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Central-Verein-Zeitung · 1938-09-22 · 38 (22.9.1938) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 38 » 22. September 1938 C.-V.-Zeitung 4. Beiblatt * Seite 15 DER JUDISCHE ERZÄHLER Das Wunder von Delphi Von Alfred Mayer, mit Zeichnungen von Horst Moratz Begleitbrief an die Redaktion ....... Sie bringen mich in Verlegenheit. Denn ich weiß nicht, ob die Geschichte, die ich Ihnen schicke und die „Das Wunder von Delphi" heißt, eine Feiertagsgeschichte ist, mit der Sie auch etwas anfangen können. Diese Geschichte hat vor allem das Unglück, über den Umfang hinauszugehen, den Sie dafür vorgesehen haben. Und hier haben Sie schon die erste Sünde, die der begeht, der einen Autor zwingt, etwas Bestimmtes zu einem bestimmten Zeitpunkt zu schreiben. Gewiß: es gibt auch eine Art literarisches Training, das dazu führt, daß der Autor zu feder Tag- und Nachtstunde nach Belieben Erzählungen von sich geben kann. Sie werden dann auch zumeist danach. Aber als ich mich daran setzte, dieses „Wunder von Delphi", das ein Torso war, auf Ihre Einladung weiterzuschreiben, konnte und mochte ich nicht berechnen, wieviel Zeilen dazu nötig waren, um das zu sagen, was darin gesagt werden sollte. Eine Erzählung wächst und rundet sich unter den Händen und braucht, wie ein gut ausgetragenes Kind das Gewicht, das sie lebensfähig macht. So mag auch dieses Kind etwas schwer geraten sein. Es ist nicht meine Schuld. Die zvJeite Sünde, nicht minder schwer, besteht darin, die Gedanken des Verfassers auf ein Thema zu lenken, das ihm nicht liegt. Denn nur die wenigsten werden cor der Verführung, die darin liegt, mitzutun, den Mut besitzen, zuzu- In der sechsten Stunde des' Morgens warfen die Schiffe Anker. Das Wasser des Golfs war in der durchsichtigen Luft des Herbst-; morgens; von tiefer Bläue und so klar, daß Berge und Täler3 Pflanzen und Tiere sich darin zeigten wie ir einer breiten und flachen Schale. Es war völlig ruhig. Die Berge lagen mit den Hängen noch in den Schatten der Nacht, zur linken breit gelagert der Pindus, durch das Tal getrennt von den Vorbergen des Parnass, dahinter aufsteigend Urgebirge, das seine Form nur ahnen ließ, von schwachem Nebel verhüllt. Als die Anker in das Meer rasselten, ließ Thomas von Stromoncourt, Herr von Lokris, das Spiel rühren. Trommeln, Herner und lauter Ruf grüßten das neue Lehen. Das Verdeck der Schiffe stand voll der Ritter, der Schildknappen, der speertragenden Knechte und des Trosses, die auf. das Land starrten, das ihnen verheißen war. Die Ritter trugen das Kreuz, als ob es den Kampf um das Grab des Herrn gelte, obwohl das viele tausend Meilen jenseits des Meeres lag und, in den Händen der Sarazenen war. Aber Knecht und Knappe, Mitläufer und großer Haufen wußten nichts von Kreuzesfahrt. Sie schrien nach Land und Lehen und hier war beides in Ueberfluß. Ihm, Herrn Thomas von Stromoncourt, der in dieser frühen Morgenstunde des 24. September des Jahres 1204 vor Itea vor Anker lag, ihm, dessen Banner den Greifen zwischen zwei silbernen Balken zeigte, ihm war dies Land Lokris zugefallen mit allen Wäldern, Tälern, Bergen, fischreichen Gewässern und der festen Stadt Salona, die er, stürmischer Bräutigam, mit gewappneter Hand zu w.erben heranzog. Er blickte hinüber auf das Land, auf dem sich nichts regte. Er konnte ein paar Häuser erkennen, die leer und ausgeraubt schienen eine kleine Kirche, deren Kuppeldach halb eingefallen war, kein Mensch, der sich blicken ließ, kein Hähnenschrei, kein Hundebeilen, tote Erde. „Ein erbauliches Stück .Erdreich", lachte er zu Herrn Gauitier, Baron von St. Omer. „Viel Stein, viel Hitze und viel Durst", lachte der zurück. „Gegen Stein und Hitze ist kein Kraut gewachsen" — Herr Thomas -zuckte die Achseln — „gegen den Durst.werden wir uns zu wehren wissen. Es wächst viel dunkler Wein auf unsrer neuen Erde/' „Wein, wie Blut so rot", summte Herr Gilles de Maizy vor sich hin. „Wer übernimmt die Vorhut, Herr Thomas?" gestehen, daß sie im Grunde zu dem Thema nichts zu sagen haben, und überlassen es dem Leser, diese Feststellung zu treffen. Ob ich dieser Gefahr entgangen bin, mögen Sie beurteilen. Ich kann es nicht. Demgegenüber steht aber der große Vorteil einer Aufforderung, indem sie auch den Faulsten anspornt, so wie es bei mir der Fall ist, ihn zwingt, Stoffe, die er einmal in Angriff genommen hat, zur Durchführung zu bringen. Das „Wunder von Delphi" ist aus einer Notiz des Benjamin von Tudela entstanden, der berichtet, daß am Hang des Parnass in dem Dorfe Krisso gegen Ende des 12. Jahrhunderts eine Gemeinde von zweihundert ackerbautreibenden Juden gelebt habe, und der sogar die Namen ihrer Rabbinen nennt. So entstand die erste Vision des Dorfes und seiner Bewohner. Die Atmosphäre des Kreuzfahrerheers vermittelte mir Gregorovius, und selbst der Mönch Michael verdankt einer historischen Tatsache seine Auferstehung. Die Landschaft aber wurde mir aus Bildern und Schilderungen aller Art lebendig, so lebendig, daß ich ihren Atem spüre und weiß, sie kann nicht anders sein, als ich sie '' vor mir sehe. Brachte mir so Phantasie und Studium den Hintergrund, so gab mir Ihre Aufforderung den entscheidenden Antrieb für die Handlung. Und so haben Sie dieses Kind mit mir erschaffen und haben das Recht und die Pflicht, Lob und Tadel mit mir zu teilen. „Herr Peter von Courtenay." — Der von Courtenay schrak aus seinen Träumen auf. „Herr Peter", hörte er den Herrn von Lokris sagen, „ihr reitet mit hundert Knechten voran. Wir folgen euch im Abstand eines halben Tages.", Herr Peter von Courtenay hatte die Sturmhaube abgenommen. - Er, »wargroß und schlank. „Ich reite euch voran, Herr Thomas von Lokris", sägte er. „Ich will euer Land als erster sehen. Gebe Gott, daß es gut und fruchtbar sei." Ein Trompetenstoß tönte über die Bucht und verhallte in den Bergen. Die Ankerketten schwiegen. Die Banner wurden entrollt. Das erste der Boote, das den Herrn von Lokris selbst trug, stieß knirschend an den Strand. zwischen den Trommeln der Säulen der Schatzhäuser, die nun zerfallen sind. Noch ist unter Gras und Blattwerk der bunte Boden zu ahnen, noch liegt halb verborgen im Geröll eines Götterbildes Arm. Aber der Gott ist gewichen. An die Stelle des Heiligtums einer alten Welt ist die Strenge der Klause des Täufers getreten, an die Stelle der Priester mit der weißen Binde um das Haupt trat der ernste Mönch Michael vom Berge Athos, der seit Jahrzehnten dieser Stätte Einsamkeit verwaltet. Auf der Stufe von Krisso aber, auf die sein Blick fällt, wenn er aus seiner Klause tritt, breiten sich Hütten, sein Auge sieht auf bebaute Felder, sein Ohr hört in der Ferne fremde Gesänge und an stillen Abenden den Klang von Flöten und Zvmbeln. In Krisso lebt seit einem Jahrhundert, in sich abgeschieden, eine kleine Gemeinde von Juden. Niemand weiß, woher sie gekommen ist, mag sein, daß das Meer sie von fremdem Strand angespült hat und daß sie hier seßhaft geblieben ist. Zuweilen nur kommt zu ihr ein einsamer Wanderer oder auch ein Handelsmann mit beladenem Wagen, der Kunde von der Welt und ihren Warren bringt. Zu dem Mönch Michael dringt all dies nur als Bild und ferner Laut. Er waltet allein mit seinem Gott zwischen den fremden toten Göttern dieses Landes, in Ehrfurcht gegrüßt von den Hirten, die nicht seines Volkes sind und die ihm Milch und Käse bringen, wenn sie ihre Schafe von Krisso her die Hänge hinauf weiden lassen. Auf der Straße, die von Itea durch den Olivenwald führte, glänzten die Rüstungen der Herren in der Sonne. Anders als in Frankreich wuchs hier der Oclbaum. Zur breiten Kuppel wurde hier das Geäst, silbrigen Glanz führten die Blätter, der weiße Boden, von dem der Staub hochstob, Avänderte mit ihnen, das Licht, lebendig und bewegt, war mit ihnen -in Bewegung. Herr Peter von Cöurtenay ritt'7 in voller Rüstung, seine Helmzier leuchtete und blitzte in der Sonne, neben ihm die Herren von Maizy und von Varonne, die schweren Sturmkappen auf dem Rücken. Wo die äußerste Spitze des Felsens den Blick in das Tal freigab, lag seit dem frühen Morgen Joas der Hirt und mit ihm fünf Knaben des Dorfes Krisso. Es war ^B^Ä * ^ÄH^ In drei Stufen steigt der Berg Parnass aus der Ebene empor. "Zuunterst über dem Tal wölbt sich die Fläche von Krisso, hinauf steigt es von da gegen Delphi, dahinter in gewaltiger Einsamkeit ragen schroffe Felsen in pfadloser Größe zu unbekannten Höhen. Wenn im Winter der Sturm von den Bergen tost, wenn vor den Hirten Gipfeischnee aufstrahlt, wenn der Schrei eines verirrten Lamms zu Tal dringt und verstummt, dann wissen die Hirten, daß die alten Götter, die in djn Bergen hausen, ihr Opfer fordern. Wenn im glühenden Sommer aus der Schlucht zwischen den Felsen Kühlung über das durstende Land zieht,, dann lächelt der Hirt den Geistern zu, die sie bringen und segnet den Quell, der auf der Stufe von Delphi quillt, zwischen altem Gemäßer, in dem die Eidechse sich sonnt, unter dem Zeichen des Griechischen. Kreuzes., Denn neben dem Quell, der seit tausend Jahren den Namen Kastalia führt, erhebt sich nun. Sankt Johannes dem Täufer geweiht, eine kleine Kapelle. Schmucklos und roh gezimmert steht sie zwischen den riesigen Trümmern der Marmortempel, sehr still um sie. Sie hörten nur das Summen der Bienen, die von den Stöcken des Rabbi Gedaljah ausschwirrten. .Die Luft duftete von Blumen, die Gräser zitterten leise. Sie hatten die große Staubwolke von dem Golf her sich nahen sehen. Sie sahen, wie sie sich her anschob, wie sie den Rand des Waldes erreichte, wie sie sich in das Grün der Blätter einfraß, sahen das Leuchten der Speere und der Helme und dazwischen die flatternden Wimpel. Als sie erkannten, daß der Zug durch das Tal zu ihnen herankam, schickten sie einen ins Dorf zurück. Es war an dem Tag vor Jom Kippur. In den Häusern bereiteten die Frauen das Essen, das Vieh war zusammengetrieben, die Männer ständen vor den Hütten. Die Felder lagen verlassen. Der Knabe, der in das Haus des Aeltesten lief, fand ihn, Rabbi Isaak mit Rabbi Gedaljah im Disput. Von weitem schon hörte er ihre Stimmen. Rabbi, rief er, und seine Stimme überschlug sich, Rabbi, kommt schnell. Sie kommen das Tal herauf, viele hir.f'ert Männer in Waffen. Sie komm 211 auf uns zu. Das ganze Tal ist voll von Männern. Wer kommt, was kommt, rief Rabbi Isaak. Sie kommen mit Helmen und Spießen, rief der Knabe, kommt schnell. Es sind noch nie so viele gewesen. Die Dorfstraße, eben noch leer, war im Augenblick aufgestört wie ein Bienenschwarm. Die Frauen waren von der Arbeit herausgelaufen, die Männer riefen •durcheinanderj die Kinder schrien. Ruhe — rief einer, und andere riefen es ihm nach. Ruhe, wir werden sehen, was es ist. Geht an eure Arbeit, befahl Rabbi Isaak, wir werden nachsehen. Gedenkt des morgigen Tages und seid ohne Sorge! Und folgte dem Jungen und schritt, indes der Knabe voranlief über die Felder und durch die Wiesen zu dem Felsen, mit ihm drei Männer, während die übrigen zurückblieben und ihnen nachsahen. Der Staub breitete sich als grauer Schleier über den Olivenwald. Die Reiter begannen die Hitze zu spüren. Die Wipfel der Bäume verdeckten ihnen die Sicht m die Ferne. Singen wir uns eins, rief Herr Peter von Courtenay. Ein frommes Lied? fragte der von Maizy, aber der von Varonne unterbrach ihn: Ein Schelmenlied, daß der Zauber schwindet, der auf diesem verfluchten Wald liegt: In taberna quando sumus — Die Herren lachten und sangen aus voller Kehle, und von den Knechten der eine und der andere, und wer der WTorte nicht mächtig war, kannte wenigstens die Melodie und den Kehrreim schrien sie in den Wald hinein. Die drei Männer sahen von dem Felsen m das Tal hinab. Sie schwiegen und gingen langsam in das Dorf zurück. Rabbi Isaaks Augen .wanderten über das Land. Er sah die Hütten, die Eltern und Großeitern gebaut hatten, sah, wie sie sich zu den Feldern hin dehnten, die ihnen hundert Jahre Heimat waren — hundert Jahre, eine lange Spanne Zeit den Ruhelosen. Er wußte, daß der Tag der neuen Wanderung da war, der immer gefürchtete, der einmal kommen mußte, und den er gehofft hatte, nicht mehr erleben zu müssen. Wohin? Wohin in dieser Welt, die ihnen nicht gehörte? Sein Blick lief in die Ferne. Er sah noch einmal über das Tal hin, durch das der Tod anritt. Ich will, dachte er, lieber den Tod erleiden, als... Aber nun drängten sie sich um ihn, die Frauen, die er als Kinder auf den Knien getragen hatte, die Männer, die Rat bei ihm suchten, die Knaben, die nach seinen Augen blickten, es schrie um ihn, es bestürmte ihn, die Stimmen schlugen auf ihn ein. Und das Vieh blökte ängstlich in den Ställen. Gott, schrie er, mein Gott, gib mir Stärke, verlaß mich nicht in dieser einen

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