Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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- L / ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDE XVIL Jahr$, / Nr. 38 Berlin, 22. September 1938 Preis 10 Pfennig G«*efcIitset«U* (Varia«. Rodaktion, An« tahm*. Vartriabaabtaflnag): Berlin W15, Esam *9u. 4X . Fcnupr.i 928141—45. T«l«fr.-A4r.t Castralglanb««, Badfe. P»rU«A<»ckk*nta»f Borli« 70344, Prag T/2 SB« Zarich Vffl 24303 Bankkonto j A E. Waatenaana, Berlin W Ä. Di. C. - V. - Zeituas «rschtlat wöchentlich an Donnarata*. RadalrtioiUiehlttBi Dleattsg. BaataOunga» nimmt Jod«. Poatamt «nd di. Getchtftaatalln «steegan. ZtutaU-nf «rfol«t dosreh di» cu. «u» Gebühr« duiefc den Poatbot«. erkabt. B«wJ«pr«U Tierteljabrlid» 81 RpL («in-chl 22,74 Rpt P©«waiton»Habakr) «MÜgHefa 18 RpL BaateUt.ld. För Aui!««! vlartalJIhrUch 2.30 RM (um««-*c!bna« In dl» I andaawlhruns) ain»chli«£lidi jfeataUgebfllir««. Einzelnumma» 10 Rpf (Aonland 20 RpL) Im Fall« hRharer Gawalt beataht kata Anaproch auf Nachlieferung »dar Rßckv«rgünui| dar gezahlten B.rrtg». - Asstigengeb&reBi Prei.llna 6 rfihia, EM« I2«aep. »ra-Zeile 20 RpL för St*!l*nee<njrb» 10 RpL, für Familienaiireiseii 16 RpL, weitere emaäSiRt« Grundpreis« riebe Preisliste. Finrelunxeigen aar geCen Vorau«ahlunf - AMeigejuchlnBi Dienstag. Plattand Datenvorachrih« ohne Verhindlichk.lt Mose €* 111111111 Die Grundlage A. H. Es tut vielen unserer Menschen not, einmal für ein paar Tage die Atlanten, die Transfertabelien und" die Prospekte der Schiffahrtslinien beiseite zu legen und \sich klar zu werden, wo wir stehen. Damit meinen wir in diesem Zusammenhang nicht die Ereignisse, die den Boden unseres äußeren Daseins bestimmen und begrenzen — sie sind uns Tag und Nacht gegenwärtig —, sondern die innere Grundlage unseres Lebens mit seinen Erscheinungen und Forderungen. Man darf hierin nicht eine Verlockung zur Flucht in die Unwirklichkeit vermuten. Wir wollen vielmehr während weniger Tage in einer höheren Wirklichkeit zu Hause sein, von der aus wir den umfassenderen Ueberblick über die Alltagswelt erlangen, um uns danach besser in ihr zurechtzufinden. Denn es scheint, als ob so mancher aus unseren Rethen mehr in den verwirrten Bezirken seiner Seele als auf den Wegen des Alltags in die Irre zu gehen Gefahr läuft. Kein Wunder, denn in ihren Wünschen und Hoffnungen und Befürchtungen durchllnsete Festnummer Die Zeit gestattet nicht, auch nur eine kurze Woche die Tagesereignisse außer acht zu. lassen. Wohl aber rechtfertigt die Festwoche, deren Beginn die vorliegende* Ausgabe der C.-V.-Zeitung einleitet, den Tagesereignissen dieses eine Mal ihren Platz erst hinter den dem Fest gewidmeten Beiträgen anzuweisen. Zwei Fragenkreise haben wir gezogen: Wir haben gebeten,» uns die Tatsachen mitzuteilen, die das Bild der jüdischen Diaspora widerspiegein, in ihren Gegebenheiten sowohl wie in den Entwicklungsmöglichkeiten, die erst in ihren Ansätzen sichtbar sind. Keine geistesgeschichtlichen Analysen haben wir gefordert, sondern Tatsachen als Ausgangspunkt für die Erkenntnis dessen, was als Gelingen oder Versagen draußen in der Welt geschieht. Dabei sollten auch die Ansätze jüdischer Gemeinschaftsbildung gewürdigt werden. Wir veröffentlichen heute einen Teil . der Ergebnisse. Weitere Arbeiten sind wegen Raummangels zurückgestellt worden. Ein zweiter Themenkreis ist literarischer Natur. Unser Erzählerpreisausschreiben wird auch außerhalb des lesenden Publikums in den Kritikerkreisen als ein Erfolg gewertet. Wir haben daher einige Preisträger von damals eingeladen, sich unseren Lesern in der Festnummer wieder vorzustellen. Wir haben sie gebeten, uns einen Beitrag zu liefern, der auch darin bestehen könne, daß sie erklärten, weshalb sie — keinen 'Festbeitrag leisten könnten. Unsere Leser mögen entscheiden, ob der Versuch geglückt ist. mißt unsere Seele täglich, stündlich einen Weg von ungeheuren Ausmaßen. Männer, Frauen, die ein Leben lang in übersehbaren, genau abgezirkelten Bereichen ihren Beruf ausgeübt, ihre kleinen persönlichen Leiden und Freuden erlebt haben, sehen sieh immer starker in Situationen; hineingestellt, denen sie nicht gewachsen sein können, wenn sie nur aus der einst vertrauten Sphäre heraus denken und sorgen. Sie kommen mit ihren alten Maßstäben nicht mehr aus. Aber merkwürdig: sie wußten früher auch nicht, wo Bogota, Canberra, Quito und Rosario liegen. Jetzt haben sie es gelernt. Wozu gibt es Landkarten! Man muß doch wissen, wo mau vielleicht einmal hinkommt, oder wo die Kinder schon leben. Und das vergrößert oft die Verwirrung; die kleine Seele im großen Raum. Manchem ist in den letzten Jahren klar geworden, daß es auch eine Art Landkarte der menschlichen Gemeinschaft gibt, die ihm hilft, sich zurechtzufinden: die Geschichte mit ihren Tatsachen und Tabellen. Aber viel zu wenige bemühen sich um die ewige große Karte des menschlichen Geistes, die unser Schrifttum^ ist; sie lassen die Hauptzüge dieser Karte nur zu Bruchteilen in sich zu der Wirklichkeit werden, die die sogenannten Realfächer für sie seit langem bilden. Man vergißt zu leicht, daß die höhere Wirklichkeit des Geistes zugleich auch die echtere Wirklic-hkeii der Tatsachen ist. Die Menschen sind auf dieser Erde interessengebunden, und je empfindsamer für uns Juden der Seismograph unseres ma- - teriellen Daseins ^ut jede Erschütterung - reagiert, um so enger fassen wir die Fragej ob, was gerade geschieht, für uns gut oder schlecht auszulegen sei. Und so stellen viele in unseren Reihen die c Frage so oft, wie neue Nachrichten sie erreichen. AbeT wenn man dann von ihnen wissen möchte, warum sie die eine als gut, die andere als schlecht empfinden, dann kommen widersprechende Antworten. Sie haben nicht „nachgeschlagen", was echtes jüdisches Denken zu solchen Ereignissen zu sagen hätte, zu welchem unveränderlichen moralischen Pol die Magnetnadel des vieltausendjährigen jüdischen Kompasses hinweist. Wir kennen die Antwort, die viele uns jetzt geben werden: Was wir wollen, ist sehr viel einfacher, wir möchten Ijben können. Aber es gibt für Juden sehr oft kein „einlaches" Leben. Wenn sie leben wollen und als Juden leben wollen, muß ihnen die Vielfalt unserer Lebensgrundlagen, muß ihnen die geistige Landkarte unseres jüdischer. Daseins gegenwärtig sein. Sonst verwirren sie sich. Die Rosch liaschana-Tage zwingen auch sonst Widerstrebende in den Bann jüdischen Geistes. Sie werden immer wieder aufklingend als Leitmotiv unserer jüdischen Frömmigkeit, unserer Lebens- und Geschichtsauffassung die Bitte um Frieden, den heißen Wunsch nach Frieden, antreffen. Die jüdische Magnetnadel zeigt klare Richtung. Wir variieren ein tiefes Wort Leo Baecks ein wenig, wenn wir sagen: in der großen Zukunftshoffnung einer Gemeinschaft drückt sich aus, was der Sinn ihrer Geschichte ist. Lnsere jüdische Zukunftshoffnung, der Sinn, den wir in der Geschichte sehen, ist die Versöhnung, ist der Friede, wie ihn die Visionen eines Jesaja, eines Micha geschaut haben: „Dereinst in den .späteren Tagen wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen, hochragend über allen Bergen und erhaben überfalle Hügel, und zu ihm werden alle Nationen strömen ... Sie werden ihre Schwerter zu Sicheln umschmieden und ihre Lanzen zu Rebmessern. Eine Nation wird nicht fürder gegen die andere das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr das Krieg führen Ter- „ ^„ « ncn. Keine schwächliche Friedenssehnsucht spricht aus diesen Worten, sondern eine starke Bewußtheit für die Zeit, in der nach dem Worte unserer Weisen die Welt auf drei Dingen beruhen'-wird: auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden. Der Oberrabbiner des Britischen Reiches, Dr. Herz, hatte für den 18. September einen allgemeinen Fasttag angeordnet, an dem für die Befriedung im allgemeinen und für die Besserung der jüdischen Lage in der Welt im besonderen gebetet wurde. Die ItelcIisveriretiiM^ an die Jaden In Deistecltlstnd An der Wende der Jahre ist es uns geboten, deutlich das zu sehen, was ist, und klar zu erkennen, was sein soll. Lastender noch als in früheren Jahren war jetzt Monat um Monat die Schwere des Geschehens auf uns gelegt. Keinem ist. es erspart geblieben. Alles Aeußere unseres Daseins wurde davon erfaßt und bedrückt, und immer wieder drohte es auch das Innere unseres Lebens zu ergreifen, unserer Seele den Atem zu nehmen. Wie oft haben uns Zweifel umringt, wie oft hat fast Verzweiflung uns überwältigen wollen. Wir wissen um alles, was gekommen, um alles, was da ist. Um so fester und bestimmter wollen wir deshalb unseren Blick dahin richten, wo unsere Geschichte es uns klar zeigt, wie in allen unseren Generationen Versunkenes wieder zur Zukunft geworden ist, wie sich uns stets das Leben, das beendet schien, erneuert hat. Auch wir sehen es jetzt, wie neue Stätte der Heimat überall auf Erden von unserer Jugend errungen wird, wie damit auch für die A eiteren ein Platz sich zuzurüsten beginnt. Wir dürfen stolz auf das sein, was unsere jüdischen Menschen, in neuen Formen des Daseins arbeitend, für sich und für uns alle vollbringen. Wohl ist es ein langsames Werden und ein mühevoller Weg; aber alles, was bestehen soll, verlangt seine Zeit und fordert sein Bauen, Stein um Stein. Wir Juden sind das Geschlecht, das zu erwarten vermag; die Gcduid ist unsere Kraft. Von einem hängt alles ab, davon, daß wir wissen, was sein soll. Wir sollen unseren großen Glauben, den Glauben unseres Judentums, in uns wahren, in uns lebendig erhalten. Das bleibt uns doch gegeben, daß wir in ihm leben, in ihm unsere Kinder erziehen können. Und nur wo er ist, wird uns wahrhaft Stätte unserer Zukunft bereitet sein. In ihm wollen wir alle fest sein, in Schlichtheit und Geradheit, in Echtheit und Rechtschaffenheit, die einen zur Ferne hinausziehend, die anderen eine Stunde, die auch sie zu Neuem führt, erhoffend. In unserem Glauben haben wir immer aufrecht dagestanden. Wir Juden sind das- Geschlecht, das des Ewigen gewiß ist. So wir mit Gott sind, wird Gott mit uns sein. gez. Baeck gez. Hirsch Pank und Groß Am Ende eines langen schweren Jahres muß allen denen herzlicher Dank ausgesprochen werden, die hingebend und pflichttreu den aufreibenden Dienst an unserer Gemeinschaft geleistet haben. Weil die Ereignisse, wie so oft, auf unsere Wünsche wenig Rücksicht nehmen, ernten sie vielfach statt des verdienten Lobes unverdiente Kritik. Das ist ungerecht und soll am Tage der Selbstbesinnung richtiggestellt werden. Ein aufrichtiger Dank gebührt dem Freunden im Jüdischen Central-Verein, gleichviel ob sie in der Zentrale oder im Reiche tatig waren. Sie haben die Lücken, die durch das Scheiden bewährter Mitarbeiter entstanden,- für die Außenstehenden unmerklich geschlossen. Der schwersten, der bewegendsten Fälle haben sie sich mit unveränderter Liebe und Wärme und unter Einsatz ihrer ganzen Persön Henkelt angenommen. Wo sie nicht helfen konnten, haben sie mit herzlicher Menschlichkeit getröstet und aufgerichtet. Mit wehmütiger Freude denke ich an die Freunde, die sich räumlich von uns trennten. Im letzten Jahre schieden sehr viele aus unseren Reihen. Mit ungebeugtem Mute gingen sie an die schwere Aufgabe, ein neues Leben zu beginnen, in " alle Teile der Welt zerstreut, bewahren sie uns ihre Anhänglichkeit. Unsere besten Wünsche haben sie begleitet. Wir geloben heute, die alte Freundschaft nach Kräften zu halten. Wir sind sicher, daß unsere herzlichen Gefühle in gleicher Weise erwidert werden. Wir hoffen zuversichtlich, daß ihr willensstarkes Streben von Erfolg gekrönt wird. Drinkbar erkennen wir an, daß sie sich bereits der Nach wandern den annahmen, und wir bezweifeln nicht, daß sie auch künftig für die ihnen Folgenden alles in ihren Kräften Stehende tun werden. Nicht zuletzt haben wir dafür zu danken, daß wir den Beginn de» neuen Jahres erleben dürfen. Möge es uns nicht mehr auferlegen, als wir zu tragen fähig sind. Machen wir uns stark, unser Geschick in Ehren und mit Würde hinzunehmen. Vergegenwärtigen wir uns: Die Natur hat alles Leben, das sie hervorbringt, unabänderlichen Gesetzen unterworfen. Nur uns Menschen gab der Baumeister der Welt die Möglichkeit, eine eigene Welt i n u n s aufzubauen, i n i h r unsere Eigenart zu entwickeln, ohne den Zusammenhang mit dem Leben draußen zu verlieren. Uns befähigt er zur Sammlung der Kräfte in der eigenen Seele, wie zum tätigen Einsatz dieser Kräfte nach außen. Trotz aller Abhängigkeit von ,den Gegebenheiten erlaubt er uns so, das Allerwirklichste zu schaffen: das seiner selbst gewisse Ich. Freilich kommen wir nicht mit dem kleinen Kapital unserer eigenen Vernunft aus. Aber gestützt auf die Weisheit zahlreicher Generationen vor uns wird es uns gelingen, den uns beschiedenen Weg fortzusetzen. Allen Freunden drinnen ifhd draußen, den Mitgliedern des Jüdischen Centrai- Vereins, den Lesern dieses Blattes und allen denen, die sich uns verbunden fühlen, rufe ich in diesem Sinne meinen herzlichen Glückwunsch für 5699 zu. Dr. Herzfeld, Essen, Vorsitzender des Jüdischen Central - Vereins