Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 C-V.-Zeitung Nr. 38 * 22. September 1938 Verteidigung der Narrheit Von Werner Bukofzer Wir alle haben, mehr als uns lieb ist, mit uns selbst zu tan. Das bittre Muß, sein Leben zu fristen, verschlingt den Tag, die Tage, mitunter halbe oder ganze Nächte. Viele befinden sich im Aufbruch, ihr Geist beschäftigt sich vorwegnehmend fast nur noch mit dem neuen Leben im neuen Land. In diesem Drange kann es geschehen, daß man selbst gute Freunde Monate hindurch nicht sieht, kaum etwas von ihnen hört, bis man eines Tages vor die Tatsache ihrer Auswanderung gestellt ist. Es bröckelt alles, traumlos rollt das Leben ab. Traumlos. Stählernes Säkulum! Die gezwungen sind, so zu leben, immer auf dem Sprung, die Zelte abzubrechen, nehmen an den die Gesamtheit bewegenden Problemen weniger und weniger teil. Geschweige denn an der Kunst; sie vor allem ist das Stiefkind. Sie war es immer. Was ist sie ihnen — was ist ihnen Hekuba?! Oder der Frühling oder der Sommer — was sind sie ihnen noch? Sie denken schon „weiter" (was sie weiterdenken nennen!), das nackte Leben will bedacht sein. Die Kardinalfrage — begreiflich genug — lautet: bekomme ich mein Affidavit (oder mein Visum oder mein Permit), ALICE GLASER Enjros — en detail — Berlin W 62. Kurfürsienstr. 99 a (Zoo) Tel. 24 51 24. QuaIitäts - Strümpfe, Socken, Damenwäsche. und was werde ich drüben beginnen?? Die Hinüberrettung der Existenz, Sein oder Nichtsein! Mögen die Glyzinien blühn in violettem, in glockigem, in liebendem Geranke;.. oder der Faulbaum, duftschwer, oder der Rotdorn oder der Flieder ... was g^ehn sie dich an, du siehst sie schon nicht mehr, du bist schon weit weg, auf härteren, auf notwendigeren Wegen schon — — ach, was für Wege sind das und welche Notwendigkeiten: wo die Landschaften versinken, wo Zahlen wachsen statt Glyzinien, Asphalt dominiert, Tempo, busineß, wo kein Trosthimmel über den Avenues, kein Weg zuden Müttern, traumlos, traumlos, dies steht dir bevor. Und was bittrer ist: nur diesen Traum, den kurzgeratenen, träumt dein allzu irdisches Hirn, das also ist es, was du für das Leben hältst, ein Surrogat; und nur der Moralist wäre versucht, gegen diese Realien anzugehn und damit gegen den Mehrheitstyp. Aber feststellen darf man es wohl und eine Frage daran knüpfen: die dies nicht mehr sehen, die wegträumen von jedem Traum, weg vom Frühling, weg von der Kunst, weg von allen erhöhten Gedanken —: sahen sie es je? Wer in trüben Zeiten nicht Anteil daran nimmt, nahm er ihn in sonnigeren Zeiten? Oder steht nicht vielmehr hier der Philister vor uns, der unveränderliche, steifnackig, indifferent? Unglück schärft den Geist, und wenn es nicht besser macht, so macht es tiefer. Ja, vielleicht macht es den Menschen erst zum Menschen, indem es ihn in Versuchung führt und ihm so Gelegenheit gibt, sich an dem Aeußersten zu erproben. Hier sondert sich endgültig die Spreu vom Weizen, hier enthüllt sich das Bild des Geistigen bis auf den Grund. Aber man soll sich nicht belügen, und so muß hoch dies hinzugefügt werden: es gibt auch ein Unglück — vielleicht eine Kette von Unglücken, — das stumpf macht; was zuviel wird, fließt über den Rand, das Gefäß nimmt es nicht mehr auf. So kann es also — wenn die Metapher erlaubt ist — über den Rand der Seele fließen, das zarte Gefäß vermag die rauhen Inhalte nicht mehr zu bergen. Ja, das kann gesell chen Wir aber, die noch wach sind, sind wir der Anteilnahme enthoben? Sie, die vor a-'Jc/i anderen rufen, vielleicht mit einer leisen Stimme, vielleicht mit einer ausweglosen Trauer, aber doch mit innerlichster Stimme: die Künstler, die Dichter, die Mahner unseres Gewissens, wer hört sie? Sind sie der Menge nicht verdächtig, weil sie die Untüchtigen sind, die Unbrauchbaren, die Narren ihrer selbst — „nur Narr! nur Dichter!" —, die tagelang, ach vielleicht jahrelang, mit aristokratischer Gebärde an einem Gedichte meißeln, bis die Form erarbeitet ist wie das leuchtende Gefüge einer Goldschmiedearbeit?! Wer braucht sie, die unbrauchbaren Schwelger, da Tüchfgkeit die Losung ist, Verdienen, unternehmend sein, industriell, beweglich, anpassend, alle Kräfte wichtig nur im Hinblick auf ihre praktische,. auf ihre pragmatische Verwti 'v?r!:e.l' — o gewiß, da können sie nicht mit, da bleiben sie weit zurück, die Künstlermenschen, die Träumer, die Narren ihrer selbst, die vielleicht mit zerfransten Hosen herumlaufen, aber mit großen staunenden Augen und kompromißlos, während die Wendigen den sogenannten Rahm abschöpfen und verd'enen, möglicherweise um zu verdienen. Nein, da können sie nicht mit, die Künstler, diese armen Reichen. Nie konnten sie das, nie, seitdem es eine menschliche Gesellschaft gibt. Wer aber hört sie, die. vielen Leuten unwichtiger noch als das mailiche Geranke der Glyzinien! Ein Schattendasein führen sie, fremd und fern und unnütz euch, da sie euch weder nähren noch heilen und auch nicht wärmen an Winterabenden wie die künstliche Sonne zu euren Füßen. Aber das ist nicht ihre Schuld, wenn sie eure Seele nicht wär ::?n. (Den Leib zu wärmen haben sie weder die Fähigkeit noch die Aufgabe.) Immer ist es eine kleine, aber durch die Jahrhunderte getreue Schar, die ihnen zugehört, die ihnen die höchsten Entzückungen und Erregungen verdankt.' Und für diese sind sie nicht vergeblich, nicht unnütz. Je schlimmer die Zeit, desto bereiter die kleine Schar der Zuhörer. Nehmen doch sie, die Dichter, an allem teil, was uns bewegt, was überhaupt bewegend ist — müßte man nicht zur Verteidigung dieser Narrheit aufrufen, wenn man nicht wüßte, daß es aus dem Wald gar nicht zurückschallt? Und doch, man muß es wohl! Wenigstens verteidigen muß man sie gegen den „Widerstand der stumpfen Welt" und gegen die Verhöhner ihrer tapferen Einsamkeit. Nur Narr! nur Dichter! Aber eine Narrheit, ewig herrlich wie die Liebe, wie der Stoff, aus dem alles gemacht ist, wie das „absichtslose Wohltun durch Gefühlserwiderung" ist ihre wieder und wieder sich vollziehende Entdeckerfahrt — kindlich und preisgegeben — in die Herzkammern der Welt. Die guten Willens sind und aufgeschlossenen Sinnes, fühlen sich durch ihr Geleit sanft bei der Hand genommen, fühlen sich bewahrt vor dem geistig-seelischen Erstickungstod und, wenn es hochkommt, in ein Reich über den Reichen emporgetragen, das Dasein der Kunst ist ihnen ein Balsam, heute und immer. Erinnerung an Thomas Wolfe Der amerikanische Dichter Thomas Wolfe ist am 15. September in Baltimore gestorben. Sein Hauptwerk ist vor zwei Jahren in der C.-V.-Zeitung gewürdigt worden. Der frühe Tod des großen Epikers — er ist nur 38 Jahre alt geworden — wird überall betrauert werden, wo Ohr und Seele der Sprache des Genies geöffnet sind, Amerika hat viele begabte Schriftsteller, aber es hatte nur einen Thomas Wolfe. Man könnte, ein Wort Heinrich Heines variierend, sagen: „Als Amerika wissen wollte, wie es aussieht, schuf es Thomas Wolfe." Seit Walt Whitman hat es in Amerika keinen Dichter gegeben, der uns in so hohem Grade als Repräsentant einer Welt erscheint, von der wir glauben und hoffen, daß sie im ' wahren Sinne des Wortes eine neue ist. Das Hauptwerk von Thomas Wolfe ist eine Autobiographie, aber diese Autobiographie ist ein Kontinent. Ein Kontinent in seiner UnermeßlicHkeit, mit seinen Riesenströmen, seinen Millionenstädten und mit seiner Fülle an Schicksal, Leid und Größe. Thomas Wolfe war ein großer Realist und gleichzeitig ein welttrunkener Ekstatiker. Seine Visionskraft ist ebenso groß wie sein Wirklichkeitssinn. Alle, die in Amerika eine neue Heimat suchen, sollten sich in die Bücher dieses Frühverstorbenen vertiefen. Sein Werk ist keine handliche Gebrauchsanweisung für Einwanderer, sondern eine tiefe und umfassende Deutung des Amerikanertums. Ein Gestalter, der allen Arten und Spielarten des amerikanischen Menschens den Glutatem des Lebens einhaucht, zeigt selbstverständlich auch Juden Amerikas. Aus der Fülle seiner Anschauung er- Zu Gertrud Chodziesner Gedichtsammlung Auf Gertrud Chodziesner, eine der stärksten, und eigenwilligsten Begabungen unter den jüdischen Dichtern und Dichterinnen der Gegenwart, ist in diesen Blättern, bereits mehrfach hingewiesen worden — so in der Anthologie „Jüdische Lyrik der Zeit" (C.-V.-Zeitung Nr. 15 vom 9. April ICoö) veröffentlicht. Das Bändchen Gedichte*), das jetzt vorliegt, gibt willkommene Gelegenheit, das bisherige Gesamtschaffen -einer Dichterin zu überblikken, deren Weg sich nicht in das dürre Gestrüpp des Lyrisch-Konventionellen verliert, sondern, die einsam ihre Straße zieht, wirklich-unwirklich, ausgestattet mit dem Rüstzeug einer ganz ungewöhnlichen Diktion, hinausstrebend in ein geheimnisvolles Reich phantastischer Visionen. Das einleitende Gedicht der ganzen Sammlung schließt mit einem Anruf an den Leser: „Du hörst, was spricht. Vernimmst Du auch, was fühlt?" Die Frage läßt sich nicht in unbedingt bejahendem Sinne beantworten. Denn Gertrud Chodziesners Lyrik ist nicht die Abspiegelung eines gegenwärtigen Seelenzustandes in der besonderen Aus drucksform des Ich, sondern die lyrische Konzeption entspringt meist nur Reflexen, die andere Gestalten auf ihr Ich zurückwerfen. Auf diese Weise geht dann das einzelne Gedicht nicht durch den Gefühlsstrom eigenen Erlebens und Bekehnens unmittelbar hindurch, es enthüllt sich vielmehr nur im Symbol,, im menschlich dichterischen Gleichnis, im Abglanz eines fremden Schicksals. Und doch: ob auch die Dichterin in der Ich-Form ihrer Gedichte nur die Maske annimmt, die sie von armen oder seelisch freudlosen Stiefkindern des Lebens erborgt — Lumpensammlerin oder Entführte, Uner- ') „Die Frau und die Tiere", Berlin 1938. Jüdischer Buchverlag Erwin Loewe. schlossene oder Gauklerin, SInderin oder alte Jungfer — auch in der Verkleidung wird sie zur Bekennerin, die für das höchste Gebot der Lyrik, die heimlich bildenden Kräfte de» Inneren unverhüllt nach außen zu lenken, ihr seelisches Selbst einsetzt. Wer hört nicht den eigenen schmerzlichen Klageton aus dem Gedicht „Die Erzieherin" in diesen Versen: „Ich füll' die ausgestreckten Hände, wie ich mag. Es ist kein Eigenes ... Schaumlos steht und lauiieh schal In Wäschenähn und Schularbeit der Tag Und in dem ewigen Spaziergang zum Kanal." Und noch einfacher, noch schlichter klingt Subjektiv-Erotisches auf in dem Gedicht „Die Verlassene": „Ich hab' dich lieb gehabt. So lieb, Ich habe so geweint ... mit heißen Bitten ... Und liebe dich noch mehr, weil ich um dich gelitten, Als deine Feder keinen Brief, mir keinen Brief mir schrieb." Solcher echten, tief empfundenen Naturlaute gibt es nur wenige in Gertrud Chodziesners Lyrik; denn das hervorstechende Kennzeichen dieser Lyrik ist das Barock, eine Sprache von einer geradezu verschwenderischen Fülle absonderlicher Bilder und ornamental-malerischen Zierats. Die Dichterin schwelgt in Farben, wie sie — aus neuer Zeit — eigentlich nur Arthur Rimbaud, der französische Symbolist, auf seiner Palette hat. Was auch immer bei der Dichterin diesen Farbensinn geweckt haben mag — ob es nur ein pretiöses Spiel mit Worten ist oder, echt romantisch, einer besonderen Seelenstimmung entspricht — dies Sonnenbraun und Rosenrot, dies Pfauenblau und Orangen, dies Schwarzgrünlich und Silberfarben, dies Apfelsinehgelb und Smaragdendiea Kupfern und Graubläulich präsentiert aich als das überreiche, schmückende Beiwerk einer Verssprache, über der sich dann noch die kühnsten, abgelegensten Metaphern wie schwere, dunkle Kuppeln wölben. Wie die unheimlich schwellende und luxuriöse Färbensymphonie der Gedichtsammlung auf Rimbaud abgestimmt ist, so ist ihr animalischer Teil — „Tierträume" betitelt — an einem anderen Dichter, dem Belgier Maurice Maeterlinck, herangereift, der für das orphische Gedicht „Das Haar" auch das Motto hergegeben hat. Auch bei Gertrud Chodziesner ist — wie bei dem Dichter des „Blauen Vogel" und des „Lebens der Bienen" — die Beseeltheit aller tierischen Kreatur nicht nur ein poetisches, sondern auch ein ethisches Motiv. Wenn die sanftäugigen Rehe „mit stumm, zerbrochenem Gesicht", von einer Kugel getroffen, tot hinstürzen; wenn ein verlorener Hund seinen Herren sucht und einsam durch die kalte Stadt irrt; wenn die kleinen Fische im Aquarium sich „immer wieder im Kreise drehn, immer wieder an ein Glas stoßen, statt in.. lebenden Gewässern hinzuwehn"; wenn ein altes Pferd mit „welken Kiefern" zu dem „niedern Eimer" sich nach Futter bückt — so ist es, ganz wie bei Maeterlinck, das Mitleid mit den Tieren, das die Dichterin trotz allen romantisch-vagen Vorstellungen und Wunderlichkeiten der sprachlichen Phantasie in der Tiefe beseelt und das in einem reinen, altruistischen Empfinden zum Ausdruck kommt. Man möchte wünschen, daß Gertrud Chodziesner auf diesem Wege weiterschreitet; daß sie die verschlungenen Pfade des allzu Abseitigen meidet; daß sie aus dem verhangenen Bereich dunkler Seelenmächte in die klare, freie, allumfassende Natur hinaustritt; daß sie die Sprache weiter meistert, aber mit dem Füllhorn der Bilder sparsamer umgeht; vor allem aber, daß sie immer mehr erkennen lernt: nur das, „was fühlt", nur „ein volles, von einer Empfindung Übervolles Herz" macht den Dichter. nug0 Lachmanski stehen seine jüdisch-amerikanischen Menschen, nicht aus einer Doktrin. Thomas Wolfe ist eine Elementarkraft, die ihr Selbst im All äußert und nicht etwa Meinungen über dies und jenes. Die Frage, ob er ein Philo- oder Antisemit gewesen, verkennt daher gänzlich die Eigenart der dichterischen Aussage. Die Laune der Natur hatte Thomas Wolfe einen übergroßen Körper gegeben. Wenn, man neben ihm ging, war es, als ob man neben einem Turm wandelte. Die Tragikomik des Riesentums hat er in seiner Novelle „Gulliver" geschildert. Er AUSWANDERUNGS-VORSCHRIFTEN für Juden in Deutschland von 0r. Heinz Cohn und Dr. Erich Goitfeid 112 Seiten RM2.50 Zu beziehen durch die Jüdischen Buchhandlungen und Joseph Jastrow, Jüdischer Buchverlag, Berlin W15 besaß auch die sprichwörtliche Gutartigkeit des Riesen. Er konnte lachen, sich des Lebens freuen und die Nacht zum Tage machen. Er hatte das 'Naiv-Jungenhafte, das uns an manchen Angelsachsen entzückt. Seinen Aufenthalt in Deutschland genoß er wie ein lebensprühender Knabe die erste Reise genießen mag. Ihm, der die Arbeit ernst nahm wie nur je ein Künstler, war es zu gönnen. Wie leuchteten seine Augen, als ich ihm versichern konnte, daß die Uebersetzung seiner Bücher allen Ansprüchen gerecht werde, die man an ein so schwieriges Unternehmen stellen dürfe. Wie unbeschwert war er, wie heiter, als wir auf einer Cafehaus- Terrasse über den Zoo, das Aquarium und andere Sehenswürdigkeiten Berlins plauderten, die er besichtigen wollte. Sein wuchtiger Körper schien im Glanz der Nachmittagssonne zu baden. Alles interessierte und amüsierte ihn. Wie kindlich konnte dieser reiche und tiefe Geist sein. Er fragte nach der Bedeutung des Wortes „Mahlzeit", das er mehrfach gehört hatte, aber sich durchaus nicht erklären konnte. Er ließ sich das Wort, das ihm so schwer erschien, vorbuchstabieren, und er wiederholte es eindringlich, um es für immer seinem Sprachschatz einzuverleiben. Bei unserer letzten Begegnung lagen schwere Schatten über dem Schicksal der Juden in Deutschland. Da tat es gut, sich am Anblick eines Unbelasteten zu stärken, dem Arbeit und Not nicht die Kraft geraubt hatten, voni goldenen Ueberfluß der Welt zu trinken. „Wer unter uns hat seinen Bruder gekannt?" fragt Thomas Wolfe zu Beginn seines großen Romanwerkes. Er selbst, der ein Genie war und sich als guten Jungen gab, war ein brüderlicher Mensch. P.M. Jüdischer Kulturbund Berlin Theater in der Kommandantenstr. 57. 25. bis 27. September geschlossen: 28. September, 20 Uhr: „Gespenster" (Abt. 2. 12); 29. Septem., ber. 20 Uhr: „Gespenster" (Abt. 1, 11); 1. Oktober, 20 Uhr: „Rigoletto" (Abt 29, 39). Kulturbundsaa!, Kommandantenstr. 58/59. 1. Oktober, 20 Uhr: Vortrag Kurt Bau mann. Das jüdische Antlitz D<r diesjährige Kalender des Jüdischen Frauenbundes hat sich als Leitmotiv „Jüdisches Familienleben" gewählt, das er durch künstlerische und literarische Dokumente illustriert. Die jüdische Familie, nach Hermann Cohen „das Institut der menschlichen Treue", nach Ismar Elbogen „der Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung" (diese Zitate sind dem Kalender entnommen), ist heute gelockerter und enger denn je. Denn man spürt nur ein Entferntsein, keine Trennung und lebt von der Hoffnung einer Wiedervereinigung. Die Bindungen der jüdischen Familie beruhen auf langer Tradition und werden in dem Kalender belegt durch. Worte namhafter Persönlichkeiten aus Büchern, Briefen, auch aus. Testamenten, die eine schreiblustigere Zeit gefühls- und inhaltsvoll nicht wie die heutige hur juristisch-präzise abfaßte. 30 Abbildungen sind beigegeben, die man aber, obwohl große .Künstlernamen nicht fehlen, weniger kunstgeschichtlich als faniilienkundlich werten soll. Es ist aufschlußreich, den gleichen Menschen in Jugend und Alter zu sehen, Enkelkinder neben den Großeltern. So rollt sich eine Bildfolge des jüdischen Antlitzes vor uns auf; auch hier findet man viele prominente Namen — vom strengen Klassizisten über den geruhsam-harmonischen Biedermeier bis zum lebendig-nervös Modernen. Gruppenbilder geben Milieu und Atmosphäre dazu. Man soll die formal-künstlerischen Gesichtspunkte nicht in den Vordergrund stellen, aber man soll sie auch nicht ganz unterdrücken. Manches Kunstwerk fesselt in zeitlosem Zauber, und manche künstlerische Gestaltung fordert zum Vergleichen und Nachdenken auf. Es ist sehr vieles angeregt, aber nichts zu Ende geführt, und dadurch ist der Kalender bunt und reich, so wie die Tage sind, die er begleiten solL Dr. Margarete Steinberg