Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 40 (6.10.1938)
- Date
- 1938-10-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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RIGOLETT Jtis ist nicht schwer, dem Zauber des bloßen Musikers, deutlicher gesagt des Melodikers Verdi zu erliegen. Weithin geschieht es, daß sieh das Verständnis (und Mißverständnis!) des vielleicht populärsten aller Großmeister wesentlich in dieser Richtung bewegt. Mehr und mehr tritt uns indes der Dramatiker Verdi in den Blickpunkt, ein Dramatiker, von dem andere nur als textliche Brücken zu Shakespeare schwingen. Man braucht nicht ' erst der unmittelbaren Shakespeare-Begegnung in „Macbeth", „Othello" und „Falstaff" zu gedenken, auch nicht allein der motivischen Anklänge gerade in der Gestalt des Rigoletto — des häßlichen Bösen, der gleich Richard III. die Natur anklagt, der gleich Shylock gut ist nur als Vater —, im Stil dieser Dramatik selbst, in ihrer Lapidarität etwa, spannt sich der verbindende Bogen. Andererseits erscheint die Dramatik gerade dieses mittleren, noch nicht vom Norden her beeinflußten Verdi als durchaus romanisch in ihrer Plastik, in der Schärfe ihrer Konturen, der Kraft und Grellheit ihrer Farben, in ihrer Unmittelbarkeit, die bar ist jeder Hintergründigkeit, sei sie nun psychischen, weltanschaulichen oder historischen Charakters. Objekt der Gestaltung sind allein Leidenschaft und Schicksal. Oberster Sammelpunkt der dramatischen Kraft ist — wieder ausdrücklicher noch hier als beim späten Verdi — die gesungene Melodie.- Ihre Schönheit hebt das Geschehen in die ideale Sphäre der Oper,* ihre Leiden- """Schaft ist der Atem des Dramas. Mit der Erfüllung dieser Synthese steht und fällt eine Verdi-Aufführung. . Unter den Darstellern des Kulturbundes wurde Igo Guttmann als Herzog dieser Forderung in vollem Maße gerecht. Das kräftige Material, mit Können behandelt, spricht in Höhe und Tiefe gleich günstig an. Vor allem ist dieser Tenor einmal ein wirklicher Darsteller, der in Erscheinung und Spiel den Gebieter ebenso wie den leicht entflammten und leicht vergessenen Liebhaber glaubhaft zu machen vermag. Glaubhaft auch die Gilda Mascha Benjakonskis: als ein junges Mädchen, das knospengleich zum erstenmal aus seiner Weltabgeschlossenheit heraustritt, das erfaßt wird von einer ersten Liebe, schwärmerisch und rein, und das aus dieser Liebe ganz schlicht zur letzten Opferbereitschaft gelangt. Der feine, edle Sopran der Sängerin entfaltete sich im Verlauf immer freier und leuchtender. Die Partner sollten stellenweise mehr Anpassungsfähigkeit zeigen, wie überhaupt, besonders im ersten Akt die Aufführung vokal wie instrumental noch einige Grellheiten abzustoßen hat. Walter Olitzki zeichnete die kontrastreichen Linien der Rigoletto-Gestalt und hatte im Wechsel dieser Kontraste, vor allem in dem plötzlichen Aufgestörtsein durch den Fluch, seine stärksten Momente. Die vorbildliehe Artikulation wird zum glänzenden Ausdrucksträger für die Ironie, den Spott des Narren Rigoletto, in der. Tragik des unglücklichen Vaters gleitet sie indes leicht in eine Ueberpointiertheit ab. Ein untersetzter, derber Sparafucile mit tragfähigem Organ: Walter Ries. Ausgezeichnet Else II orwitz als Maddalena, die sich in ihrer Robustheit überaus wirksam gegen Gilda abhebt und doch gleichfalls dem Werben des Verführers erliegt. Gleich einem Komtur aus einer anderen Sphäre in das Hoffest hineinbrechend, der erzene Monterone von Siegfried Urias. Zuverlässig wie immer Gerhard Pechner (als Marullo), dem man gern einmal in einer größeren Rolle begegnen möchte. Stimmlich gut die beiden Cepranos: Morduch Lexandrowitsch und Hilda Lind, eine treffsichere Charakterstudie die . Giovanna Toni Goldschlags. Richard Dresdner als Borsa, Georg K a t z und Hedi S i e g m a n n rundeten den Kreis der Darstellenden. Rudolf Schwarz leitete umsichtig Bühne und Orchester im wirkungsvollen Wechsel von Brio und Kantilene. Die Chöre hatte Berthpld Sander wieder mit Liebe einstudiert. Die Regie Kurt Singers folgt in schlichten Unterst reichungen den Kontrasten der einzelnen Szenen, stets in engster Anlehnung an die musikalischen Stimmungsflächen; so erfaßt sie z. B. im ersten Bild das Auftreten Rigolettos und den Fluch Monterones als scharf auszuprägende Wendepunkte. Heinz Condell taucht die Räume des Herzogs in kostbar schwere Farben, baut im. Schlußbild eine gespenstisch fahle Szenerie (nur die Zypressen vielleicht etwas zu kompakt, zu stilisiert). Es gab reichlich Beifall auf offener Szene und am Schluß einen kräftigen Erfolg. R. Freyhan In einer Verdi-Matinee des Berliner Kulturbundes ließ Dr. Anneliese Landau in fesselnden Einzelzügen ein lebensvolles Bild des Menschen und eine wesentliche Skizze des Künstlers erstehen. Paula S a 1 o - m o n(-Lindberg) gab mit der Eboli-Arie wieder ein Beispiel wahrhaft ausgereifter Gesangskunst, bei der Technik und Gestaltung miteinander im Einklang sind. Käthe G u t h - mann-Kallmann bestätigte die Qualität und Tragweite ihres Organs in den Außenlagen; die Mittellage bedarf der Lockerung. Siegfried Urias bot mit Jagos „Credo" eine prachtvoll geschlossene Leistung, und Igo Guttmannverstärkte noch den günstigen Eindruck seines Debüts in der „Rigoletto"- Prerniere; er sang „Othellos Tod" mit ergreifender Innerlichkeit (auch im Dacapo, zu dem ihn der Beifall nötigte). Auch der Opernchor des Kulturbunds — unter Berthold S ander — übertraf mit einem Chor aus „Rigoletto" noch seine Leistung in der Premiere und zeigte in dem berühmten He- "bräerchor aus „Nabuceo" ein schönes Cantabile. Mascha B e n j ak onsk i, Else Hörw i fcz, Exnö G ar ay und Walter Olitzki gaben mit dem berühmten „Rigoletto"- Quartett der Matinee einen überaus glanzvollen Abschluß. H. Fr. * „R i g o 1 e 11 o" soll im November in Form einer . Sonderveranstaltung in i t a 1 i e n i s c h e r S p r a c h e zur Aufführung kommen. Die Hauptrollen sind besetzt mit den Damen Atlasz. Benjakonski, Horwifz- Jansen, Kayem, Lind, Siegmaim und den IIc"ren Igo Guttmann, Wilhelm Guttmann, Olitzki, Dresdner, Katz. Krotoschinsky, L-exandrowitsch, Pechner, Rieß und Urias. Die Gastspieloper der Künstlerhilfe hat für die Kulturbünde im Reich zwei Einakter einstudiert, deren Premiere in der Aula der Schule Kaiserstraße in Berlin stattfand. Trotz der winzigen Bühne und des sich aus zwei Flügeln zusammensetzenden Orchesters war es — dank der Hingabe der Mitwirkenden — doch ein richtiger netter Opernabend. Man spielte Offenbachs „Mädchen von Elizondo" und Suppes „Schöne Galathee", zwei Werke voll Spritzigkeit .und guter Laune, die keinen Augenblick Langeweile aufkommen lassen. Das „Orchester" — Werner Fabian, der auch für die musikalische Einstudierung zeichnete, und Werner B a e r — sorgte für Tempo und federnde Rhythmik. Oben auf den Brettern fiel vor allem Kurt Rahmer auf — gleichzeitig Regisseur und geschickter Bühnenbildner —, der seinem Vertigo und vor allem seinem Midas einen überaus gelungenen Stich ins Groteske gab und, wie uns schien, seine bisherigen Leistungen durchaus in den Schatten stellte, von ihm ging — in beiden Stücken — der stärkste darstellerische Elan aus. Trude M i r a u e r glaubt man lieber noch als die spröde Manuelita den kessen Stift Ganymed; sie macht das ganz reizend und fühlt sich vor allem in den Chansons zu Hause; hier sollte man ihr allerdings die überaus geschmacklose Zusatzstrophe streichen, die es wagt, Modalitäten unseres jüdischen Gegenwartschicksais in Schlagernianier zu besingen! Fritz Engel — Miguel, Pygmalion — gewinnt vor allem durch sein edles Material, während Edith Bock stimmlich noch sehr viel zu arbeiten hat, um der Galathee gesanglich ebenso gerecht zu werden, wie sie das in ihrer Erscheinung tut. Ein kleiner Chor der Privaten Jüdischen Musikschule Holländer rundete den Mitwirkendenkreis dieses hübschen Abends, de»* eine sehr herzliche Aufnahme fand. H. Freyhan. Der Berliner Kulturbund wirbt In einer großen Werbeveranstaltung in der Synagoge Oranienburger Straße sprachen Direktor Heinrich Stahl, der die «Notwendigkeit unserer Kulturarbeit besonders in der allgemeinen Auflösung betonte, Intendant Dr. Kurt Singer, der eine Art Bilanz über die geleistete Arbeit zog und die schwierige wirtschaftliche Situation des Kulturhundes hervorhob, und Rabb. Dr. Max Nußbaum. Indes, bei aller Ueberzeugungsstärke der Reden und später vom einzelnen Kulturbundwerber zum einzelnen Geladenen: die Veranstalter waren