Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 44 (3.11.1938)
- Date
- 1938-11-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 * 3. Beiblatt CMfbslugif 3. November 1938 * Seite 11 Der lurm zu Babel im Wandel der Zeiten Ein undurchdringliches Dunkel lagerte lange über der Geschichte des Turmes von Babel, der nach der Bibel von Noahs Nachkommen als weithin sichtbares Zeichen für Versammlungen begonnen, aber von Gott, indem er die Sprache der Bauenden verwirrte, die weltbekannte babylonische Sprachverwirrung, in der Vollendung gehemmt wurde. Generationen dachten über diesen wunderbaren Vorgang nach, machten sich Gedanken darüber, wie wohl Jener Turm ausgesehen haben mag. In der Rekonstruktion dieses Turmes, der zu1 den sieben Weltwundern des Altertums zählte, müssen wir die hingebungsvolle, jahrzehntelange Arbeit der Archäologen sehen, die ein Werk aufbauten, das Weltgeltung haben und die ganze Menschheit in seinen Bann ziehen wird. Das große Holzmodell, das auf Grund der wissenschaftlichen Ergebnisse, u. a. der amerikanischen, englischen und französischen Ausgrabungen, rekonstruiert wurde, kann nur bedingt eine Vorstellung davon geben, was die Ge- Lehrten in Babylon an wertvoller Forscherarbeit geleistet haben. Ueber die wissenschaftliche Deutung und Datierung des Turmes von Babel hinaus interessiert die Frage, wie sich Künstler aller Zeiten mit dem biblischen Thema auseinandergesetzt haben. Denn neben manchem anderen Vorgang aus dem Alten Testament haben Maler und Bildhauer, ja auch Kunsthandwerker, zu allen Zeiten die Erinnerung an die Stadt Babylon mit ihrem Wahr- zeichen zu verlebendigen gewußt. Inwieweit die biblische Ueberlieferung den Kunstwerken die Jahrhunderte hindurch den Stempel aufgedrückt hat, ist eine überaus interessante Frage, im Künstlerischen sowohl wie im Formalen. Von der Erbauung des Babelturmes sagt der biblische Bericht (1. Mose 11, 14): „Wohlauf, lasset uns einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen!", und er schließt daran die Erzählung, wie Gott auf die übermütigen Menschen herniederfuhr und sie hinderte, den Bau des Turmes zu vollenden, indem er die menschliche Sprache ver- . wirrte. Die biblische Ueberlieferung hat die Vorstellungen, die sich das Mittelalter vonr'^ Turmbau zu Babel machte, in weitgehendem Maße beeinflußt. Dem mittelalterlichen Künstler erschien der Turm der Sprachverwirrung als das . Symbol des" menschlichen Uebermutes gegen Gott, als der Inbegriff aller Auflehnung gegen die dem Menschen von Gott gezogenen Grenzen. So mußte dem Frevel und dem Vergehen die Strafe folgen, jene Verwirrung der Sprache; sie ist das.. eigentliche Thema für den Maler oder Bildhauer der romanischen und § gotischen Epochen. Schon die früheste bekannte Darstellung, ein Elfenbeinrelief des 11. Jahrhunderts vom Antependium der Kathedrale zu Salerno, zeigt die mächtige Gestalt Gottes, der mit er- . hobener Rechten den Fluch über die sündigen Menschen ausspricht. Die riesenhafte Figur Gottes war dem Meister anscheinend viel wichtiger als der Turm selbst, an dessen Fuß die kleinen Mensehen erscheinen. In diesem Jahrhundert und noch in den folgenden ist die Form des Babelturmes von einfacher, viereckiger Gestalt. Aus mehreren Geschossen besteht das biblische Bauwerk, dessen Stufen sich nach oben zu verjüngen. Die Künstler, die den Vorgang festhalten, interessieren sich hauptsächlich für die äußere Gestalt, weniger für den inneren Aufbau. Dem Betrachter dieser frühmittelalterlichen Darstellungen bleibt es in der Phantasie überlassen, das oftmals bescheidene Türmchen zum Tempel des menschlichen Frevels auszubauen. Interessant mutet in späteren Bildern, so in den großen Mosaikenzyklen der Kathedrale von Monreale bei Palermo und in San Marco in V e n e d i g, an, daß die Künstler es wagten, die Szene des Turmbaues in Relief an Säulenkapitellen abzubilden. Der Turm selbst ist noch ganz flächenhaft gegeben, ohne architektonisches Gefühl, aber im Vordergrunde jener Darstellungen erscheinen immer häufiger die Gestalten der am Bau tätigen Handwerker. Sie mischen Mörtel, tragen Steine auf den Bau und hantieren mit Leitern und Kellen. Miniaturen in illustrierten Handschriften, im 14. Jahrhundert entstanden, erzählen, daß auch hier die Turmform meist noch an überlieferte Darstellungsweise anknüpft; aber die ganz genremäßig aufgefaßten Gestalten der Handwerker künden, daß der dogmatische Rahmen gesprengt ist, daß eine gewisse künstlerische Freiheit das «dte Bibelthema gestalten heißt. Die Miniatur eines Schweizer Meisters um das Jahr 1411 verrät, wie der Künstler sich bereits mit der schwierigen Perspektive auseinandersetzen will. Auch über den inneren Aufbau des Turmes sucht?.r Klarheit zu gewinnen. Der Grundriß ist zwar seltsamerweise fünfeckig; wie ernst es aber dem Künstler wrr, aller Probleme Herr zu werden, läßt die B-jischrift am Kopf des Blattes erkennen: „Dieses ist der Turm von Babylon (der) 5 tausend 9 hundert 74 Schritt hoch war." Etwas ganz Neues aber in die Geschichte der Darstellung dieses antiken. Weltwunders bringt im Anfang des 15. Jahrhunderts das berühmte Stundenbuch des Herzogs von Bedford. Ein französischer Miniaturist schuf diese kostbaren Illustrationen um 1423. Hier erscheint zum erstenmal ein kompliziertes architektonisches Gebäude, ein viereckiger Turm, um den sich Rampen bis zur Spitze emporwinden. Diese Darstellung hat die Forscher bis in unsere Tage hinein angeregt; sie gibt einen Einblick in morgenländische Architektur und kündet vom Vorkommen solcher orientalischen Schneckentürine, die auch im biblischen Land, in Samarra vornehmlich, wissenschaftlich beglaubigt sind. Festgefügt steht der Babelturm in jenem Stundenbuch des französischen Künstlers, auf breitem Fundament in einer bewaldeten Landschaft. Der Bau wird von vielen Figuren belebt, der Bauherr des Turmes— nach der Legende der Riese Nimrud — beaufsichtigt die Handwerker. Blöcke werden auf den Turm geschleppt, ein Kamel wird von seinen Lasten befreit, und - vorn am Bildrand arbeiten die Werkleute mit Zirkel und Winkel. Frische Naturbeobachtung spricht aus dieser Schilderung des biblischen Vorganges. Die .schönste und berühmteste Darstellung des Turmes zu Babel ist uns im Gemälde von Pieter Bruegel überliefert. Niemals wieder ist ein so phantasievolles und trotzdem bis in alle architektonischen Einzelheiten so folgerichtig durchdachtes Gebäude erfunden worden. Hier hat der holländische Maler des- 17. Jahrhunderts den Turm monumental zu schwindelnder Höhe bis über die Wolken emporgeführt.. Wie im Spielzeug erscheint die Stadt Babylon an seinem Fuß, wie Zwerge muten uns dj?} wimmelnden Scharen der Arbeiter an. An ein paar Stellen blicken wir in das Skelett des- Baues, in gewaltige Systeme von Gewölben und Strebebögen. Langsam windet sich eine breite Rampe um den Babelturpa empor. Pieter Bruegel und sein Landsmann Cornelis Anthonisz hatten Rom besucht, und es scheint, daß die gewaltigen Architekturen des Kolosseums jene Bilder beeinflußt haben. Die Form jedenfalls, die die Holländer dem Babylonischen Turm gegeben haben, ist für lange Zeit die abschließende künstlerische Lösung geblieben. Zahlreiche Gemälde, Kupferstiche und Radierungen wiederholen diese Turmgestalt. Dr. Olga Bloch „Der Pojaz" im Hamburger Kulturbund Georg Hirschfelds Bühnenbearbeitung des gleichnamigen Romans von Emil F r a n - z o s kommt dem Wunsch nach aufführbaren jüdischen Milieustücken entgegen. Manches ließe sich gegen solche genrehaften Schilderungen auf der Bühne sagen. Gelegentliche Breiten und allzu grelle Stellen im Text hätten beseitigt werden können und sollen. Bei der Aufführung kommt indes alles auf die Besetzung der Titelrolle an, dieses galizischen Jungen, der über alle Hindernisse hinweg seiner heißen Sehnsucht zum Theater folgt. Hier hat der Hamburger Kulturbund einen glücklichen Griff getan, als er den jungen Dagobert Serger damit betraute. Da ist ein besonders schönes, gut ausgebildetes Stimmaterial und ein Temperament, dem allerdings die glühende Verhaltenheit der Rolle und ihre plötzlichen Ausbrüche stark zu entsprechen schienen. Wir wollen abwarten, was Dagobert Berger uns weiterhin bringen wird. In der Rolle der Mutter lernten wir Edith Hersslik von einer ganz neuen Seite kennen. Ihre Blicke leuchteten j vor schmerzlicher Liebe, die' das kranke j Kind schützen möchte, während das Tasten j ihrer vom Kummer gezeichneten Hände ihre j Hilflosigkeit verriet. Eine reife und ergrei- J fende Darstellung. Den Rabbi, den strengen! Seelenhirten der Gemeinde, der seine harte ' Hand über alle Lämmlein halten will, damit ihm nicht unversehens eins entkomme, gab Willy Kruszynski ausgezeichnet in der Maske und ohne ein Zuviel an Heftigkeit. Aus dem Heiratsvermittler, den des Rebben Eifer auf den Plan ruft, machte Martin Rosen eine liebenswerte Gestalt von sprudelndem Witz, naiver Gutherzigkeit und der glitzeräugigen Schläue der Dicken. Die Rolle seiner Tochter Jütte bot Susanne Buch Gelegenheit zu ihrem hübschen ersten Bühnenversuch. Dem Mädchen Malke hingegen verlieh Ursula Perlhöfter anstatt Ernst und Herbheit einen Akzent unverständlicher tiefer . Schwermut. Der Theaterdirektor wurde von Leo Raphaeli (Willy Hagen) mit Takt und väterlicher Güte gegeben, Kurt S ü ß - mann verkörperte Altmeister Dawison. Wir sahen Martin L e v y (Ehrhard) in zwei sorgsam voneinander abgesetzten Chargen _ eines jüdischen- Händlers und des Uhrmachers Diamant und in weiteren kleinen Rollen? Lilly Wolff und Kurt Schindler. Unter Julius K o b 1 e r s behutsamer Regie fügte sich alles-einheitlich zum Ganzen. Amiy G ow a setzte uns vor eine Guckkastenbühne alten Stils, indem sie einen Bilderrahmen von antiquiertem Geschmack vor ihre liebevoll gepinselten Dekorationen baute. Er bedeutete die sichtbare und notwendige Trennung zwischen uns. und einer Problematik von vor hundert Jahren. Die vielfachen Umbauten vollzogen sich unter Harry Blumenthalsi sicherer Leitung schnell und reibungslos. In den weiteren Vorstellungen spielte Werner Bukofzer den „Pojaz" mit viel Routine und eigenwilliger Textgestaltung. Seine hektische Beweglichkeit und lautere Auffassung der Rolle wollten nicht recht zu Koblers. geschmackvoll gedämpfter Regie-Absicht stimmen. Es befremdete, daß er sich am Schluß mehrmals allein verbeugte. Das gleiche Verdienst wie ihm gebührte dem disziplinierten Einsatz des gesamten Ensembles, ebenso wie Lilly Wolff, die die wortreiche Rolle der Mutter Rosele ebenfalls innerhalb weniger Stunden übernommen und gelernt hatte. Sie gab sie handfest, schlicht und sehr echt. Käthe Goldschmidt Iiiiii Oben links: Vom Antependiwn der Kathedrale zu Salerno; darunter: Miniatur eines französischen Meislers (Bedford) (um 1424—1430); oben rechts: Modell des wiederhergestellten Turmes Etemenanki (Zustand um 580 v. Chr.); darunter: Miniatur eines Schweizer Meisters (um 1411); unten: Gemälde von Pieter Bruegel der Aeltere (1563) Fot. (5) Archiv Konzerte und Vorträge J Shakespeare, Bedeutung und Bühnengestalt — dieses Thema wählte Julius Bab zu einem Vortrag, der zu den schönsten und fesselndsten gehörte, die im Rahmen des Jüdischen Kulturbunds Rhein-Ruhr je gehalten wurden. Bab umriß in knappen Zügen zuerst die allgemeine Entstehung und den Werdegang des Theaters, ehe er zum Kernpunkt seiner Ausführungen gelangte. Er sprach mit Meisterschaft von der Meisterschaft des größten englischen Dramatikers, er führte gleichsam plastisch die neuentstandenen Shakespearschen Menschen vor, Menschen, die keine Gelehrsamkeit in eingeengten Worten von sich gaben,' sondern solche voll bewegten Lebens, aus deren Sprache man die Seele verstehen und entstehen lernt und sieht. An Hand von Lichtbildern erläuterte Bab die verschiedenartigsten Bühnenbildtypen, aus der Zeit der Anfangsversuche bis heute, wobei er natürlich die mannigfaltigsten Shake- - spearebühnen besonders berücksichtigte. —yo— Der erste Theaterabend des Breslauer Kulturbundes brachte eine woh'lgelungene Aufführung von Fodors „Arm wie eine Kirchenmaus" durch Mitglieder des Hamburger Kulturbund-Ensembles. PI RS 6AN ER 9 N£RZ£ Silberfüchse. Sintll. Pelzargen U@KX 3 £ R L B N W 5 0 Augsburger Strasse 4S