Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1938-10-27 · 43 (27.10.1938) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
43 (27.10.1938)
Date
1938-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2278191-2278231--13280-2292178
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

- v/ /) Xm Jahrg. / Nr. 43 Berlin, 27. Oktober 1938 Preis 15 Pfennig ILGEN EINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Redaktion, Anzeigenannahme, VertriebsabteÜung): Berlin W. 15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Telegr.-Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag»77218, Zürich VHI 26363 Bankkonto: A. E Wassermann, Berlin W 8. Die C-V.-Zeining erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluß: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle eatgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 132 RM (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzüglich 18 RpL Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 3,— RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschließlich Zustellgebühren. Einzelnummer 15 RpL (Ausland 25 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 6 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf ür Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 RpL, weitere ermäßigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. - Anzeigenschluß: Dienstag. Aufnahme für bestimmte Tage, Stellen oder Atisgaben wird nicht gewährleiste. Sprungbretter Wef zmann über die Politik der er Diaspora JewisJl AgenCJ I ££* T*Y__7___3__x~__T__f. J J,%-m ' Das Judentum hat in der Periode der Zerstreuung, die noch nicht abgeschlossen ist, neben einer passiven Geschichte der schweren Prüfung und des Märtvrertums auch eine aktive Geschichte produziert, die von unendlicher Lebenskräftigkeit und elastischer Energie das beste Zeugnis ablegt, Heinrich Graetz Keine Minderheit — Gegen Einwanderungsbeschrän- Friede mit den Arabern — Arbeit und Aufbau Son de rb e rieht f ür die C.-V.-Z e itung I. ÄktoeMe IMaspora iWena heute die einen aus unserer Gemeinschaft nach Palästina, die anderen — hierhin und dorthin — nach Uebersee ausgewandert sind, auszuwandern im Begriff stehen oder sich um ihre Auswanderung bemühen, so werden nur wenige unter der Last der täglichen Sorgen begreifen, daß ihr einzelnes Schicksal wiederum in die Bahn des Bewegungsgesetzes der jüdischen Geschichte eingemündet ist. Denn das, was wir gegenwärtig erleben, ist die Liquidierung und Dynainisierung, das Beweglichwerden einer Diaspora, deren Höhepunkt in unserer zurückliegenden Emanzipatkraslepoche gelegen hat. Wanderung,. Ent-; stehung und Ausbreitung, dann Niedergang und Verfall einer Diaspora, erneute Wanderung, d. h. Verschiebung eines jüdischen Lebenszentrum aus einem Raum in einen anderen: das ist der rote Faden, der sich durch die an Kataklysmen so reiche Geschichte des jüdischen Volkes hindurchzieht. Nach der Ruhepause der Emanzipation ist das Problem der Diaspora für uns abermals aktuell geworden. Das Bewegungsgesetz der jüdischen Geschichte verliert den bedrückenden Charakter des Unbegreiflichen und Unvergleichlichen, wenn wir versuchen, die Wanderbewegung des jüdischen Volkes im Zuisammenhang mit den allgemeinen weltgeschichtlichen Wanderbewegungen zu sehen. Eine solche Betrachtungsweise ist keineswegs die vorherrschende. Die übliche geschichtliche Denkweise hat uns dazu verführt, die einzelnen Völker, die nacheinander in der Weltgeschichte auftreten, als sozusagen konstante Massen aufzufassen, die nur auf dem Boden einer bestimmten Landschaft ihres Daseins Kreise vollenden konnten. Namentlich das geopolitische Denken hat zu der Auffassung der Raumgebundenheit der Völker viel beigetragen. Aber diese an sich nicht unzutreffende Geschichtsanschauung bedarf zur Erklärung bestimmter historischer Phänomene einer Ergänzung durch eine Deutung der Wanderungsbewegungen der Völker. Aus welchen Beweggründen wandern die Völker? Darauf hat Malthus in seiner bahnbrechenden Bevölkerungslehre die Antwort gegeben. Er hat uns gezeigt, daß entsprechend In dieser Nummer finden unsere Leser u.a.: Bildbericht über Rezende Die Aufsäfze: Leo Hirsch: Salman Schneur, Bildnis eines Dichters — Zum Tode Robert Ludwig Monds — Lutz Weltmann: Englisches Theater und Kino — S. Gottesman: Fragen der polnischen Staatsangehörigkeit — K. J. R: Argentinische Einwanderungsprobleme Die Beilagen: Palästina-Umschau — Recht und Wirtschaft — Sportblatt — Schachecke London, 26. Oktober (telephonisch) In einer großen Kundgebung, die den Höhepunkt einer in ganz England durchgeführten Versammlungsreihe für das jüdische Recht auf Palästina bildete, sprach am Abend des 25. Oktober in London u. av der Präsident der Jewish Agency Dr. Chaim Weizmann. Er führte etwa folgendes aus: „In der letzten Zeit war die Luft voll von Gerüchten, die über angeblich bevorstehende Aenderungen in der britischen Palästinapolitik verbreitet wurden. Ich will mich hier nicht mit den Geschehnissen der vergangenen zwei Jahre oder mit den Aenderungen und Schwankungen befassen, die die britische Politik während dieser Zeit durchgemacht hat. Es ist festzustellen, daß zu einer Zeit, da die Wiederherstellung der Ordnung ohne Schwierigkeiten möglich gewesen w&re, sich die von der Palästinaregierung ergriffenen Maßnahmen als merkwürdig unwirksam erwiesen, haben. Infolge der relativ passiven Haltung der palästinensischen Administra-. . tion gelang es den Terroristen, im Lande . festen Fuß zu fassen, und die Regierung mußte eines Tages zu ihrem eigenen Erstaunen feststellen, daß, abgesehen von den jüdischen Siedlungen, wo Ruhe und Ordnung herrschten, - große Gebiete Paläläsrinas in den Händen der Terroristen waren. Heute hat es endlich den Anschein, als ob ein ernsthafter Versuch gemacht werde, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Was der Widerstand der Terroristen wirklieh bedeutet, wenn sich die Regierung erst einmal mit der Aufgabe im 111 ii iiiiiiiii iiiiiib t^^^m\mivtmfit™Laa^ dem „Kampf ums Dasein", der nach 'Darwins Nachweis im Reich der Natur den Ausschlag gibt, auch in der Menschenwelt der Kampf um den Nahrungsraum vielfach die Handlungsweise der Völker bestimmt. Seitdem ist der Begriff des Nahrungsspielraums zu einem der wichtigsten Begriffe der Soziologie und Geschichtswissenschaft geworden. Sobald ein Volk sich in seinem Wohnraum nicht mehr ernähren konnte, sei es, daß es. sich ungewöhnlich vermehrte, sei es, daß der Ertrag seines Bodens schwand oder ein Feind es verdrängte, war es gezwungen, einen neuen und besseren Nahrungsspielraum zu suchen. Die Wanderzüge der Völker in der Weltgeschichte sind nichts weiter als Kriegszüge zur Eroberung ertragreicherer Nahrungsräume gewesen. In Fortsetzung dieser kriegerischen Wanderzüge haben die modernen Weltstaaten die Rohstoffgebiete und Absatzmärkte unter sich aufgeteilt. Der Krieg stellt somit — immer Malthus zufolge — die extreme Form der gewaltsamen Invasion dar. Daher besteht zwischen Krieg und Kultur eine durchaus tragische Wechselbeziehung. Die alte Kultur eines Landes, in das die Kriegsfurie ihre Brandfackel geschleudert hat, wird zerstört, um" der neuen Kultur des Eroberers Platz zu machen, oder sie dient, oft infolge ihrer überlegenen Qualität, als Mörtel beim Aufbau der primitiveren Kultur des barbarischen Siegers. Das ist das eherne Verhängnis, das wie ein blutigroter Faden die Weltgeschichte durchzieht. Daneben gibt es auch gelindere Formen der Invasion. Mitunter haben in älteren Zeiten verheerende Seuchen weitere beschäftigt, läßt sich vielleicht am besten aus der sog. arabischen Besetzung Jerusalems ersehen. Man nahm an, daß die Wiederherstellung der Ruhe innerhalb der Altstadt Jerusalems nur mit größten Schwierigkeiten und mit großen Opfern an Menschenleben zu bewältigen sein würde. De facto sind die Terroristen aber in wenigen Stunden hinausgejagt worden, und die Autorität ist wiederhergestellt worden, ohne daß dabei, glücklicherweise, ein englischer Soldat ums Leben gekommen wäre. Wir wissen noch immer nichts über die zukünftige Politik der Regierung. Klar ist dagegen die Politik der Jewish Agency. Zunächst ist es von größter Wichtigkeit, daß die jüdische Einwanderung nach Palästina ohne Beschränkung fortgesetzt wird. Mehr als 200 000 Juden sind nach dem Kriege nach Palästina gekommen. Sie -vvären berechtigt, auf Englands Woi't zu vertrauen, und sie glaubten," daß die Politik des Jüdischen Nationalheims eine dauernde Verpflichtung der englischen Regierung darstelle. In Europa aber gibt es eine Million Juden, für die Palästina heute die einzige Hoffnung ist. Der zweite Punkt unserer Politik, von dem wir nicht . abweichen werden, ist, daß wir unter keinen Umständen irgendeine Lösung in Betracht ziehen können, durch die die Juden zum Status einer dauernden Minorität in ihrem nationalen Heim verurteilt werden würden. Hinsichtlieh unserer zukünftigen Beziehungen zu der arabischen Bevölkerung Palästinas glauben wir, daß es eine große Anzahl Araber gibt, deren größter Wunsch es ist, eine friedliche Ent- ^lhrg^«Wa^'amg™^ IHW»'" I......>' i""1'' i.'-Mmmw J« Ländereien entvölkert, so daß landsuchende Völkerschaften, ohne große Mühe in die leeren Räume einströmen konnten. In neueren Zeiten hat die Methode der friedlichen Durchdringung eines fremden Landes an Geltung gewonnen. Auf diese Weise sind bisweilen (keineswegs immer) koloniale Minderheiten-Diasporen — zu einer die autochthohe Bevölkerung überragenden Schicht geworden. Stetige Nachwanderung hat ihnen schließlich ein Uebergewicht verschafft. Die wirksamste Waffe im Kampf um den Erdball ist die geistige Ueberlegenheit gewesen. So haben beispielshalber die Völker der weißen Rasse ihre Weltherrschaft nicht nur mit Feuer und Schwert, sondern vor allem als Missionare einer höheren Kultur errichtet. Sehr oft hat die Beschaffenheit der physischen Natur — Meere, Wüsten, hohe Gebirge, die Gunst der insularen Lage usw. — . den. Völker Verschiebungen eine Grenze gesetzt. Oder sie hat im Gegenteil ihren die Schranke der Natur überwindenden Widerstand herausgefordert. II« ^öl&efffoewegmug Diese Theorie der Völkerbewegung möge an einigen markanten Beispielen, die der Ablauf der Weltgeschichte darbietet, erklärt werden.; Der einseitigen Blickrichtung der landläufigen geschichtlichen Bildung ist eigent-, lieh nur jene Völkerwanderung, gegenwärtig, die im Üebergang des Altertums' zum Mittelalter die nordeuropäischen- Völker nach Südeuropa und teilweise nach Nordafrika führte. Diese „Völkerwanderung" wird wie eine vorübergehende Unruhe in - der Geschichte der bc^enverwnrzelten Völwicklung des Landes zu sehen und in harmonischer und fruchtbarer Zusammenarbeit mit den Juden zu leben. Unglücklicherweise hat man die Terroristen die Macht über diese Menschen gewinnen lassen und hat damit die Stimme des friedlichen Arabers vorläufig wenigstens zum Schweigen gebracht. Doch wird die Zeit kommen, Mittel und Wege zu finden, damit wir mit unsern arabischen Nachbarn in Palästina in Frieden und Eintracht leben können. WTir hoffen zuversichtlich, daß uns bei der Erreichung dieses Zieles England seine machtvolle Unterstützung angedeihen lassen wird. Dem jüdischen Volk will ich in diesem Augenblick ein Wort der Ermutigung zurufen: Laßt Euch durch def artistische Gerüchte, die jetzt im Umlauf sind, nicht beeinflussen! Die Aufgabe des Augenblicks besteht nicht in fruchtlosem und unnötigem Lamentieren, sondern in der Fortführung unserer praktischen Arb e it in Palästina. Vertrauen auf andere wird uns letzten Endes wenig nützen. Unser Erfolg muß auf unserer eigenen Kraftberuhen. Wir müssen fortfahren, zu, bauen und zu schaffen, wo andere zerstören. Hätten sich unsere Großväter dieser hohen Aufgaben gewidmet, so würden wir den Nutzen ihrer Anstrengungen haben. Heute ist es an uns, das zu tun, was in unsern Kräften steht, damit uns die künftigen Generationen dankbar für das sein werden, was wir für sie erreichen konnten." Berichte über weitere Kundgebungen zur Palästinafrage veröffentlichen wir in der . „Palästina-Umschau'' dieser Nummer (S. 11). ker aufgefaßt. In dieses Schema wird dann der kriegerische Einbruch der Hunnen eingefügt, als deren peripherische Nachzügler die Ungarnzüge im frühen und der furchtbare Ansturm der Mongolen im hohen Mittelalter hingestellt werden. Diese populäre Geschichtsanschauung verkennt die ungeheuere Bedeutung Asiens, das durch seine Völkerbewegungen das Abendland fortgesetzt erschüttert hat. Der kriegerische Wanderzug des arabischen Volkes unterwarf nicht nur Nordafrika und die Pyrenäenhalbinsel, sondern richtete seine Expansionskraft auch ostwärts tief nach Asien hinein. Aus Asiens Mitte hat dann das türkische Volk seine Eroberungszüge gegen das Abendland vorgetragen, während innerhalb Asiens das chinesische Volk sich vom Osten her ins Innere des Kontinentes vorschob. In der neueren Zeit sprang die Welle der .Völkerbewegung nach Europa über. Die im Zuge der Industrialisierung riesenhafte Bevölkerungsvermehrung bewirkte, daß im vorigen Jahrhundert nahezu dreißig Millionen Europäer ihren Erdteil verließen und größtenteils nach Amerika einwanderten. Diese Immigrationsströmung, ist die. größte „Völkerwanderung" der Weltgeschichte gewesen. : Rußland, das unter dem großen Zaren Peter noch dem Drang nach dem Westen nachgab, dehnte sich über Sibirien aus. Von den außereuropäischen Wander bewegungen fallen die Negerwanderung von Afrika nach Amerika und die Ausbreitung der. ostasiatischen Völker über die Welt des Stillen Ozeans ins Gewicht. Nur auf dem Hintergrund dieser weltgeschichtlichen Völkerbewegungen wird die jüdische Wanderung durchsichtig. Und so-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.