denen die zweite, Eleonore von Spanien, die Schwester Karl V. ist, „deren einziger Fehler es wa.r, daß sie wie eine Mare behandelt wurde". Es ist unmöglich, ein Bild von dem Riesenwerk zu geben, dessen Fülle an . Einzelheiten es dem. un'geschulten Leser nicht immer ganz, leicht macht, zü ,folgen. Die Renaissance berührt diesen glänzenden, oppo'rtnnistischeu Fürsten, ohne -'ihnwirklich zu' , durchdringen.. „Er steht einen Augenblick an der Schwelle der Pforte, die die Renaissance geöffnet ' hatte, und erstrahlt in Glorie, aber er hält sie nicht osscn." Dr. E. Fr„..1. Aus Anlaß der fünften Wiederkehr des Todestages von Arthur Schnitzler sandte Radio Wien am 2)2. Oktober, 2l Uhr l» Min., ein Werk des Dichters, und zwar „Paracelsus". Hindelche. Liebe. Eütle, und das Biedermeierhildle ist fertig. Diese Liebe der.Illden beruht auf Gegenseitigkeit; das Biedermeier, in dem ihre Hluanzipation Lstirktictsteit wurde, hat sie Mit ungetrübten, immer freundlichen Blicken angesehen. Der Dauspate des Biedermeier, der humvrbesesseue Ludlvig Eichrodt (1827 bis der den „weiland Gvttlieb Biedermaier, Schulmeister in Schwaben", erfand und mit ihm seiner ganzen Epoche den Namen gab, hat.seinem idyllischen Weltbild froh und. gemütlich jüdische Geschichte und jüdische Ntenschen einv.erleibt. Er dichtete eine „Er- - schafsniig der Eva", eine „Berstoßnng der Hagar".' er sang fidel: „Nach dem Laicde Palästinieii. / dem gelobten, laß mich ziehnien!" Und seine humorvolle. ..Weltgeschichte für Kllaben" beginnt mit den toleranten Verseil: ' Der Mensch in der allersrnh'steu Zeit' er war kein Ind", kein Christ, kein ■'öeib, doch, ivandelt er sromm und sroh lind frei und ivnrde stenialt und'iveise ,dabei.-—-. Nennluiiidert Jahre lebt ehedem der lviirdige Greis Methiiialeln. Dann kvmint der König Salvino (..des Neichtums und der ^üeisheit froh. / Bereinigt hat er her Inden Stamm' / im Tempel zu IerllsäleM"). und -hinter Herkules. Cäsar. Gntenberg, Winkelried. Kopernikus, Blozart. Washington lind NNnabean hört mit Eichrodts Zeitgeilossen Amschel Rotschild die ' Weltgeschichte auf: ' Fast hätte der Rotichild (er war nicht getanfts llnierm lieben Herrgott die Welt abgekaust. GvNesfi'irchtig war er sehrals Millionär — und schon vorher. Drum toll chm niemand sein Glück mißgönnen: 'es gibt alii Erden auch nieiiiand mehr, - der so gefchioind hat rechnen-können. Das erste Blich B!ofis„vird zll einer grotesken Reimchrvnik. die beginnt: „Zwischen Israel und Ismaöl / herrschte ein betrübsam Schismalll. / Bater Jakob lebt in Kanaan / schlecht und recht illtrainontanaan . . Jede dieser drolligen Zeilen, gleich sonverüü in- Technik und Hlimor, ist ein Lacher, ein Schlager. In der Historie vom jungen Joses heißt es: „Retten wollt' der sanfte Rnben ihn. / .Werst ihn'^ sprach er .in die Grnben hin!'" In der Atvritat von Frall Pvtiphar: „O die Falsche alis Aegpterland / slnchte. daß" er nicht, verliebterant. / Kein piano, kein kortissimo / hals; er hielt am Katechissinio." Josef verkündet die sieben lungeren Jahre: „Ach die letzteil sind diepanversten! / Pharao, nimm einen Owersten, I einen sehr verständigen Bkann, der^Aegypten Helsen kainl." Schlllßgesallg: ,.Pharao zog Sonntagshvsell all. / wies dem Volk die Landschaft Gosen an. — Also steht's iin Bliche Genesis, / das wir lesen, weil so scheu es is." Es lvar nicht Frivolität, daß man damals mit soviel Spaß biblische Geschichte trieb. . Jene kin.dlichell Poetengemütcr standen mit ihrem Herrgott alis so vertralltem ,Fliß. daß sie nie ans den Gedanken, kamen, solche Lustbarkeit könne ihren oder ihrer Leser Glauben erschütterli. ' , Der große Breslauer Lyriker August Kopisch (179!) bis 1553) hat den Anfang dieser srvhlicheil Bibellvisseilsehast gemacht nild das ganze erste Blich Motts nach allen Richtlingen hin ansgedichtet. Seille Devise: /.Wer hat Zlierst Musik, gemacht, wer hat sie in die Welt gebracht^ —' Der Inbal, der Inbal! (Bereschit 4. 2l.) Ter Inbal war, das weiß man schon. I des. alten Lemech junger Sohn. / — Doch glauben wir. daß er gewiß nicht Ilibal. ° sondern Ilibel hieß ... . Denn Jubel-ist in jedem Land / noch hellt der beste Musikant." Kopischs temperamentvoll konlischer „Tnrnlban zu Babel", den Ernst Lissaner vor Jahren ans Licht gebracht lind gewürdigt hat. führt zll der Lehre: Der Turm sdll ttns ein Bildnis sein, / daß Menschenwitz und Macht sehr klein ... . Blüh' dich nlir ans. gelahrter Wicht!' Gvtt läßt Verwirrung fehlen nicht." Mit . Kopischs „Noah" kam die biblische Geschichte in das „Lahrer Allgenreine Deutsche Kommersbuch"; und Generationen von Studenten sangen: „Der Noah war ein frommer Mann, /stach ein Faß nach dem andern an lind trank es ans zu Gottes Ehr'." — Vom weinseligen Noah ging es zu Simson. der, weil er die „Philister" aufs Haupt geschlagen, als Schutzpatron der Mnsensöhne. galt, und von da zu der Riesentraube von Kanaan und den Worten des Herrn in der Wüste: Jetzt will ich euch hierbehalten / vierzig Jahr und also walten / bis, was wider mich gemault, alles hier im Dürren fault. In wein, heilig , Land voll Wein soll kein Volk, das murrt, hinein. ' Aber , über Biedermeiertheologie und Kommersbllch-Homiletik hinaus wurde der Jlide damals auch als fröhlicher Zeitgenosse entdeckt: das jüdische Original mit seinen Schrullen, Schnurren und seinem Mutterwitz. In Hansss Kriminalmürchen „Abuerder Jude, der nichts gesehen hat" ,(1827) und bei dem allenninnischen Pfarrer Johann Peter Hebel (1760 bis 1819), dein/ großen Vorläufer des Biedcrmeiertnms. war dies Original noch etwas allzu typisch gesehen. Die Schilderung des „Rheinischen Hausfrennds", , die zugleich eine Vtahnring war. lautete: „Ter Jude in seinem Winkel und mit seinem Zwerchsack an der Achsel, den er ja nicht ablegte. mußte viel leiden, wie man's manchmal diesen Leuten macht und, versündigt sich daran . . ." Das war auch die Grundhaltung bei den Elsässern Erckmann '(1822 bis 1899) und Ghatrian (1826 bis 1890). Tie Autoren des eigentlichen Biedermeiers vermeiden das Wort Jude, es ist ihnen mit zu./, viel trüben Erinnerungen belastet, sie sprechen- .von Israeliten. Ter Rheinfranke Friedrich Stoltze (1816 bis 1891). der mit komischen Vers- und Prosaschilderungen jüdischer Ori- Sinale aus Frankfurt stärkste Erfolge errang, at seine „Gebrieder Lärmeschläger. Gedalje . Haddcrshcim. Gedalje Flörsheim" lind das skurrile „Brendetche Schnut" so individuell gesehen, daß er diese Unika ohne Angabe der Abstammung vorstellt. Sie waren halt ans Frankfurt und sprachen ihr Frankfurterisch so farbig und lebendig, daß dieser größte aller Lokalpatrioten sic mit offenen Armen in sein mainischcs Kuriositätenkabinett aufnahm. Ohne auch nur ein einziges Mal das Wort Jude oder Israelit zu gebrauchen, gibt er in seiner klassischen Geschichte „Die Kapp" dasanschaulichste und zugleich lustigste Bild vom Ausstieg einer nericn jüdischen Generation in die geistigen Berufe und der Neberwindting der Widerstände, die nicht mehr An gesetzlichen Borschristen oder gesellschaftlichen Zuständen, sondern allein im konfervatioen- Siim der älteren jüdischen Generation jbe-. ruhten. -- Vor mir liegt eine „Psteisgekrönte Lokalposse" ans dem vorige:)«.Jahrhundert: ,.,Im goldenen Mainz" von Carl Laufs, der ein umjubclter Heimatdichter war, ein prächtiger „Urnarr". In seinem preisgekrönten Stück (einem von vielen), verkündet znm festlichen Schluß der erste der beiden Helden, A n t o n : ■ „Kinner, jetzt -sollt ihr aach das Allerneuste erfahre. Unser Weiwer sind damit einverstande: Wir gewe unser Fabrik in Hanau uff un ziehe in unser lieb goldig Meenz. Alle: Bravo! P h i l i p/p (Antons Freund und Teilhaber): Awwer unneräner Bedingung! Anton: Un die war? Philipp: Der Abschluß geschieht durch mein Freund: de Sens al Ca h n ——" (Unter Tanz. Atusik und Hallo fällt der Vorhang.) Genannter Cahn war--nichts-etwa-.-,eine- Figur des Stücks, sondern ein ansässiger Immobilienmakler. Was läßt sich zu diesem, von tosendem Beifäll 'aufgenommenen Finale noch hinzu- Taß cs ein Finale war. Nicht nur für dies Stück, für eine ganze Epoche. 4