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Central-Verein-Zeitung · 1938-10-27 · 43 (27.10.1938) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
43 (27.10.1938)
Date
1938-10-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 C.-V.-Zeitung Nr. 43 * 27. Oktober 1938 Kleine Herbst&nspsraeke Von Hüde Marx Es wär schon an der Zeit, vom Herbst zu singen, vom Sterben der Natur und manchen andern bei Lyrikern mit Recht beliebten Dingen — doch laßt die Phantasie noch weiter wandern: etwa bis Frühling, wo die Knospen springen! Nicht mir, weil's schöner ist, zu überschlagen im Lebensbuch die schwarz getönten Seiten — — — Man sollte Schweres in der Stille tragen und singen nur von neuen Helligkeiten und den Gedanken Sprung des Herzens wagen. Drum sprecht: Wie lange wird es denn schon dauern, bis Blätter, die jetzt welk am Boden liegen, verweht sind und an grauen Käusermauern entlang sich Frühimgsliebespärchen schmiegen? So macht statt Herbstesnebel Lenz euch schauern... fiiii3iiMii2ii£iiiiisiii!fiiiiiiiMifTis]ir>(ijiiiiif]iiiii:iiiiiiiii]iiii;?i!ri*i;ii;fii3i:iijfiiiii?iTitii]siiicTiin lieder waren. Ein Jahr später verließ er auch diesen Posten, ohne Geld, ohne Arbeit, und das Hu-jcij. ging von neuem los. Aber er hatte Glück, und sicherlich war schon damals etwas Faszinierendes in seinem Wesen, diese Mischung von Talent und Temperament, Wissen, frühem Können und Vertrauenswürdig'::;', die heute den Mann aus- Das Heus für elegante Damenhüte. Berlin W, Kurfürsfendamm 520. zeichnet. J. L. Perez engagierte ihn als Privatsekretär, und es darf als ein Faktum der jüdischen Literaturgeschichte vermerkt werden, daß Perez ihm die erste Fassung seiner „Goldenen Kette" diktierte. Nun hatte Schneur nicht nur Arbeit, sondern auch die beste, die einemangehenden jüdischen Schriftsteller nur zu bieten war. Aber auch dies Glück dauerte nicht lange, Perez wurde krank, Schneur mußte gehen. Er ging zu David Frischmann, der damals „Hador" herausgab, die aristokratische hebräische Zeitschrift. Frischmann half. Er druckte alles, was der 'junge Schneur ihm anbot, er zeigte ihm die Fehler, er lehrte ihm die Technik des Schreibens, die Komposition des Inhalts, die Geheimnisse der Form. Und er teilte sein letztes Stück Brot mit ihm, oft wirklich sein letztes, denn es ging Frischmann damals miserabel. Sie teilten den letzten Rubel, und bis zu seinem letzten Atemzug war David Frischmaim Sehneurs bester Freund und Wegweiser. Mittlerweile versuchte es Schneur auch mit anderen Zeitschriften, „Hazefira" brachte Gedichte von ihm und Feuilletons, deren gute Beobachtung und feiner Humor Aufsehen erregten. 1904 ging er n^ich Wilna, das er später in einer seiner schönsten hebräischen Dichtungen und in einem deutsch, französisch und englisch erschienenen Schaubuch (Verlag Greil Füßli, Zürich, 1929) verherrlicht' hat. „Der Ueberfluß jüdischer und hebi-äischer Schriftsteller in Wilna, die Wilnaer Intelligenz, die eigentümliche Schönheit der Stadt, ihrer Umgebung, ihrer jüdischen Töchter mit ihrer traurigen Anmut", dies alles weckte auch in ihm die Arbeitslust. Seine ersten großen Werke entstanden, sein erster hebräischer Roman schlug ein, jiddische Novellen erschienen in den verschiedenen neuen und aufsteigenden Wilnaer Blättern. Nach dem japanisch-russischen Krieg und den darauf folgenden Pogromen verließ Schneur den Osten, blieb kurze Zeit in der Schweiz und studierte dann in Paris an der Sorbonne Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften. Diese Jahre, 1905 bis 1913, sind die eigentlich fruchtbaren seiner Sturm¬ und Drangperiode, ihnen entstammen seine besten hebräischen Bücher. Es trieb ihn weiter, er durchr:'?te Europa und Afrika, kehrte ■ aber fast jedes Jahr auf kurze Zeit nach Warschau und Odessa heim, um alte Freundschaften zu festigen und neu« zu schließen, und war ständiger Mitarbeiter der großen jiddischen Zeitungen, die ihm die materiellen Grundlagen für seine Studien und Reisen und die Muße für seine größeren Werke sicherten. Als der Weltkrieg ausbrach, war Schneur in Deutschland. Er wurde interniert und erlebte auf diese Weise die vier schweren Jahre. Nach dem Friedensschluß kam er nach Kopenhagen, von dort nach Amerika, dann wieder nach Europa und für einige Zeit nach Berlin. 1924 siedelte er nach Paris über, wo er auch jetzt lebt. Das sind die Stationen seines äußeren Lebens. Ein Bild von Salman Schneurs Persönlichkeit ist aus seiner künstlerischen und geistigen Entwicklung leicht herauszuschälen. Obwohl er das fünfzigste Lebensjahr eben erst überschritten hat, ist sein Lebenswerk bereits gewaltig. Wie die größten neuzeitlichen Erscheinungen beider jüdischen Literaturen, wie Mendele M o c h e r S f o r i m, Bialik, Perez und Seholem Mechern hat er hebräisch und jiddisch geschrieben und ist in beiden Sprachen von klassischer Bedeutung-. Wenn man Mendele, Seholem Alechem und Perez als das Triumvirat der jiddischen Prosa bezeichnet, so ist das Triumvirat der Bialik, Ts chernichowski, Schneur das Pendant dazu in der hebräischen Poesie. Worin besteht nun Schneurs Bedeutung? „Mit Tschernichowski", schreibt Mosch e Kleinmann, „ist Schneur der Erste, der die Vermenschlichung des hebräischen Dichterschaffens angestrebt und verwirklicht hat." Seine Größe besteht zuvörderst darin, daß er gegen all das Jüdische rebellierte, das ihm noch Mittelalter, Stuhenhockertum, Papiermenschentum, nur Literatur, Unnatur und Naturfremdheit zu sein schien. Er sprengte das innere Ghetto und stürmte hin in die Unendlichkeit der freien Welt. Er identifizierte Judentum mit Ghetto, und zwar mit solcher Leidenschaft, daß er zunächst geradezu halsstarrig verbohrt ablehnte, überhaupt jüdische Themata zu behandeln. Erst spät drangen jüdische Motive, anfangs charakteristischer Weise nur nationale und sozial revolutionäre, in seine Dichtung ein. Und wTe ihn sein Kampf gegen das innere Ghetto ehrt, ist dann sein Angeriihrtwerden vom jüdischen Schicksal in der Pogromzeit ehrwürdig. Seine Lyrik gilt vor allem der großen, weiten, schönen Welt. Seine ersten .Schritte in diese Welt sind, von der Enge der damaligen Literatur gesehen, breitspurig, groß- 93 sa a* K@sSa Ss&arse Seit Total-Ausverkauf w^B> Geschäftsaufgabe EH33ENFELD, Frankfurt a. Main, Zeil 104 mächtig und kühn, sein Ausdruck, seine „Stimme" ist fest und gebieterisch, sein Blick geht aufs Welthafte und sein Wort ist ausgewogen. Man darf sagen, daß Salman Schneur der erste, rechte Weltbürger in der hebräischen Literatur ist, überall zu Hause und furchtlos heimisch; das Harzgebirge und die Schweizer Alpen sind seinem bildenden Wort nicht minder willig zugänglich als das kleine Szklow seiner Kindheit und das große Wilna seiner Jugend. Sein Vers ist leichtfüßig, glatt, mühelos und oft zierlich kokett, anmutig. Und sein literarischer Horizont ist weit wie die Welt, die er gesehen, und die Tiefen, in die er sich hineinvergrübelt hat. Mehr als alles nimmt einen die Lebendigkeit seiner Phantasie gefangen. Seine große Leidenschaft gilt der Schönheit der Natur. Seine Naturschilderungen sind nicht „gemalt", sie strotzen von Leben; jede Naturerscheinung, die Jahreszeiten, Donner, Blitz, Schnee, tritt wie ein lebendes Wesen auf, leibhaftiger denn - je nicht allein im jüdischen Schrifttum. In aller Macht und Pracht ihrer Ewigkeit und ihres Elends treten die „Riesen der Natur" handelnd vor uns hin. Einem solchen Riesen gilt Schneurs besondere Sympathie, dem Winter, und den Schnee, den gesunden, frischen, lustigen Frühsehnee des östlichen Winters wird er nicht müde, in immer neuen Herrlichkeiten zu besingen. Schneur versteht nicht nur die Sprachen der Vögel und der Bäume, sondern auch die der Wolken am Himmel, der Wellen im Meer, der Steine vom Berge, der Sonnenstrahlen und mächtigen Schatten und selbst die Sprachen der stummen Stille und des starren Schweigens. Die Natur ist schön, aber der Mensch ist häßlich; immer von neuem hat Schneur diese hier etwas abrupt formulierte Tendenz mit feurigen Anklagen gegen die Schändlichkeit und niedrige Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts und besonders seiner eigenen Generation belegt. Unbarmherzig reißt er dem Menschen die Maske herunter und entlarvt sein wahres Gesicht. Schneurs Verse und Prosa aus der ersten Epoche seines Dichtens und Denkens sind ein einziger großer Protest gegen menschliche Schwächlichkeit, Angstund Kriecherei. Erst allmählich folgt auf diese im Grunde moralischen Eruptionen die reifere, kühlere Weise der reinen Darstellung, die Gestaltung und psychologische Erfassung löst die prometheische Anklage ab, und der Mensch, wie er nun einmal ist, wird zum Mittelpunkt des vielfältigen, weder guten noch bösen Erdenlebens. Diese verstehendere und mildere Art der Weiterfassung beginnt bei Saiman Schneur erst um die Kriegszeit. Als Vorzeichen dafür ist anzusehen, daß er sich um 1910 mehr und mehr jüdischen Stoffen zuzuwenden begann. Man fühlt sich fast versucht, zwei Salman Schneurs anzunehmen, von denen der eine den andern abgelöst hätte und von. denen der eine ein hebräischer, der andere ein jiddischer Dichter wäre. Während der besondere Akzent seines Schaffens und vornehmlich sein moralisches und "dichterisches Pathos auf seinen hebräischen Dichtungen ruht, ist der jiddische Schneur sowohl als Epiker wie als Lyriker der Dichter der reinen Anschauung. Und während der hebräische Dichter sich nur die geistige Oberschicht gewinnen, zu Protest, aber viel mehr zur Bewunderung hinreißen konnte, ist der jiddische Schneur tief ins Volk gedrungen, das seine Prosa liest und manches Gedicht als Volkslied singt. . Das Phänomen seiner Versehiedenartigkeifc im Hebräischen und im Jiddischen geht offenbar auf eine Eigentümlichkeit zurück, die schon bei Schneurs frühen Versen auffiel: der Wechsel von Versmaß und Ausdrucksform beim Wechsel des Inhalts. Schnöur ist ein bedeutendes Formtalent, aber das Gegenteil eines .Virtuosen und Artisten: nicht er spielt mit Formen und mit der Sprache, son- JST2T BiOCü 3I&.L3&SI3! T * i a . . ms^LUDWiQ Total -AusverkaufjflBäS^* wagen vollständiger Geschäftsaufgabe Nnr noch kurze Zeit FranKiurt ex. M> gegenüber dem Hauptbahnhof dern die Sache, die Sprache hat ihn, hat ihn so ganz und gar, daß er, ihr empfindliches Instrument, mit jeder Sache und Sprache ein anderer wird. Auch im Jiddischen ist Schneur der Vorkämpfer einer gesunden, kraftvollen, natür- , liehen Jugendlichkeit, — die bereits den Geschmack der Einsamkeit und Verzweiflung gekostet hat. Aber auch das Gefühl tiefer Bangigkeit, Sehnsucht und Wehmut, das viele von seinen jiddischen Gedichten durchtränkt, kann den lebensbejahenden, leidenschaftlich jugendlichen, pathetischen Grundton der anderen Verse nicht verwischen, die zum erstenmal den sorglos lachenden Tanzton in die jiddische Literatur hin eingespielt haben. Schneurs beste jiddische Prosa kulminiert in einem riesigen romanhaften Erzählungskomplex, aus dessen Mitte der (auch französisch und englisch bekannt gewordene und aus dem Englischen ins Deutsche übertragene) „Noah Pandre" — Brandus, Jüdischer Buchverlag, Berlin 1937 — herausgenommen ist. Hier ist Schneurs ursprüngliche Tendenz völlig ins "Epische sublimiert. Der Held ist ein Idealtyp von Kraft, Jugendlichkeit, Naivität und männlicher Rechtschaffenheit, ein Jude, aber kein Rabbi oder Weltverbesserer, sondern ein Fleischer, der dann zum Fuhrmann avanciert.-- Leo Hirsch Andre Maurois: Die Geschichte Englands. Deutsche Uebersetzung von Helene Chaudier, Bastei-Verlag, Wien, 1930, „Die Geschichte Englands", die Andre Maurois, der Kenner und Deuter der menschlichen Seele, soeben veröffentlicht, ist ein gutes Abwehrmittel gegen eine Modekrankheit, die Gefahr, daß vor lauter Geschichtshewußtsein die Energie, das Heute zu bejahen, geschwächt wird, und daß die allzu Fortschrittsgläubigen von gestern sich in rückwärts gekehrte Propheten verwandeln. Dieses Buch ist nicht nur angenehm und nützlich zu lesen, sondern es gibt fast auf jeder Seite ein skeptisch heiteres Wort. Es ist keine flüchtige Arbeit, so spielerisch bewegt seine Diktion wirkt. Maurois hat sich tief hineingelesen in die alten Historien, die von den Kelten, Sachsen, Dänen, Normannen der Frülizeit berichten, und er gibt wohl abgewogene Urteile über die vielen Streitpunkte, die die Forschung nicht aufzuklären, sondern nur noch dunkler zu machen versteht. Aber man tut ihm wohl kein Unrecht, wenn man sagt, daß er sich erst richtig wohl fühlt, wenn nach den holzgeschnittenen Ritterfiguren mit Elisabeth und den vom Schicksal gezeichneten Stuarts Menschen auf die Bühne treten, die Maler und Dichter der Nachwelt lebendig machten. Es gibt — oft in wenigen Strichen — farbige Porträts der Staatsmänner und Staatsfrauen, der Minister und Denker, der Könige und Soldaten, die durch ihre Mängel und Vorzüge und häufiger durch Unzulänglichkeit, als durch Weisheit aus einem Kleinstaat am Rande des Geschehens das größte Reich aller Zeiten machen halfen. War es blinder Zufall oder geopolitisch und wirtschaftlich bedingte Notwendigkeit, die zu diesem Aufstieg führte? Maurois gibt alle Tatsachen, ohne sie zu überschätzen, und er läßt genügend Raum für das Irrationale, dessen bewegende Kraft die Einen in der Brust führender Persönlichkeiten suchen und die Anderen in einer Macht, die sich der Menschen und Dinge, bedient, um auf unerforschlichen Wegen Wirkungen und Wendungen zu schaffen, die man nur erschauernd ahnen, aber nicht deutelnd begreifen kann. In dem zusammenfassenden Schlußwort gibt der französische Dichter über die Zukunft des Reiches, mit dem seine Heimat jahrhundertelang in Fehde lebte, dieses wohl abgewogene Urteil ab: Die Achtung vor der Vergangenheit ist ein allgemein englischer Zug. Geschichte und Herkommen leben in allen möglichen Bräuchen fort. Nicht nur in der Stärke seiner Marine oder seiner Luftflotte liegt die Kraft des englischen Volkes, sondern auch in dem Maßhalten, dem Wohlwollen, dem Selbstvertrauen und der hartnäckigen Ausdauer, die sein Charakterbild in zehn Jahrhunderten der Wohlfahrt und des Glückes geformt haben. J. E. Richard Hönigswald, Denker der italienischen Renaissance. Verlag Haus zum Falken, Basel 1938. Das Buch, auf dem Umschlag mit einem -Selbstbildnis Leonardo da Vincis geschmückt, verheißt dem Leser einzelne Aufsätze über „Gestalten und Probleme" aus dem Gedankenkreis der italienischen Renaissance, und das Inhaltsverzeichnis nennt Namen wie Cardano, Giordano Bruno, Leonardo da Vinci und Galilei als Kapitalüberschriiten. Man erwartet also, die Gedankenwelt jener . Zeit in Essays über die wesentlichen Denkergestalten dargestellt zu sehen, man erwartet aus der Hand eines Philosophen eine Art Gegenstück zu vielen sprachlich schönen und gedanklich tiefen Künstlerbiographien über jene Epoche, — ein notwendiges und wichtiges Unternehmen, denn unter den Denkern der Renaissance finden sich, nur weniger bekannt als die Künstlerj sehr bedeutende Gestalten. Richard Hönigswald sagt im Vorwort selbst einiges über Ziel und Art seiner Darstellung: „Von ,Gestalten und Problemen' kündet der Titel dieses Buches. Das besagt nicht, daß der Verfasser die im allgemeinen nur kurzen biographischen Daten, die anzuführen ihm nötig erschien, nun etwa als erschöpfende Kennzeichnung der behandelten Persönlichkeiten auffaßt. Er wünscht das Wort gestalten' hier weit tiefer begriffen zu sehen. Es soll zum Ausdruck bringen, daß das Leben der Denker, die es zu verstehen galt, im Widerschein ihrer Lehren ,Problem' wird; daß es sich in diesem Widerschein von den Zufällen seines zeitlichen Daseins löst und sich gleichsam als ein Gefäß darstellt, das selbst nur von der überzeitlichen Bedingtheit ihrer Leistungen Form und Funktion empfängt." Es soll also die tiefe gegenseitige Bedingtheit von Denken und Leben aufgezeigt werden, derart daß aus der Formung der Gedanken, wie sie in den gedruckten Werken der Denker noch faßbar ist, auch auf die innere Struktur ihres Lebens ein deutendes Licht fiele. Welch schöne Aufgabe, aus scheinbar entpersönlichten und im Druck objektivierten Gedanken die ganze innere Fülle des darin ausgedrückten Lebens wiederzufinden und in lebendige Darstellung zu verwandeln! „Nur wer ,Gestalten£ und ,Problemec als Nuancen eines und desselben Sachverhaltes zu verstehen vermag", sagt Hönigswald weiter, „wird dem hier vertretenen Sinn ihrer Verbindung genügen." Darum habe er es sich „versagt, einer kritischen Darstellung der ,Problemec noch mehr oder weniger anekdotisch gehaltene ,Seelenanalysenc äußerlich hinzuzufügen und so die ,Gestalten' dem flüchtig blätternden Leser von sachlichen Erwägungen unbelastet darzubieten." Hönigswald setzt meist voraus, daß der Leser jene Gestalten und ihr zeitliches Leben genau kenne und gibt also nicht selbst die Darstellung, sondern Bemerkungen, bisweilen fast nur Anmerkungen zur philosophischen Problemgeschichte, — er bespricht die einzelnen Gestalten als Träger von Gedanken innerhalb der Geschichte der Philosophie, weit weniger als Denkerpersönlichkeiten. Das aber heißt nun, daß der Leser — und nicht nur der flüchtig blätternde", sondern auch der ernsthaft bemühte — die Verbindung zwischen Denken und Leben in jenen Gestalten herstellen und damit von sich aus leisten muß, was man gern vom Verfasser dargestellt sähe. Es fragt sich" aber, ob weitere Leserkreise so weitgehende Voraussetzungen erfüllen. Der Verfasser hat eine hohe Kraft ausdeutender Erklärung, wo es sich um schwierige scholastische Begriffe handelt; seine Formulierungen zur philosophischen Begründung von Begriffen wie ,Erfahrungc oder auch ,Experiment' erhellen die Struktur dieser Probleme, sind aber wohl nur Fachleuten wirklich verständlich. H. B. Jüdisches Biindeni ahrbuch. Jüdischer Buchverlag Leo Alterthum, Berlin 1938 Den Interessen, welchen der Verkauf des Jüdischen Blindenjahrbuch.es für das Jahr 5699 dienen soll, und jenen, welche die Käufer des Jahrbuches haben, kommen die Herausgeber mit großem Geschick entgegen. Obwohl das Buch nur Beiträge enthält, die sich mit dem Leben der Blinden in irgendeiner Form beschäftigen, sind sie doch so ausgewählt, daß auch der Sehende sie mit Aufmerksamkeit lesen wird. Der . diesjährige Kalender, der wiederum von Horst M o r a t z in charakteristisch er Weise illustriert wurde, steht unter dem literarischen Motto „Der Blinde in Bibel und Schrifttum". Rabbiner Gustav Cohn, Leipzig, behandelt diese Fragestellung im HinbKck auf die Bibel, Karl E s c h e r im Zusammenhang mit dem altgriechischen Schrifttum. Lyrische Beiträge stammen von Ernst B 1 a s s, Berndt Götz, Nelly' Sachs, EHy Gross, Edith L. Meyer, Gertrud Chodziesner, Arthur Silbergleit, Anna Beate Nadel, um nur die Lebenden zu nennen. Der von der Selbstvereinigung der Jüdischen Blinden herausgegebene Almanach ist dem Gedächtnis Robert H i r s c h f e 1 d s gewidmet, der vor knapp einem Jahr gestorben ist und als Lehrer der Blinden sich überall die größte Achtung erworben hatte. Seine* Gestalt zeichnet Heinrich Liebenwalde.

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