Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 41 (13.10.1938)
- Date
- 1938-10-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 41 * 13. Oktober 1938 C-V.-Ze?tung 2. Beiblatt » Seite 5 X M, Weißenberg In Warschau ist kürzlich der bekannte jiddische Dichter Jizchak Meir Weißenberg gestorben, die eigenwilligste und eigenartigste Erscheinung in dieser jungen Literatur und seiner Generation, die leibhaftige Widerlegung der markantesten Vorurteile, mit denen jüdisches Wesen und Dichten so häufig bedacht worden sind. W7eißenberg sah fast wie ein Transportarbeiter aus, ein mächtiger Mann, breitschultrig, schwer beweglich, mit schweren, großen Händen, mit aschblondem Haar, großem, starkem Gebiß, aber schmalen, wie verriegelten Lippen im flächigen, fast vierkantigen Gesicht, mit kleinen Augen und durchdringendem Blick. Er war eigentlich auch Schwerarbeiter und hat bis zu seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr nur von körperlicher Arbeit gelebt. Er hatte später als Schriftsteller kein leichteres Leben, da er zwar große Erfolge hatte, sie aber nicht materiell auszubeuten verstand. Er war im Handel mit seinen Arbeiten dermaßen ungeschickt und ahnungslos, daß es ihm jahrelang nicht glückte, nach Warschau zu ziehen. Er wohnte in Zelichow, wo er geboren war, kam nach Warschau, wenn er etwas geschrieben hatte, und brachte in der einen oder anderen Redaktion seine Arbeit an. Der Erlös reichte gewöhnlich nicht für mehr als eine Monatsmiete, Weißenberg konnte nicht mehr abwarten, bis seine Arbeit gedruckt wurde, sondern mußte hungernd nach Zelichow zurück, zu Fuß, wie er gekommen war, und wieder von vorn anfangen. Wenn nicht I. L. Perez und A. Reisen seine ersten Erzählungen gedruckt hätten, wäre er vielleicht nie hervorgetreten. Während des Krieges änderte er sieh vollkommen. Er konnte nicht mehr schweigen. Es genügte ihm nicht mehr, seine ungewöhnlichen Erzählungen zu schreiben und sonst stumm zu sein, mit der Not zu kämpfen und in der aineisenhaften Betriebsamkeit des journalistischen und literarischen Lebens deplaciert zu wirken wie ein unbeweglicher Block. Es hatte sich auch zuviel Not, heruntergeschlucktea Zorn, Demütigung und Enttäuschung in ihm aufgespeichert. Der Prolet und Atleth unter den Stubenhockern und Bücherwurmern brach los, mit all seiner kolossalen Kraft, gleichgültig, wogegen, und schlug um sich, gleichgültig, wen es traf. Er begann, wilde Pamphlete zu schreiben, zuerst gegen die jüdischen Journalisten, weil sie, wie er meinte, im Konzert der jüdischen Literatur die erste Geige zu spielen wünschten, aber als „Eintagsfliegen" keinen Anspruch darauf haben dürften, dann gegen die verschiedensten wirklichen, oder vermeintlichen Richtungen, wobei er im Eifer, um jeden Preis gerecht zu sein, auch seine besten Freunde und Anhänger nicht schonte, und schließlich gegen die litauischen Juden, deren sprachliche „Trockenheit" ihm wider den Strich ging, woraus er die merkwürdigsten Schlüsse in bezug auf ihre literarische Bedeutung zog. Kurzum, Weißenberg hatte sich verloren, und es war ein Glück, daß er sich in den letzten Jahren noch wiederfinden durfte, in Erzählungen, die ja seine eigentliche Bestimmung darstellten, so daß er, obwohl nur siebenundfünfzig Jahre alt, nun doch nicht im Unfrieden gestorben ist. Trotzdem war auch seine für ihn wie für die anderen so undankbare Rolle eines Zuchtmeisters — eine tragikomische Rolle überdies, da es Hiebe in Massen daneben hagelte — durchaus im Einklang mit seiner Persönlichkeit. Psychologisch, denn bei soviel überschüssiger Kraft kann man nicht schweigen, muß man ausbrechen, und bei solcher Herkunft aus Tiefe und Lebensschwere kann man nicht sich anpassen und sei es an die Flachheit und Leichtigkeit eines Gegners, und mit Kanonen kann man auf Spatzen wohl schießen, aber das Treffen bleibt eine Glückssache, — aber auch literarisch, denn Weißenberg war in seiner ganzen, beträchtlichen dichterischen Veranlagung nicht ein Stück Literatur, sondern der geborene Protest gegen die Literatur, das Gegenteil von Literatur, welche in ihren meisten Vertretern eine Art gelehrten, feinsinnigen Kunstgewerbes bleibt, ein stubenhockerisches Gewerbe mit Worten, gemalt vorgestellten Bildern in Worten und marionettenhaft bewegten Menschen in Worten. Besonders die jüdische Literatur hat etwas davon als ein Erbteil von vielen Genci'ationen von Büchermenschen, denen es verboten war, sich „ein Bildnis zu machen" und wäre es selbst ein Bildnis in Worten. Infolgedessen war der Beginn der jiddischen schönen Literatur, der mit der Blüte des Realismus im übrigen Europa nicht zufällig zusammenfiel, geradezu die Entdeckung der Welt, der Natur als eines Gegenstandes der Anschauung und ästhetischen Gestaltung. Von der Buntheit der Welt waren die Augen der jüdischen Dichter, die eben erst aufgetanen Augen blind oder geblendet. Weißenber'g allein sah die Welt, die Natur nicht wie von dem überraschenden Anblick ihrer Farbenfülle geblendet oder blind, sondern' als hätte er seit Jahrhunderten darin gelebt, mit offenen Augen. Er war Künstler und Dichter von vornherein, er hatte es nicht erst gelernt, sondern er „hatte es", er war Dichter aus Instinkt und sah die Welt als eine Welt des Instinktiven, des Dynamischen und stetig Bewegten, des Gesunden. Wenn c für die meisten anderen jüdischen Autoren charakteristisch ist, daß ihre Figuren schwache Nerven haben, so haben Weißenbergs Personen feste Muskein. Die Tragödie als Lebens- oder Sterbensform hat keinen Raum in Weißenbergs Epik. Das Leben als Prinzip, die Kraft zu leben, die Lust zu schaffen und zu zeugen, atmet in jeder Zeile, obwohl davon nicht ein Wort gepredigt wird, das Leben atmet, in Menschen von schlichter, armer, natürlicher, Wirklichkeit, mit ihren natürlichen Nöten und Freuden und Leidenschaften, wovon die „Intellektuellen" gemeinhin so wenig wissen. Daß Weißenberg, rTer Dichter des Instinkts und der Natur, auch sonst den Volkston und auf die liebenswertesie Art zu trcllen wußte, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Von seinen Geschichten liest sich manche so still und anheimelnd, als hätte man sie noch aus Kindestagen im Ohr, so die Erzählung von dem Juden, der winters unterwegs war und fast erfroren wäre; aber eine Fremde sah ihn, hatte Mitleid, brachte ihn wieder zu sich und nahm ihn mit in ihr Haus, und da blieb er und vergaß seine Jüdischkeit. Später erinnerte sich aber seine jüdische Seele, und er wollte heimkehren und Buße tun. Da bat ihn die Fremde, zu bleiben, und (die folgenden Sätze gehören zu unserem schönsten Besitz): „Als der Jude das hörte, stieg ihm das Blut ins Gesicht, und er senkte die Augen und schwieg. Und sie sah ihn mit einer lieben Wärme in ihren Augen an wie eine Schwester ihren einzigen Bruder und stand still auf und nahm seine Hand und sah ihm in die Augen hinein und wollte fragen, warum er sich schämte. Da spürte sie aber, wie seine Hand in ihrer Hand zitterte, und ließ ihn wieder los, denn sie war von guter Natur und wollte ihn nicht betrüben..." Leo Hirsch r- Dr. Malier sirauss, lern vom -g 570 Seventh Avenue, Te!ef.Lackawanna 4-7030 vormals Rechtsanwalt in Stuttgart, jetzt in amerikanischem Anwaltsbüro seclüs-üosiMowunp Einwanderung, Transfer, Beteiligungen, Versicherungen, Vermögensanlage etc. Durchschniftsdruckauf läge der C-V.-Zeitung für das abgelaufene 3. Vierteljahr 1938 39519 &cemfda^ M. 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