Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 39 (29.9.1938)
- Date
- 1938-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XVII. Jahrg. / Nr. 39 Berlin, 29. September 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDEN TUNS Geschäftsstelle (Verlag, Redaktion, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141—45. Tel«gr. Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag 77218, Zürich VIU. 26363 Bankkonto: A. E. Wassermann, Berlin W 8. Die C. - V. - Zeitung erscheint -wöchentlich am Donnerstag. Redakticnsschltiß: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Znsteilung erfolgt durch di« Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 RpL (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzüglich 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM (umgerechnet in die I andeswährung) einschlieSlich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 6 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20 RpL für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf-, weitere ermäßigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluß: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit Stand der Wanderungspolitik / Der Hope Simpson-Bericht und das Ergebnis von Evian / Von Dr. Paul Eppstein Unter den Denkschriften, die für die Konferenz in Evian vorbereitet worden sind, nimmt der Hope Simpson-Bericht*) eine besondere Stellung ein. In diesem Bericht wird der Versuch unternommen, das gesamte Problem der Flüchtlingenach dem Kriege systematisch zu untersuchen und in Zusammenhang mit der Wanderungsplanung zu stellen. Der Bericht zerfällt in vier Teile. Im ersten Teil werden die historischen und politischen Gesichtspunkte dargelegt, die zur Entstehung des Flüchtlingsproblems in der Nachkriegszeit in Griechenland, Bulgarien, Armenien, in der Türkei und im Irak, in Rußland, Italien, Deutschland, Spanien und Portugal geführt haben. Es wird an Hand statistischen Materials gezeigt, in welchem Umfang Personen in anderen Ländern Zuflucht gesucht haben, nachdem ihr Aufenthalt in den bisherigen Wohnländern infolge politischer Veränderungen unmöglich geworden war. Da der freien Wanderung Grenzen gesetzt sind, konnte der zum Verlassen der Wohnländer entschlossene oder gezwungene Bevölkerungsanteil nicht in dünner besiedelten Räumen aufgenommen werden. Vielmehr entstand eine Häufung solcher Flüchtlinge in den ihnen zunächst und schnell zugänglichen Gebieten. Diese Häufung ließ ein fürsorgerisches Problem so erheblichen Ausmaßes entstehen, daß übeT die Hilfstätigkeit privater Organisationen hinaus öffentliche Hilfe und zwischenstaatliche Abkommen zur Einordnung dieser Personen notwendig waren. Ueber diese Maßnahmen der Flüchtlingshilfe wird in dem zweiten Teil berichtet, namentlich über die Tätigkeit des Nansen-Amtes, des Völkerbundes, des Internationalen Arbeitsamtes, wobei die Erfahrung betont wird, daß diese Hilfstätigkeit ebenso wie jede künftige zwischenstaatliche Initiative auf diesem Gebiet unpolitisch sein muß. Die gesetzlichen Grundlagen für das in den einzelnen Ländern geltende oder geschaffene Fremdenrecht, für die Aus- und Einbürgerung, für den Aufenthalt von Staatenlosen, für die Einführung besonderer Identitätspapiere werden im dritten Teil behandelt. Die Folgerungen aus den bisherigen Erfahrungen, besonders aber Vorschläge für die künftige Vermeidung der Entstehung eines neuen Flüchtlingsproblems, auch unter Berücksichtigung des tatsächlich vorhandenen Auswanderungsdranges, gelangen im vierten Teil zur Darstellung. Von den drei Lösungsmöglichkeiten der Rückwanderung, der planmäßigen Ver- *) Sir John Hope Simpson. Refugees, preliminary Report of a Survey, issued under the auspice.s o!' the Royal Institute of International Affairs, London. Juli 1938. teilung und endgültigen Aufnahme in den in Betracht kommenden Ländern und der Kolonisation wird der zweiten in Form der Infiltration das Hauptgewicht beigemessen. Die Rückwanderung spielt praktisch so gut wie keine Rolle. Der Kolonisation, auch in der Form der Gruppensiedlung, stehen erhebliche Bedenken entgegen. Einmal sind den Kolonisationsländern fremde Minderheiten in geschlossenen Siedlungen kaum erwünscht. Solche Siedlungen können aber auch nur mit geeigneten oder ausreichend ausgebildeten Siedlern Erfolg verspre-hen. Dabei erfordert die Ansiedlung eine so lange Zeit und so erhebliche Kapitalien, daß sie lediglich für einen beschränkten Kreis von Personen in Betracht kommen kann. Aus diesen Gründen wird der Einzelwanderung mit endgültiger Einordnung im Einwanderungsland die größere Bedeutung zuerkannt, vor allem dann, wenn eine Lenkung dieser Wanderung im Einvernehmen mit den beteiligten Staaten gewährleistet wird. In dem Bericht wird zwar zwischen dem gegenwärtigen und einem künftigen Flüchtlingsproblem unterschieden, aber mit Recht darauf hingewiesen, daß das Flüchtlingsproblem im Grunde ein Wanderungsproblem ist und daß daher nur die Ermöglichung einer planmäßig organisierten Auswanderung bzw. Einordnung die Entstehung eines Flüchtlingsproblems auszuschließen vermag. Der Feiertage wegen erscheint die dieswöchige Ausgabe der C.-V.-Zeitung in vermindertem Umfange in der Nr. 40 vom 6. Oktober bringen wir u. a.: Interview mit Adolfo Hirsch, Buenos Aires Theaterberichte aus dem Reich Neubau des Lebens mit Berichten unserer Mitarbeiter aus Australien und Palästina sowie die Beilagen: Wirtschaft der Woche — Palästina- Umschau - Die Wanderung—Sportblatt Unter diesem Gesichtspunkt wird in dem Bericht die Frage der Auswanderung der Juden aus Deutschland behandelt. Nach einer Darstellung der Struktur der jüdischen Bevölkerung in Deutschland wird gezeigt, wie nach einer Flüchtlingswelle im Jahre 1933 die jüdischen Organisationen eine planmäßige Auswanderung in die Wege geleitet haben. Diese Lenkung der Auswanderung und ihr bisheriges Ergebnis, wonach mehr als ein Viertel der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung in Deutschland ausgewandert ist, gewinnt um so mehr an Bedeutung, als das jüdische Flüchtlingsproblem von 1933 trotz aller Bemühungen und Aufwendungen heute noch nicht als vollständig gelöst gelten kann. Es kommt allerdings hinzu, daß gelegentlich in Erscheinung getretene Versuche einer ungeregelten Auswanderung, wie sie etwa vor der Organisation der jüdischen Auswanderung aus Oesterreich unternommen worden sind, ein neues Flüchtlingsproblem entstehen ließen, auf das die europäischen Länder durch Visumzwang, durch Grenzsperren und sogar durch Rücktransport ungesetzlicher Einwanderer reagieren. Von innen und von außen wird daher versucht, die außerordentlichen Schwierigkeiten zu vermeiden, die die unbesonnene Flucht von Einzelnen, oder sogar von. Gruppen .von Familien heraufbeschwören: durch die Konzentration aller Kräfte auf eine geregelte Auswanderurig und durch die Verhinderung einer ungeregelten Einwanderung. Für diese Regelung wird in dem Bericht Palästina als Einwanderungsland eine erhebliche Bedeutung beigemessen. Zwar gestattet die Einwanderungsbeschränkung durch Zugrundelegung des „political high Vorarbeiten des RiiMee-Büros Die allgemeine politische Lage wirkt sich nach wie vor hemmend auf den Beginn der Verhandlungen aus, die Mr. Rublee plant, wie auch aus Aeußerungen hervorgeht, die er vor einigen Tagen einer Kommission der Aguda . unter Führung von Jacob Rosenheim und A. H. Godmann abgegeben hat. Um die Zwischenezit auszunutzen, bemüht man sich in London in Verhandlungen mit den Ueberseeländern Siedlungsraum für jüdische Einwanderung zu ermitteln. Der erste Mitarbeiter von Rublee, Robert Pell, hat erklärt, er hoffe mit Bestimmtheit, daß das Ziel des Komitees verwirklicht werden könne, wonach jährlich 100 000 Flüchtlinge unterzubringen seien. Auf der anderen Seite stehen die das Kapitalproblem berührenden Fragen im Mittelpunkt der persönlichen Vorbereitungen von George Rublee. Zur Erleichterung etwaiger Verhandlungen beabsichtigt Rublee jedoch, wie man hört, nicht, irgend einen präzisierten Plan vorzulegen. Sir Herlbert fhnerson Oer neue Leiter des Einheitlichen Flüchtlingsiuntes beim Völkerbund Am 23. September hat die Völkerbundsversammlung in Genf beschlossen, Sir Herbert Emerson, den früheren Gouverneur von Puna (Bombay), zum Hohen Flüchtlingskommissar für die Zeit von fünf Jahren, d. h. bis zum 31. Dezember 1944, zu ernennen, mit dem besonderen Auftrag, den Kontakt mit dem zwischenstaatlichen Ausschuß in London (Evian-Komitee unter Leitung von Rublee) aufrecht zu erhalten. Er soll berechtigt sein, seinerseits ' eigene Vertreter bei denjenigen Regierungen zu ernennen, aus deren Ländern das Hauptkontingent der sog. Flüchtlingsauswanderung kommt, sofern diese Regierungen mit der Bestellung solcher Vertreter einverstanden sind. Die Wahl Sir Herbert Emersons ist wohl darauf zurückzuführen, daß nach der Zusammenlegung von Nansen - Amt und Amt des Hohen Flüchtlingskommissars, deren bisherige Leiter, Sir Neill Malcolm und Michael Hansson, beide für das neue Amt nicht mehr kandidierten. Dem Beschuß, das Nansen-Amt und das Hochkommissariat für die Flüchtlinge aus Deutschland zu verbinden, gingen, wie wir bereits berichteten, sehr lebhafte Unterhaltungen voraus. Im Prinzip war man allgemein für die Zusammenlegung. Schwierigkeiten machte lediglich die Regelung der Frage, der sog. „bevorrechtigten" Flüchtlinge, die dem Hochkommissariat unterstünden, und die finanziell besser gestellt seien als die lediglich vom Nansen-Amt betreuten — vor allem russischen — Flüchtlinge. Demgegenüber hatte Sir Neill Malcolm dargelegt, daß es nach seiner Ueberzeugung in erster Linie auf die verständnisvolle politische und menschliche Führung der Geschäfte ankomme und weniger auf die finanziellen Möglichkeiten. Auch die Fonds der privaten Stelle, die bisher für das Hochkommissariat zur Verfügung gestanden hätten, seien ziemlich erschöpft. Nachdem es nun zur generellen Verständigung gekommen ist, wurde auch die finanzielle Frage dahingehend beantwortet, daß Emerson sowohl .mit dem Nansen- Fonds als auch mit den Zuschüssen einiger Regierungen, wie mit den Mitteln von privaten Hilfsorganisationen arbeiten solle; hierbei sollen jedoch die Mittel unterschiedslos für alle in Betracht kommenden Flüchtlinge verwendet werden, gleichgültig, zu welcher der bisher bestehenden Kategorien sie gehört hätten. In Kreisen des Rublee-Büros wird die Entscheidung in Genf begrüßt. Es ist zu erwarten, daß Herr Rublee und Herr Emerson sich in ständiger Fühlung miteinander halten werden. Die Frist A. H. Die feierlichen Tage unseres Jahresbeginns haben die Sorgen nicht gemindert, die auf unserem Dasein lasten. Aber sie lassen sie uns im anderen Lichte sehen. Es geht in diesem Abschnitt unseres relegiösen Jahres nicht, wie sonst meist, um die kleinen Dinge des Daseins, sondern um unser Dasein selbst als Juden. Aber es gibt kein noch so trübes Dahinleben, daß es uns gestattet wäre, uns als Juden daraus zu lösen. Von uns wird Mut zum Leben und nicht zum Sterben verlangt. Um die Erkenntnis dieses Lebens sollen wir uns in den Tagen bis zum Jom Kippur bemühen, die wir die Bußtage nennen. In dieser Frist kann sich die Wendung nach innen, die am Rosch Haschana begonnen, vertiefen. In uns selbst und nur in uns ruhen die Kräfte und Mittel, die uns lebenswert für die Welt unserer Glaubensvorstellung machen. Es ist da keine Flucht aus der Verantwortung möglich und kein Abschieben auf die Außenwelt. Wer die gestörte Harmonie wieder herstellen will, muß bei sich anfangen. Der Weg, der durch den dunklen Gang der Bußtage führt, um in den entscheidenden Jom Kippur zu münden, ist sehr kurz. Man muß ihn Schritt für Schritt durchmessen.. Es ist gleichgültig, ob man solche Vorstellungen nach dem Wortlaut der Religionsbestimmungen über sie auffaßt oder ob man in ihnen nur Symbole erblickt. Wichtig ist, daß die Seele daraus die Kraft schöpft, um in den Menschen den Willen zum Leben neu zu entfachen. level" nicht, die Fassungskraft des Landes, dessen Entwicklung durch die jüdische Einwanderung besonders gewürdigt wird, im Augenblick voll auszunutzen. Der Bericht erkennt aber an, daß Palästina als ein herausgehobenes Ziel ihrer Wanderung anzusehen ist, wenn nur auch dem bisherigen Erfolg der jüdischen Kolonisation in Palästina die künftige Aufnahmefähigkeit des Landes zu entsprechen vermöchte. Für eine Lösung des Flüchtlingsproblems, und zwar nicht nur des bisherigen, vielmehr auch des künftig möglichen, unterstreicht der Bericht die Notwendigkeit der Durchführung eines großzügigen Auswanderungsplanes. Eine Untersuchung der Lage der Juden im deutschen Reichsgebiet und im Osten Europas führt zu der Feststellung, daß trotz ähnlicher Antriebe zur Auswanderung schon im Umfang der jüdischen Bevölkerungszahl so wesentliche Unterschiede bestehen, daß die Auswanderung des größtmöglichen Teils der etwa halben Million Juden im mitteleuropäischen Raum als vordringlich und bei einer zwischenstaatlichen Zusammenarbeit im Hinblick auf die räumliche Verteilung, die zeitliche Durchführung, berufliche Vorbereitung und die finanzielle Unterstützung der Auswanderung als lösbar angesehen wird, auch angesichts der Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus. Das augenblickliche Bedürfnis — so wird in dem Bericht ausgeführt — ist, zu verhindern, daß eine künftige Wanderungsbewegung der Juden sich in der Form der Flucht vollzieht. Die Geschichte des Flüchtlingsproblems zeigt, daß Wanderungen, die ohne Plan und Vorbereitung erfolgt sind, nicht zur Einordnung, sondern immer wieder zu erneuten Wanderungen führen. Als eine vorläufige Maßnahme wird es vielleicht notwendig sein, so hart dies auch sein mag, die Grenzen zu schließen. Selbstverständlich darf es nicht bei solchen vorläufigen Maßnahmen, die lediglich zur Vermeidung der Entstehung eines neuen Flüchtlingsproblems dienen können, bleiben. Denn sie erschweren natürlich außerordentlich die Lage der zur Auswanderung bereiten Personen. Sie müssen